Warum die Welt die syrischen Rebellen im Stich lässt

Eine Analyse von Arnold Hottinger. Aktualisiert am 05.03.2012 16 Kommentare

Eine militärische Intervention in Syrien liegt nicht im Interesse des Westens und der Arabischen Liga. Im vierten Teil unserer Syrien-Serie erklärt Nahost-Experte Arnold Hottinger, wer welche Interessen vertritt.

Saudiarabien

Allen voran verlangt Saudiarabien eine Absetzung des Assad-Regimes. Saudiarabien ist ein enger Verbündeter der USA, obwohl im Land Menschen auf offener Strasse hingerichtet und Frauen die elementarsten Rechte verwehrt werden. Saudiarabien spannt mit dem Westen zusammen, weil es den Einfluss des Iran auf die arabische Welt fürchtet. Riad exportiert den Wahabismus, eine radikale Form des Islams und finanziert Islamisten in der ganzen Welt.

Einwohnerzahl: 27 Millionen
Bevölkerungsstruktur: Araber, mehrere Millionen Gastarbeiter
Religion: Islam, verschiedene Minderheiten

Jordanien

Jordanien ist neben Ägypten das Land, das früh einen Friedensvertrag mit Israel unterzeichnet hat. König Abdullah II. befindet sich in einem Spannungsfeld. Ohne Reformen und grössere Beteiligung des Volkes könnte es auch im friedlichen Jordanien zu Unruhen kommen. Gleichzeitig möchte Abdullah II. nicht seine Macht verlieren. Trotz einiger Konzessionen verlangt das Volk weitere politische und vor allem wirtschaftliche Reformen.

Einwohnerzahl: 6,5 Millionen
Bevölkerungsstruktur: Araber, Armenier, Türken
Religion: Islam, Christentum

Irak

Bei Selbstmordanschlägen sterben im Irak nach wie vor immer wieder Dutzende Menschen. Zwischen den Sunniten, die unter Saddam Hussein an der Macht waren, und den Schiiten, die heute unter Präsident Nuri al-Maliki die Politik des Landes bestimmen, sind die Spannungen gross. Der Irak hält als eines der wenigen arabischen Länder zum Regime in Syrien.

Einwohnerzahl: 29 Millionen
Bevölkerungsstruktur: 75% Araber, 20% Kurden, verschiedene Minderheiten
Religion: Islam, christliche Minderheit

Syrien

Das Regime von Bashar al-Assad geht immer brutaler gegen die Opposition vor. Die alawitische Minderheit dominiert in Syrien die Städte Damaskus und Aleppo. In den Protesthochburgen wie Homs und Hama beschiesst die Armee pausenlos Aufständische und Zivilisten, ganze Wohngebiete sind umzingelt, Soldaten suchen in Häusern nach Deserteuren. Bisher sollen über 7500 Menschen getötet worden sein, darunter über 500 Kinder. Ein Machtwechsel käme dem Westen gelegen, um den iranischen Einfluss zu unterbinden. Russland und China sperren sich gegen eine Einmischung in Syrien. Als UNO-Sondergesandter will Kofi Annan nach Syrien reisen.

Einwohnerzahl: 20 Millionen
Bevölkerungsstruktur: Araber, Kurden, Armenier
Religion: 75% Muslime, 15% Christen, Minderheiten

Israel

Im jüdischen Staat wird die Entwicklung in der arabischen Welt mit Sorge betrachtet. In Ägypten sind nun Islamisten an der Macht. Beim Nachbarn Syrien droht das berechenbare Regime von Bashar al-Assad zu fallen, im Libanon wird die Hizbollah durch den Iran aufgerüstet. Israel hält trotz der Entwicklungen an seiner Siedlungspolitik in den besetzten Palästinensergebieten fest.

Einwohnerzahl: 7,6 Millionen
Bevölkerungsstruktur: 80% Juden, 20% Araber
Religion: jüdische Religion, Islam, christliche Minderheit

Ägypten

Seit Ägypten 1979 einen Friedensvertrag mit Israel unterzeichnet hat, ist das bevölkerungsreichste arabische Land ein enger Verbündeter der USA. Nach dem Sturz des langjährigen Autokraten Hosni Mubarak arrangieren sich die USA nun mit den gewählten Islamisten, den Muslimbrüdern und den radikalen Salafisten. Die Jungen und Intellektuellen, welche die Revolution auf dem Tahrirplatz angeführt haben, sehen sich um ihre Revolution betrogen. Die Wirtschaft Ägyptens liegt nach einem drastischen Rückgang des Tourismus am Boden.

Einwohnerzahl: 83 Millionen
Bevölkerungsstruktur: Ägypter, arabische Beduine, Briten
Religion: Islam, christliche Minderheit

Tunesien

Die arabische Revolution begann in Tunesien nach dem Tod des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi, der sich aus Protest gegen die wirtschaftlichen Verhältnisse selbst verbrannt hatte. Nach Solidaritätskundgebungen im ganzen Land trat der Langzeit-Herrscher Zine al-Abidine Ben Ali zurück. Am 23. Oktober 2011 fanden die ersten freien Wahlen zu einer verfassungsgebenden Versammlung statt. Die islamistische En-Nahda-Partei ging bei der Wahl mit 89 der 217 Sitze als Siegerin hervor. Tunesien ist bereit, Bashar al-Assad Asyl zu gewähren, um den Konflikt in Syrien zu beenden.

Einwohnerzahl: 10 Millionen
Bevölkerungsstruktur: Araber
Religion: Islam, christliche und jüdische Minderheiten

Iran

Der Iran ist Syriens bester Verbündeter im Mittleren Osten. Das Land hält an seinem Nuklearprogramm, angeblich zu friedlichen Zwecken, fest. Die US-Geheimdienste haben bisher tatsächlich keinen Beweis dafür finden können, dass die Mullahs ein Atomwaffenprogramm haben. Israel möchte den Iran dennoch präventiv angreifen. Die USA verschärfen die Sanktionen. Weil es für die Abnehmer von Irans Öl wie etwa China oder Indien schwierig ist, in US-Dollars zu zahlen, hat Iran am 29. Februar verkündet, Gold in Zahlung zu nehmen.

Einwohnerzahl: 74 Millionen
Bevölkerungsstruktur: Perser, Araber, verschiedene Minderheiten
Religion: Islam, christliche Minderheit

Libanon

Libanons Staatspräsident Michel Suleiman hat am Dienstag für eine Wiederaufnahme Syriens in die Arabische Liga plädiert. Syrien war bis zur Zedernrevolution 2005 die selbsternannte Schutzmacht des Libanon. Über den syrischen Korridor gelangen Waffen aus dem Iran zur Hizbollah im Süden des Landes.

Einwohnerzahl: 4 Millionen
Bevölkerungsstruktur: Araber, armenische und kurdische Minderheit
Religion: 60% Muslime, 40% Christen

Türkei

Die Türkei beobachtet die Entwicklung im Nachbarland Syrien mit grosser Sorge. Die Regierung hat sich gegen den ehemaligen «Bruder» Assad gestellt. Über die Türkei sollen die Aufständischen mit Waffen versorgt werden. An der Grenze wurden Flüchtlingslager für 9000 syrische Flüchtlinge errichtet. Die USA drängen die Türkei, über einen Einsatz in Syrien nachzudenken. Einen offenen Krieg möchte die Türkei aber vermeiden, er würde unvermeidlich die ökonomische und politische Stabilität des Landes und seine Vermittlerrolle in der arabischen Welt gefährden.

Fahren Sie mit der Maus über die Karte, um Informationen zu den einzelnen Ländern zu sehen.

Saudiarabien und die Türkei verurteilen das syrische Regime, der Iran und der Irak stärken Assad den Rücken: Beim syrischen Konflikt spielen Eigeninteressen eine grosse Rolle.


Arnold Hottinger

Der Journalist und Autor war langjähriger Nahostkorrespondent der «Neuen Zürcher Zeitung». Er gilt als einer der wichtigsten Experten für den Nahen Osten und hat zahlreiche Publikationen über die arabische Welt verfasst.
Arnold Hottinger wuchs in Düsseldorf und Basel auf, studierte Orientalistik und Romanistik an der Universität Zürich. Weiterführende Studien verfolgte er in Paris, Chicago, Kairo und Beirut. Er spricht nebst sechs weiteren Sprachen fliessend Arabisch.

Serie von Arnold Hottinger

Mit unverminderter Härte tobt in Syrien ein Kampf zwischen dem Regime und der Opposition. Die umliegende arabische Welt ist in Aufruhr. Geopolitische Interessen prallen aufeinander. Der renommierte Nahostexperte Arnold Hottinger schreibt in einer fünfteiligen Serie auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet eine Einschätzung der Lage in und um Syrien.

Teil 1: Alewitische Armeekommandanten, sunnitische Soldaten und Überläufer – wie Assad die Armee und Sicherheitskräfte dominiert und die Deserteure den Konflikt militarisieren.

Teil 2: Wie solide bleibt das Regime – wie sowohl das Regime wie die Opposition an einen Sieg glauben und die Kämpfe immer brutaler werden.

Teil 3: Syrien und seine arabische Umwelt – die Aufstände im arabischen Raum und weshalb die Türkei und Saudiarabien Syrien nun als Feind betrachten.

Teil 4: Syrien und die internationale Politik
Russland, China und der Iran auf der einen, der Rest der Welt auf der anderen Seite – wer welche Interessen verfolgt.


Teil 5: Der blutige Aufstand in Syrien, das Säbelrasseln zwischen Israel und dem Iran – eine Einschätzung der aktuellen Lage.

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Kämpfe in Syrien

Kämpfe in Syrien
In Syrien herrscht Bürgerkrieg. Die Regierungstruppen haben Homs zurückerobert. Nun wird auch in Damaskus gekämpft.

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Fast die ganze Welt kritisiert das Verhalten der syrischen Regierung, die auf ihre eigene Bevölkerung schiessen lässt. Doch das Regime hat drei Freunde: Russland, China und den Iran. Für die Russen ist Syrien der letzte Klient aus der arabischen Welt.

Die syrische Armee ist seit der Sowjet-Zeit mit russischen Waffen ausgerüstet, und Russland kann den Hafen Tartous als den einzigen Mittelmeerhafen für seine Kriegsschiffe nutzen. Moskau ist noch immer empört über die Nato-Aktion in Libyen, die es durch Stimmenthaltung im Sicherheitsrat mit ermöglicht hatte. Ein solcher Fehler soll der russischen Diplomatie nicht noch einmal unterlaufen.

Altes Bündnis mit dem Iran

China schätzt es aus begreiflichen Gründen nicht, wenn eine Bevölkerung gegen ihre autoritäre Regierung aufsteht. Das Bündnis mit dem Iran ist schon alt. Es beruht nicht auf religiöser Verwandtschaft, sondern vielmehr auf gemeinsamen Interessen.

Ursprünglich beruhte das syrisch-iranische Bündnis auf gemeinsamer Feindschaft gegen Saddam Hussein. Später diente Syrien dem Iran als die Brücke, die es Teheran erlaubte, die Hizbollah im Libanon mit Waffen zu unterstützen und dadurch einen gewissen Druck auf Israel auszuüben, welcher nach der Einschätzung Teherans der arabischen Politik des Iran zugutekommt.

Boykott als zahnlose Möglichkeit

Da das Veto der beiden Grossmachtfreunde Syriens Massnahmen gegen Syrien im Sicherheitsrat blockiert, schritten die USA zu Boykottmassnahmen, die Amerika durchführen will und auch seinen Verbündeten und Freunden empfiehlt. Firmen, die dennoch Geschäfte mit dem Iran tätigen wollen, wird angedroht, sie könnten ihrerseits von Amerika boykottiert werden.

Europa hat sich dem amerikanischen Boykott angeschlossen. Die Massnahmen werden schrittweise verschärft. Doch die Erfahrung zeigt, dass Boykottmassnahmen in erster Linie den Bevölkerungen Schaden zufügen, nicht den Regierungen, und als letzte wird die Armee unter ihnen zu leiden haben. Die Massnahmen werden Teuerung bringen, und die syrischen Unterschichten werden sie am meisten zu spüren bekommen. Dass sie das Land dazu zwingen könnten, sein Regime zu Fall zu bringen, erwartet eigentlich niemand.

Heimliche Unterstützung für Überläufer

Schutzzonen für die Bevölkerung liessen sich nur einrichten, wenn diese gegen die syrische Armee mit Waffengewalt verteidigt würden, wozu es weder in den USA noch in Europa Bereitschaft gibt. Washington steht im Schatten der Präsidentenwahl, und Europa ist mit der Eurokrise beschäftigt. Ein offenes Engagement mit kriegerischen Mitteln kommt zurzeit schlechterdings nicht infrage.

Bleibt nur die Möglichkeit mehr oder minder heimlicher Unterstützung der Überläufer mit Waffen und Geldern. Dies geschieht wahrscheinlich in bescheidenem Masse von Saudiarabien aus. Es dürfte auch sunnitische Jihadisten geben, die aus dem Nordirak den syrischen Oppositionsgruppen Hilfe zu leisten trachten. Besonders natürlich syrischen Kampf- und Oppositionsgruppierungen mit einer verwandten ideologischen Ausrichtung, etwa den Muslimbrüdern, soweit solche in Syrien aktiv sind.

Doch solche Aktionen müssten gegen den Willen der libanesischen Regierung im Untergrund organisiert werden, weil diese zurzeit der Hizbollah sehr nahesteht, und auch gegen den Willen der irakischen Regierung, die von schiitischen Parteien dominiert wird und bemüht ist, gute Beziehungen zum Iran aufrecht zu erhalten. Solche Hilfe aus den Nachbarländern müsste daher Schmuggelwege einschlagen und kann schwerlich bedeutende Ausmasse annehmen. Ob auch aus Jordanien und aus der Türkei inoffizielle Waffenlieferungen mit heimlicher Zustimmung oder Förderung der Regierungen möglich werden könnten, muss die Zukunft erweisen.

Bombardierung des Iran würde China in die Hände spielen

Die Zukunft des Iran wird natürlich auch das Ringen in Syrien beeinflussen. Die Israelis drohen immer vernehmlicher, dass sie den Iran bombardieren könnten. Falls sie das wirklich tun, würde dies wahrscheinlich das gesamte Gleichgewicht des Nahen Ostens ins Wanken bringen; eine heute noch nicht voraussehbare Zukunft der möglicherweise die ganze Region umfassenden Kämpfe dürfte sich auftun. Die Entwicklung würde höchstwahrscheinlich zuungunsten der westlichen Mächte und ihrer politischen Pläne verlaufen und möglicherweise lang- oder schon mittelfristig zugunsten einer chinesischen Hegemonie.

All dies lässt  gegenwärtig bloss Raum für mögliche humanitäre Massnahmen. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz versucht bereits kurzfristige humanitäre Waffenstillstände auszuhandeln, während derer die Opfer Hilfe erhalten sollen. Doch sogar dies in die Wege zu leiten, dürfte sehr schwierig werden, weil das Regime von Damaskus, wie sein Umgang mit der Weltpresse zeigt, unbedingt vermeiden will, sich von irgendwem in die Karten blicken zu lassen.

Erstellt: 01.03.2012, 11:29 Uhr

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16 Kommentare

Alex Bötschi

02.03.2012, 16:52 Uhr
Melden 25 Empfehlung 0

Der Russischen Diplomatie einen Fehler vorzuwerfen ist nicht ganz fair. Die Nato hat sich schlichtweg nicht an die Abmachungen gehalten, somit liegt der Fehler nicht bei den Russen. Man kann Ihnen höchstens Vorwerfen das sie dem Westen in dieser Frage vertraut haben und das werden sie so schnell nicht wieder tun. Antworten


johannes fischer

02.03.2012, 17:01 Uhr
Melden 20 Empfehlung 0

Syrien ist Mitglied der UNO. Die Schweiz auch. Wo bleibt nun die von Bundesberg viel gepriesene Einflussmöglichkeit der Schweiz? Es finden doch Schandtaten in Syrien statt, und zwar von der eigenen Regierung gegen das eigene Volk. Warum kann die Schweiz nicht wirkungsvoll eingreifen in einer Frage der Menschlichkeit? Bei der UNO-Abstimmungen hat man doch versprochen, man werde es können. Antworten



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