Ausland

«Wir kämpfen hier einen Kampf, aus dem es kein Zurück gibt»

Von Rudolf Burger. Aktualisiert am 26.02.2011

Ghadhafi kann sich nur noch einige Tage halten, sagt Ahmad Bentaher, Arzt in der libyschen Stadt Benghazi. Aber würde der Diktator doch noch siegen, würde er «alle, die am Aufstand beteiligt waren, umbringen».

Tausende – unter ihnen auch Ahmad Bentaher – nahmen gestern an der Anti-Ghadhafi-Protestkundgebung in Benghazi teil. (Keystone)

Tausende – unter ihnen auch Ahmad Bentaher – nahmen gestern an der Anti-Ghadhafi-Protestkundgebung in Benghazi teil. (Keystone)

Ahmad Bentaher

Ahmad Bentaher ist 37 Jahre alt. Er hat in LibyenMedizin studiert. Danach arbeitete er als Arzt einige Jahre in derSchweiz und in Deutschland. Seit Oktober 2010 ist er zurück in Libyen. Ahmad Bentaher ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Er arbeitet im Spital Jala’a in Benghazi, der Stadt, in der er auch wohnt.

Das vorliegende Interview wurde am Freitagmorgen per Telefon geführt. Eine E-Mail-Verbindung kam nicht zustande, ein Bild von Ahmad Bentaher konnte also nicht übermittelt werden. Dank geht an Swissinfo für die Vermittlung der Telefonnummer.

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Herr Bentaher, wie sieht es momentan in der Stadt Benghazi aus?
Die Situation ist stabil. Die Milizen sind verschwunden. Der Reformprozess und der Wiederaufbau haben begonnen. Es sind verschiedene Komitees gegründet worden, die meisten von Intellektuellen und Ingenieuren, die in Libyen, aber auch im Ausland ausgebildet worden sind, in Europa und in den Vereinigten Staaten.

Ist es jetzt ruhig in Benghazi?
Ja, in Benghazi sieht es gut aus, und wir beten zu Gott, dass sich die Situation auch in Tripolis beruhigt und die Leute auch dort sicher sind. Libyen ist ein Land, und Tripolis ist unser Herz. Das ist der Slogan für eine Massendemonstration heute hier in Benghazi. Wir unterstützen Tripolis gegen Ghadhafi, und wir hoffen, etwas tun zu können, um unseren Mitbürgern in Tripolis zu helfen.

Was wissen Sie über die Situation dort?
Tripolis ist der letzte Stützpunkt des Ghadhafi-Regimes. Das Volk versucht, die Stadt gegen ihn zu verteidigen, aber Ghadhafi hat ein Angstregime installiert, damit die Leute nicht an den Demonstrationen teilnehmen. Er hat seine Leute auf verschiedene Punkte in der Stadt verteilt. Sie schiessen auf die Menschen, sobald die sich zu einer Demonstration zusammentun.

Wissen Sie über die Lage in Tripolis mehr als wir hier in Europa?
Am Donnerstag ist eine Verbindung zustande gekommen. Ghadhafi versucht dort, die Stadt so gut wie möglich zu verteidigen und die Aktivisten zu verhaften. Einer meiner Kollegen, ein Ingenieur, einer der Organisatoren des Aufstands in Tripolis, ist Donnerstag um Mitternacht verhaftet worden. Es ist möglich, dass er getötet wird, so wie es Ghadhafis Leute hier in Benghazi machten, bevor sie die Stadt verliessen. Hier wurden die Gefangenen umgebracht.

Alle Gefangenen?
Ja, allen politischen Gefangenen wurden die Hände auf den Rücken gebunden, und sie wurden getötet.

Dass Ihr Kollege in Tripolis verhaftet wurde, kann aber nur heissen, dass Ghadhafis Sicherheitskräfte dort noch sehr stark sind.
Ja, das kann ich bestätigen. Am Donnerstag haben sich nur wenige Leute auf die Strasse gewagt. Aber die Situation in den Städten, die Tripolis umgeben, ist anders, sie sind frei von Ghadhafi-Anhängern, und vielleicht werden sich seine Gegner heute oder morgen auf den Weg nach Tripolis machen. Die bleiben nicht in Az-Zawiyah oder Misratah, sondern gehen nach Tripolis. Das ist sicher.

Haben diese Anti-Ghadhafi-Kräfte denn überhaupt Waffen?
Ja. Als die Ghadhafi-Leute hier in Benghazi aufgegeben haben, haben sie ihre Waffenlager zurückgelassen. Die Leute haben sich bewaffnet, um die Stadt zu verteidigen. Aber jetzt hat die provisorische Verwaltung dazu aufgerufen, die Waffen zurückzugeben, und das ist passiert, die Waffen sind bereit.

Aber Sie haben nicht die Absicht zu kämpfen?
Nein. Ich werde demonstrieren, und ich werde mein Haus verteidigen. In den ersten Tagen wurden die Ghadhafi-Milizen nicht auf die Demonstranten losgeschickt, sondern auf Häuser und Wohnungen. Das war etwas Neues in der Geschichte: Man bedrohte die Leute in ihren Häusern, sodass die Demonstranten nach Hause gehen mussten, um ihre Familien zu verteidigen. Um meine Familie zu schützen, würde ich kämpfen, täte ich das nicht, würde ich von diesen Milizen umgebracht.

Wie lange wird es voraussichtlich noch dauern, bis sich die Lage in Libyen geklärt hat?
Ich glaube noch einige Tage. Aber die Leute hier sehen das so: Was wir verlieren, wenn wir weiter gegen Ghadhafi demonstrieren, ist nichts im Vergleich zu dem, was geschähe, wenn er sich an der Macht halten könnte. Er würde alle, die am Aufstand beteiligt waren, umbringen. Wir kämpfen hier in Libyen einen Kampf, aus dem es kein Zurück gibt. Herr Ghadhafi und seine engste Familie müssen das Land verlassen. Wenn er Tripolis weiter kontrolliert, wird ganz Libyen, Benghazi eingeschlossen, auf Tripolis losmarschieren.

Weiss man eigentlich, wo die Familie Ghadhafi ist?
(Lacht.) Das ist eine Millionenfrage.

In Europa ist man der Meinung, Ghadhafi sei ein Verrückter.
Verrückt ist er mit Sicherheit, aber verrückt ist zu wenig, er ist ein Besessener. Hier sind viele Leute der Ansicht, dass er das Land nicht verlassen, sondern Selbstmord begehen wird.

Sie sind Arzt. Wie viele Leute sind in Benghazi umgekommen?
Ungefähr 300 haben ihr Leben verloren. Wir bereiten uns vor, alle zu begraben, die in den letzten fünf Tagen gestorben sind. Ungefähr 2000 sind verwundet worden.

Gab es in Benghazi auch Luftangriffe?
Nein. Hier gab es Angriffe mit Maschinengewehren, Bomben und Handgranaten durch Ghadhafis Sicherheitskräfte und afrikanische Milizen.

Aber die sind jetzt verschwunden?
Ja, und einige sind auch verhaftet worden und stehen jetzt unter der Kontrolle der neuen Verwaltung hier in Benghazi. Jetzt sind die Medien angekommen, al-Jazeera ist hier, die BBC, Sky News. Wir sind sehr glücklich darüber, morgen werden Schulen und Universitäten und auch die Banken wieder geöffnet.

Wie sieht es mit der Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten aus?
Hier ist am Donnerstag Nothilfe vom Roten Kreuz eingetroffen, Lebensmittel und Medikamente und auch medizinisches Personal. Und ich bin informiert worden, dass für Freitagnacht via Griechenland Hilfe aus Qatar kommen soll.

Wer hat den Aufstand in Benghazi eigentlich angeführt?
Es waren hauptsächlich Intellektuelle, Anwälte und Professoren von den Universitäten. Die meisten waren Angehörige von Opfern des Abu-Salim-Massakers. 1996 hat Ghadhafi im Abu-Salim-Gefängnis in Tripolis 1200 Gefangene umbringen lassen.

Man hat hierzulande häufig lesen können, es gebe grosse Unterschiede zwischen der Bevölkerung in Tripolis und Benghazi.
Nein, nein. Die Infrastruktur ist verschieden, aber nicht die Menschen. Mein Bruder und meine Schwester leben in Tripolis. Ich rufe sie häufig an, um herauszufinden, was dort läuft.

Und es ist immer noch möglich, zu telefonieren?
Ja, die haben eine Datenlinie, die immer noch funktioniert. Hoffentlich wird das jetzt nach unserem Gespräch nicht gestoppt.

Aber das Internet funktioniert nicht mehr.
Nein. Der einzige Weg wäre via Satellit.

Wie steht es mit dem Fernsehempfang?
Es gibt einige Sender, aber al-Jazeera ist gesperrt.

Wie sehen Sie die Zukunft Libyens?
Ich glaube, wir haben jetzt, ohne Ghadhafi, eine sehr gute Zukunft. Endlich werden wir unsere Freiheit geniessen können. Wir werden ein Land mit einer Verfassung bekommen, mit voneinander unabhängigen Institutionen, mit einer Regierung, Legislative, einer Verwaltung. Kurz: Libyen wird ein modernes Land.

Im Westen gibt es Ängste, dass Islamisten die Macht übernehmen und aus Libyen einen Gottesstaat wie den Iran machen könnten.
Nein, nein. In Libyen sind zwar über 90 Prozent Moslems, aber wir Libyer sind sehr friedlich. Nach den 42 Jahren Ghadhafi möchten wir ein Land nach westlichem Vorbild werden, ein Land mit guten Schulen, Spitälern, einer guten Infrastruktur, einem guten Banksystem, einem Flughafen. Wir möchten ein modernes Land werden. Wir sind Moslems, wir sehen die Möglichkeit einer Entwicklung wie in der Türkei. Der Iran ist überhaupt kein Vorbild. Mullahs, die in unserem Land befehlen, könnten wir nicht akzeptieren. Wir wollen eine Verfassung, Wahlen, verschiedene Parteien. Die Demokratie ist das System, das ich mir wünsche.

Es gibt auch Befürchtungen, dass Libyen nach dem Fall Ghadhafis in verschiedene Stammesgebiete auseinanderfallen könnte.
Nein. Libyen wird nicht zerfallen. Der grösste der Stämme, Warfala, hat klargemacht, dass Libyen ein Land ist. Auch die andern Stämme haben so reagiert. Benghazi und alle andern Städte im Osten sind Teil des Aufstands, niemand versucht, das Land zu teilen. Wenn eine Teilung opportun gewesen wäre, wäre das schon vor der Zeit Ghadhafis passiert. Ghadhafi hat über ein Land geherrscht, und wir werden ihn als ein Land verjagen.

Bevor Ghadhafi kam, war Libyen ein Königreich.
Ja, aber vor dem Königreich war Libyen in drei Staaten aufgeteilt. Wir kamen zusammen und werden zusammen bleiben.

Und Ihnen schwebt auch nicht die Neuauflage eines Königreichs vor?
Nein, wir wollen eine moderne Demokratie.

Was erwarten Sie von Europa und von den Vereinigten Staaten?
Von den Vereinigten Staaten sind wir Libyer sehr enttäuscht. In den fünf Tagen sind hier in Libyen viel mehr Menschen getötet worden als in Ägypten. Aber Herr Obama hat sich am Fernsehen nie geäussert, er hat diese Verbrechen nie verurteilt. Das hat sehr enttäuscht, wir haben in den Vereinigten Staaten immer einen grossen Advokaten der Menschenrechte gesehen. Wir werden aber ihre Hilfe später, beim Wiederaufbau des Landes, brauchen. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass Ausländer Libyen sicher verlassen können.

Wie könnte der Westen helfen?
Die internationale Gemeinschaft sollte mehr Druck auf Ghadhafi ausüben. Von der Schweiz haben wir gehört, dass sie mögliche Konten Ghadhafis eingefroren hat. Das wird hier sehr geschätzt. So hat er kein Geld mehr, um so verrückte Dinge zu tun, wie diese afrikanischen Milizen anzuheuern.

Wieso eigentlich hat es so lange gedauert, bis sich die Libyer gegen Ghadhafi erhoben haben?
Das ist schon wieder eine Millionenfrage. Der Hauptgrund ist wohl der, dass Ghadhafi dem Volk das Selbstvertrauen geraubt hat, auf irgendeine Weise gegen ihn zu demonstrieren. Es gab kein Demonstrationsrecht, und Parteien waren verboten. Wer demonstrierte, kam ins Gefängnis. Hauptgrund für den Aufstand jetzt war das Abu-Salim-Massaker 1996. Es gab schon früher Versuche, Ghadhafi loszuwerden, aber die waren erfolglos. Jetzt sind wir sehr glücklich über die Massendemonstration, über eine solche Volksbewegung, über einen solchen Aufstand.

Haben Sie selber im Aufstand Freunde verloren?
Ja, einer meiner engsten Freunde, der in den letzten 12 Jahren als politischer Flüchtling in der Schweiz gelebt hat. Im November kam er mit Familie und Kindern nach Benghazi. Letzten Sonntag hat er mit seiner Kamera an der Demonstration teilgenommen. Er hat keine Steine geschmissen, nichts, er hatte nur diese Kamera dabei und wurde getötet.

Es brauchte also viel Mut, an diesem Aufstand teilzunehmen.
Ja, aber als wir sahen, was in Tunesien geschah, war es wie ein Traum. Und dann kam Ägypten. Das hat uns Mut gemacht, auf die Strasse zu gehen. Auch wir sind für die Freiheit, also setzten wir uns dafür ein.

Gehen Sie heute wieder an die Arbeit?
Heute kommt hier viel Hilfe aus der ganzen Welt an. Wir verteilen das Material und müssen sicherstellen, dass dabei nichts in falsche Hände kommt. Die Ärzte kommen zusammen, um das zu organisieren.

Müssen Sie nicht ins Spital, um die Verwundeten zu versorgen?
Seit drei Tagen gibt es keine Verletzten mehr. Die Situation im Spital ist stabil.

Libyen ist ein Land mit vielen Ölvorräten. Was soll damit geschehen?
Seit Jahrzehnten haben wir von diesem Öl nicht viel gesehen. Wir hoffen, bald in einem stabilen, wohlhabenden und demokratischen Staat zu leben.

Also alle sollten von den Öleinkünften profitieren können.
Ja, und sogar die Armen ausserhalb von Libyen sollten das mit uns teilen können. Wir sind alle menschliche Wesen, wir wollen auch den anderen Nationen helfen. Wir fangen in Libyen an und wenden uns dann nach aussen.

Libyen mit seinen enormen Wüstengebieten hat auch ein grosses touristisches Potenzial.
Ja. Touristen werden hier in Sicherheit sein, niemand wird ihnen verbieten, Bilder zu machen. Eines der ersten Dinge, worauf ich mich freue, wenn Ghadhafi weg ist, ist, auf direktem Weg in die Schweiz, Tripolis–Zürich, zu reisen, ohne den Umweg über andere Flughäfen.

Sie haben lange in Europa gearbeitet. Wieso sind Sie überhaupt nach Libyen zurückgekehrt?
Ich habe im Oktober gedacht, die Situation sei gut, um sogar unter Ghadhafi in Libyen ein Geschäft zu eröffnen. Aber jetzt ist die Situation noch besser, als ich gedacht habe. (Der Bund)

Erstellt: 26.02.2011, 10:54 Uhr

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