Amok im Kopf

Nach und nach ergibt sich ein zusammenhängendes Bild von David S., dem Schützen von München. Offenbar hatte er psychische Probleme, die Polizei fand bei ihm Texte zu Breivik und dem Amoklauf in Winnenden.

Eine Privataufnahme von David S. aus dem Jahr 2015 (Foto: oh)

Eine Privataufnahme von David S. aus dem Jahr 2015 (Foto: oh)

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Als die Polizei in der Nacht die Wohnung von David S. durchsuchte, fand sie ein Buch. «Amok im Kopf: Warum Schüler töten» heisst es, erschienen 2009 nach dem Amoklauf von Winnenden, bei dem ein 17-Jähriger an seiner früheren Realschule 15 Menschen und sich selbst tötete. Auf dem Cover des Buches sind drei Einschusslöcher abgebildet. Der Psychologe Peter Langman versucht darin zu erklären, warum junge Menschen eine Waffe in die Hand nehmen und auf andere Menschen schiessen. David S. war so ein junger Mensch, 18 Jahre alt. Auch er hat eine Waffe genommen und auf Menschen geschossen.

In seiner Wohnung fanden die Ermittler der Spezialeinheit GSG9 noch Zeitungsartikel über Amokläufe und Texte zu Polizeieinsätzen nach solchen Vorfällen. Eine Verbindung zur Tat von Anders Behring Breivik, der am Freitag vor genau fünf Jahren in Oslo 77 Menschen tötete, liege auf der Hand. David S. habe sich obsessiv mit Amokläufen beschäftigt, konkret seien Beiträge zu Winnenden und Breivik dabei gewesen. Das alles sagten Vertreter von Polizei und Staatsanwaltschaft bei einer Pressekonferenz am Samstag in München. Was die Polizei nicht fand: Hinweise auf den Islamischen Staat (IS), Hinweise auf einen terroristischen Akt.

300 Schuss Munition im Rucksack

Was David S. getan hat, kann man mittlerweile gut rekonstruieren: Mit einer Pistole, Typ Glock 17, 9 Millimeter, tötete er am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) und am benachbarten McDonald's neun Menschen und am Ende sich selbst. Seine Opfer waren fast ausschliesslich junge Menschen: Drei waren 14 Jahre alt, zwei 15 Jahre alt, weitere Todesopfer waren 17, 19 und 20 Jahre, eine Tote war 45 Jahre alt. Die Waffe hatte er sich aller Wahrscheinlichkeit nach illegal beschafft, die Seriennummer war weggefeilt. Als er starb, hatte er noch 300 Schuss Munition im Rucksack und noch einige Kugeln in der Waffe.

Warum er es getan hat, weiss man nicht, es gibt aber Puzzleteile, die sich langsam zu einem Bild zusammenfügen. S. wurde in München geboren und ist auch in München aufgewachsen, er besass einen deutschen und einen iranischen Pass. Er wohnte in der Maxvorstadt zusammen mit seinen Eltern und seinem Bruder in einer Wohnung. Ein stiller und angenehmer Mensch sei er gewesen, nebenbei soll er Zeitungen ausgetragen haben. «Man hat sich gegrüsst, sonst ist er nicht aufgefallen», sagte ein Anwohner. Die Familie war bei den Nachbarn beliebt, sie galt als bodenständig. Der Polizei war David S. nicht bekannt, zwei Einträge gibt es zu ihm aus den Jahren 2010 und 2012. Einmal wegen einer Auseinandersetzung mit anderen Jugendlichen, einmal wegen Diebstahl. Beide Male war S. der Geschädigte.

Eine «nicht unerhebliche psychische Störung»

David S. war aber wohl in psychologischer Behandlung. Er habe möglicherweise eine Erkrankung «aus dem depressiven Formenkreis» gehabt, formulierte es Staatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch vorsichtig. Das würde ins Gesamtbild passen, sagte er. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann sprach von Hinweisen auf eine «nicht unerhebliche psychische Störung». Herrmann deutete an, dass David S. wohl auch schulische Probleme hatte. Innenminister Thomas De Maizière sagte am Samstag Nachmittag, der Täter habe kein religiöses Leben geführt. Es gebe Hinweise, dass er gemobbt worden sei.

Der Täter selbst sagte in einem Video, das ihn auf dem Parkplatz nahe dem Olympia-Einkaufszentrum in einer Auseinandersetzung mit einem Anwohner zeigt: «Ich bin Deutscher, ich bin hier geboren worden. Ich war in stationärer Behandlung.» Und: «Wegen euch bin ich gemobbt worden sieben Jahre lang. Und jetzt musste ich mir eine Waffe kaufen, um euch alle abzuknallen.» Die Polizei hält das Video für authentisch.

Es gibt Hinweise darauf, dass es keine spontane Tat von David S. war, sondern dass er sie länger geplant hatte. Der Polizei zufolge «spricht vieles dafür», dass der 18-Jährige mit einem ihren Erkenntnissen zufolge gehackten Facebook-Profil junge Menschen in den McDonald's am Olympia-Einkaufszentrum locken wollte. «Kommt heute um 16 Uhr Meggi am OEZ», stand in einem Facebook-Post einer «Selina Akim», der auf Stunden vor der Tat datiert war. «Ich spendiere euch was wenn ihr wollt aber nicht zu teuer.» Die Nachricht erreichte vor allem junge Menschen und Schüler.

Früh den wahren Absender erkannt

Das Profil wurde gesperrt, doch auf Screenshots ist zu erkennen, dass der Name von David S. schon am Freitagabend fiel, Stunden bevor die Münchner Polizei in der Nacht die Wohnung der Familie in der Maxvorstadt durchsucht hat. Auf dem Account wurden wiederholt Einladungen in das Fastfood-Restaurant gepostet; befreundet mit dem Account waren Dutzende Jugendliche - von denen allerdings einige schon vor der Gewalttat skeptisch reagierten und warnten. «Der Account ist fake, 100 % (...), der kerl ist psychisch gestört und will nur aufmerksamkeit», schrieb ein Nutzer, der frühzeitig in einem Facebook-Kommentar den Nachnamen von David S. als wahre Identität von «Selina Akim» nannte und laut eigener Aussage auch die Polizei informierte.

Die Leiche von David S. wurde gegen 20.30 Uhr gefunden, einen Kilometer entfernt vom Tatort. Eine Zivilstreife hatte ihn gestellt und auf ihn geschossen, allerdings nicht getroffen, so das Ergebnis der Obduktion.

Weitere Infos, ob es eine intensivere Verbindung zu Breivik gab, ob er, wie ein Sicherheitsvertreter der Nachrichtenagentur dpa sagte, den Amoklauf von Winnenden verherrlicht habe oder ob er gewaltverherrlichende Computerspiele gespielt hat, gab es noch nicht. Die Eltern von David S., sagte die Polizei, seien noch nicht bereit für eine Befragung. Auch sie hätten ihr Kind verloren.

Ein Artikel der Süddeutschen Zeitung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.07.2016, 17:33 Uhr

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