Ausland

«Wütend und enttäuscht»

Von Samuel Reber. Aktualisiert am 03.04.2012

Hungerstreik, Streit, Einschüchterungen, aber auch Solidarität: Die Zürcherin Anne-Kathrin Thürer* schildert aus Kairo gegenüber DerBund.ch/Newsnet die Lage am «Freedom Gaza March».

1/11 Grossaufgebot der Polizei, als Aktivisten die französische Botschaft zu besetzen versuchten.

   

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Die Aktion

Ägypten hat 100 Aktivisten aus aller Welt die Einreise zu einem Gedenkmarsch in den Gazastreifen erlaubt. Unter den Teilnehmern sind auch mehrere aus der Schweiz. Die offizielle Schweizer Delegation umfasst sechs Personen.

Die Demonstranten sollten nach Angaben der Organisatoren am Mittwochmorgen über den Kontrollpunkt Rafah in das abgeriegelte Palästinensergebiet einreisen, um an dem für Donnerstag geplanten Marsch anlässlich des ersten Jahrestages der Gaza-Offensive durch Israel teilzunehmen.

Insgesamt waren 1300 Aktivisten aus über 40 Ländern nach Kairo gereist, um von dort aus in den Gazastreifen zu gelangen. Als Hauptorganistorin gilt Code Pink aus den USA, eine US-amerikanische feministisch-pazifistische Bürgerrechtsbewegung.

Die ägyptischen Behörden hatten ihre Einreise mit Verweis auf die «sensible Lage» in dem Gebiet zunächst ganz untersagt. Nachdem einige Demonstranten in den Hungerstreik getreten waren und an mehreren Orten in Kairo protestiert hatten, einigten sich die Organisatoren und die ägyptische Regierung nun auf die Einreise einer Delegation von 100 Aktivisten.

Israel hatte am 27. Dezember 2008 die Offensive «Gegossenes Blei» im Gazastreifen begonnen, um die Raketenangriffe aus dem Gebiet auf israelischen Boden zu unterbinden, wie es von israelischer Seite hiess. Bei der dreiwöchigen Militäraktion wurden mehr als 1450 Palästinenser getötet, mehrheitlich Zivilisten.

100 Aktivisten reisen nun doch in den Gazastreifen ein. Sind Sie dabei?
Nein, ich bin nicht dabei. Viele der Delegationen boykottieren das Angebot der ägyptischen Regierung, da es Ziel war, dass alle Teilnehmer gemeinsam mit der Bevölkerung von Gaza demonstrieren. Im Moment sieht es so aus, dass ein oder zwei Busse vor Kurzem in Richtung Gaza losgefahren sind, hauptsächlich mit Leuten von Code Pink, der Hauptorganisatorin des Marsches. Eine Gruppe von Aktivisten, die gegen diesen Entscheid war, hat versucht, die Busse an der Abfahrt zu hindern.

Sind Sie enttäuscht? Wie ist die Stimmung unter denjenigen, die nun nicht einreisen dürfen?
Natürlich bin ich enttäuscht, dass die Einreise nicht klappen wird oder nur für diejenigen, die sich auf den Handel mit der ägyptischen Regierung eingelassen haben. Meiner Meinung nach sind die, die hier bleiben, grundsätzlich wütend und enttäuscht, auch weil die Aktivisten als Gruppe zersplittert wurden und dadurch die Wirkung des Marsches an Einfluss verliert. Andererseits sind gewisse Leute auch froh, dass mit den zwei Bussen die humanitären Güter, die sie von zu Hause mitgebracht haben, Gaza erreichen.

Wie geht es nun weiter, reisen Sie sogleich heim?
Ich reise wie geplant am 4. Januar nach Hause.

Vorgängig wurden mehrere Hundert Menschenrechtsaktivisten an der Einreise in den Gazastreifen gehindert. Die Busse wurden gestoppt und mussten nach Kairo zurückkehren. Wie wurden Sie von den ägyptischen Polizisten behandelt?
Ich war nicht unter den Aktivisten, die versucht haben, die Grenze individuell zu erreichen, sondern bin mit einem Grossteil der Leute in Kairo geblieben. Immer wieder sind kleinere, individuelle Gruppen gestartet, von denen jedoch keine Erfolg hatte und bis nach Gaza kam. Soviel ich weiss, stehen oder standen gewisse Leute in El Arish unter Hausarrest. Grundsätzlich ist die Militär-, Polizei- und Geheimdienstpräsenz bei den Aktionen, die hier in Kairo stattfinden, sehr gross. Es wird versucht, grössere Ansammlungen von Aktivisten einzuschüchtern, gewalttätig eingegriffen wurde bisher nicht. Offiziell sind momentan Ansammlungen von mehr als 6 Personen verboten.

Wie ist die Stimmung unter den Aktivisten? Ist es friedlich, oder sind auch militante Vertreter darunter?
Ich glaube, viele Aktivisten sind momentan sehr frustriert, die Kommunikation unter so vielen Leuten ist enorm schwierig, die Interessen und der Grad an Radikalität äusserst unterschiedlich. Rund 300 Franzosen von Europalestine haben die franzäsische Botschaft besetzt, nachdem ihnen am 27. Dezember Busse versprochen wurden, was aber nicht geklappt hat.

Einige sind in den Hungerstreik getreten. Sie auch?
Nein, ich bin nicht im Hungerstreik. Dies ist hauptsächlich eine kleine Gruppe um die Holocaustüberlebende Hedy Epstein. Ich persönlich sehe die Botschaft, die sie als Holocaustüberlebende vermitteln kann, denke aber, dass dies im grösseren Rahmen von vielen Hungerstreikenden nicht allzu sinnvoll ist.

Die Offensive der Israeli vor einem Jahr hat das Leid der Palästinenser zweifellos verstärkt. Hat man in ihrem Lager auch Verständnis für die Situation der Angreifer?
Dieser Aspekt wurde, zumindest an den Treffen, an denen ich teilnahm, nicht thematisiert.

Was möchten Sie mit dem Marsch erreichen? Was für ein Zeichen soll gesetzt werden? Der Marsch soll ein symbolisches Zeichen dafür setzen, dass Gaza und die fürchterliche humanitäre Situation der Bevölkerung durch die Blockade von der internationalen Zivilbevölkerung nicht vergessen wird. Er soll Aufmerksamkeit auf Gaza lenken zum ersten Jahrestag der israelischen Militäroffensive. Der Slogan des Marschs war oder ist «Break the Siege» (Die Belagerung durchbrechen).

Was bleibt Ihnen bisher als eindrücklichstes Erlebnis dieser Reise in Erinnerung?
Ich halte es für enorm eindrücklich, wie viele unterschiedliche Menschen hier angereist sind aus aller Welt aus Solidarität mit der Bevölkerung in Gaza. Diese Begegnungen gehören sicherlich zu den guten Erinnerungen, die ich mit nach Hause nehmen werde.

*Anne-Kathrin Thürer (25) studiert Ethnologie an der Universität Zürich. Ihre Teilnahme am «Gaza Freedom March» ist Teil ihrer Lizenziatsarbeit. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.04.2012, 11:17 Uhr

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