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Überläufer sind Assads grösstes Problem

Eine Analyse von Arnold Hottinger. Aktualisiert am 28.02.2012 41 Kommentare

Der Nahostexperte Arnold Hottinger erklärt in einer fünfteiligen Serie die hochexplosive Situation in Syrien. Der erste Teil befasst sich mit den historischen und kulturellen Ursachen der Auseinandersetzung zwischen dem syrischen Regime und seiner Bevölkerung.

In einigen Städten toben die Kämpfe zwischen Regime und Opposition besonders heftig. Ein Klick auf die Explosionssymbole liefert mehr Informationen.


Serie von Arnold Hottinger

Mit unverminderter Härte tobt in Syrien ein Kampf zwischen dem Regime und der Opposition. Die umliegende arabische Welt ist in Aufruhr. Geopolitische Interessen prallen aufeinander. Der renommierte Nahostexperte Arnold Hottinger schreibt in einer fünfteiligen Serie auf DerBund.ch/Newsnet eine Einschätzung der Lage in und um Syrien.

Teil 1: Alewitische Armeekommandanten, sunnitische Soldaten und Überläufer – wie Assad die Armee und Sicherheitskräfte dominiert und die Deserteure den Konflikt militarisieren.

Teil 2: Wie solide bleibt das Regime – wie sowohl das Regime wie die Opposition an einen Sieg glauben und die Kämpfe immer brutaler werden.

Teil 3: Syrien und seine arabische Umwelt – die Aufstände im arabischen Raum und weshalb die Türkei und Saudiarabien Syrien nun als Feind betrachten.

Teil 4: Syrien und die internationale Politik
Russland, China und Iran auf der einen, der Rest der Welt auf der anderen Seite – wer welche Interessen verfolgt.

Teil 5: Der blutige Aufstand in Syrien, das Säbelrasseln zwischen Israel und Iran – eine Einschätzung der aktuellen Lage.

Arnold Hottinger

Der Journalist und Autor war langjähriger Nahostkorrespondent der «Neuen Zürcher Zeitung». Er gilt als einer der wichtigsten Experten für den Nahen Osten und hat zahlreiche Publikationen über die arabische Welt verfasst.
Arnold Hottinger wuchs in Düsseldorf und Basel auf, studierte Orientalistik und Romanistik an der Universität Zürich. Weiterführende Studien verfolgte er in Paris, Chicago, Kairo und Beirut. Er spricht nebst sechs weiteren Sprachen fliessend Arabisch.

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Die syrische Armee und die gesamten Sicherheitskräfte werden von alawitischen Offizieren dominiert und kontrolliert. Die Assad-Familie, welche das Land seit 1971 beherrscht, stammt aus dieser religiösen Minderheit von vielleicht 12 Prozent der syrischen Bevölkerung. Seit der Begründer des Regimes, General Hafez al-Assad, der Vater des heutigen Präsidenten, an die Macht kam, hat er seine Herrschaft stets auf Vertrauensleute, oft Familienmitglieder, aus dieser Volksgruppe gestützt. Im Verlauf der Jahrzehnte kamen sie dazu, alle für die Sicherheit Syriens entscheidenden Posten zu besetzen und auch leitende Positionen in der Regierung, unter den höchsten Beamten und im Wirtschaftsbereich zu erlangen.

Durch ihre Beherrschung der wichtigsten Scharniere des Staates verschafften sie diesem 40 Jahre der Stabilität – jedoch auch ein grosses inneres Ungleichgewicht zugunsten der alawitischen Minderheit. Einige ihrer Geschäftsleute wurden auf Kosten der Bevölkerung schwerreich. Vor der Assad-Zeit hatte es in Syrien seit der Unabhängigkeit von 1946 alle paar Jahre, manchmal alle paar Monate, einen Militärputsch gegeben. Nach der Machtergreifung des Generals Hafez al-Assad und seiner alawitischen Vertrauten gab es keinen mehr.

Ursprünglich gewaltlose Protestbewegung

Die Protestbewegung, die im März 2011 in der südlichen Stadt Daraa ausbrach, weil die dortigen Geheimdienste Schüler gefangen genommen und gefoltert hatten, die sie verdächtigten, politische Parolen an die Mauern geschrieben zu haben, wollte ursprünglich gewaltlos sein. Sie breitete sich über das ganze Land aus, weil die Sicherheitstruppen immer erneut auf die Protestierenden das Feuer eröffneten und dadurch die Wut der Bevölkerung wuchs und sich immer weiter ausbreitete.

Die Mehrheit der syrischen Soldaten gehört, wie die Mehrheit des Volkes, zur sunnitischen Religionsgemeinschaft. Sunnitische Soldaten, denen von ihren alawitischen Offizieren befohlen wurde, auf das eigene Volk zu schiessen, begannen zu desertieren, und die syrische Armee begann auf sie Jagd zu machen. Keine Armee, die ihre Soldaten behalten will, kann es sich leisten, Fahnenflüchtige nicht zu bestrafen.

«Bewaffnete Banden» sind Deserteure

Die Deserteure brachten ihre persönlichen Waffen mit. Sie suchten sich zur Wehr zu setzen, wenn die Armee sie zu greifen drohte. Sie fanden Zuflucht in den Grenzgebieten, den Bergen, den Wüsten und in den Ortschaften und Stadtquartieren, in denen die Demonstranten aktiv waren. Sie erklärten, sie wollten ihren zivilen Brüdern helfen. Doch ihre Präsenz förderte unvermeidlich die Militarisierung der Protestbewegung.

Die Regierung hatte von Beginn an behauptet, «bewaffnete Banden» stünden hinter den Protesten. Nun gab es wirklich bewaffnete Banden, eben die Überläufer aus der Armee, und diese bekämpft die Armee nun zusammen mit den Zivilen der Protestbewegung, in deren Umkreis sie sich bewegen, mit allen Mitteln: Tanks, Raketen, Kanonen, gelegentlich Kampfhelikopter.

Alawitische Führung misstraut Soldaten

Die Armee hat einige Eliteeinheiten, die ganz aus alawitischen Mannschaften bestehen. Die wichtigsten von ihnen, die Präsidialgarde und die Erste Mechanisierte Brigade, stehen unter dem Kommando des Bruders des Präsidenten, Maher al-Assad. Doch in vielen anderen Tuppeneinheiten dienen mehrheitlich sunnitische Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere. Viele von diesen dürften sich heute fragen, ob sie auch überlaufen sollen. Und manche lauern wohl auf die Gelegenheit, dies zu tun, ohne ihr Leben direkt in Gefahr zu bringen. Wie viele dies genau sein könnten, weiss niemand, nicht einmal die syrische Armeeführung.

Falls diese Überlegungen darüber anstrengt, wird sie das Ergebnis vor allen Aussenstehenden geheim halten. Es gibt Gerüchte darüber, dass gewisse Einheiten, denen die alawitische Führung misstraut, in den Kasernen gehalten würden. Doch niemand kann dies mit Sicherheit sagen.

Erstellt: 28.02.2012, 17:30 Uhr

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41 Kommentare

Renzo Giambonini

28.02.2012, 17:01 Uhr
Melden 36 Empfehlung 0

Arnold Hottinger ist nicht irgend ein hergelaufener Journalist, sondern seit Jahrzehnten ein anerkannter, kompetenter sowie glaubwürdiger Zeitgenosse, mit klarem Verstand und entsprechender Sicht für all das, was in der Welt passiert. Ich habe keine Veranlassung, seinen Bericht auch nur ansatzweise in Frage zu stellen. Antworten


Ronnie König

28.02.2012, 15:47 Uhr
Melden 26 Empfehlung 0

Sehr guter Bericht und wahrscheinlich das Glaubwürdigste was wir bis heute zu lesen bekamen. Dass die mittlerweile auch von aussen zusätzlich mit Waffen und Munition versorgt werden dürfte klar sein. Und nebenbei sehen wir auch wie rückständig diese Religions- und Politgruppen sind. Wie bei uns im Mittelalter und der Zeit der Religionskriege. Will aber fast kein Moslem hören oder sehen. Antworten



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