Ausland
Undurchsichtiges Manöver
Von Gil Yaron. Aktualisiert am 04.11.2011 58 Kommentare
Angriff nicht ausgeschlossen
Das britische Verteidigungsministerium entwickelt Pläne für einen Raketenangriff auf den Iran. Das will der «Guardian» von hohen Mitarbeitern des Ministeriums erfahren haben. Die Zeitung meldete gestern, dass die britischen Streitkräfte in Erwartung einer amerikanischen Beistandsaufforderung im kommenden Jahr ihre Kriegsvorbereitungen «intensiviert» hätten und militärische Optionen durchspielten. Unter anderem werde geprüft, von wo aus britische Kriegsschiffe und mit Tomahawk-Raketen bestückte U-Boote im Ernstfall am besten gegen den Iran vorgehen. Grössere Einsätze von Bodentruppen seien nicht vorgesehen. Generell könnten die USA einen Bombeneinsatz gegen den Iran auf eigene Faust führen. Man erwarte aber, dass Washington, wie im Fall des Irak, an einer Beteiligung Londons interessiert sei. Ein Regierungssprecher kommentierte den Artikel mit den Worten: London könne militärische Aktionen nicht ausschliessen.
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Die Israelis sind Luftschutzsirenen gewöhnt: Mindestens einmal im Jahr hält der Zivilschutz im ganzen Land eine grosse Übung ab, und die Bevölkerung ist angehalten, sich für den Ernstfall mit den Schutzräumen bekannt zu machen. Die Übung am Donnerstagmorgen, bei der ein Raketenangriff auf Tel Aviv und die Verteilung von Gasmasken geübt wurden, war eigentlich nichts Besonderes. Wären da nicht die Zeichen, die immer mehr Bürger besorgt nachfragen lassen, ob ihre Regierung sich auf einen Präventivschlag gegen das Atomprogramm des Irans vorbereitet. Jerusalem fürchtet das Atomprogramm, weil es vermutlich militärischen Zwecken dient und der Iran die Vernichtung Israels fordert.
Es begann mit einer reisserischen Überschrift am letzten Freitag in der auflagenstärksten israelischen Tageszeitung «Yedioth Ahronot». Dort warnte Israels bekanntester Journalist Nahum Barnea, der Zugang hat zu den wichtigsten Politikern im Land: Verteidigungsminister Ehud Barak und Premierminister Benjamin Netanyahu hätten sich bereits zum Angriff auf den Iran entschlossen. Danach überschlugen sich die Ereignisse. Israel testete eine ballistische Rakete – laut ausländischen Quellen eine verbesserte Version der Jericho 3 mit einer Reichweite von 7000 Kilometern und der Fähigkeit, nukleare Sprengköpfe zu tragen. Ausländischen Quellen zufolge soll Israel über rund 200 Atombomben verfügen.
«Wenn jemand dich umbringen will, töte ihn zuerst»
Kurz darauf gab die Armee bekannt: 16 Kampfbomber vom Typ F-16 des 117. Schwadrons hätten über Sardinien im Mittelmeer ein Manöver abgehalten. Die Übung habe dazu gedient, das Auftanken in der Luft, die Luftraumüberwachung und den Angriff weit entfernter Ziele zu erproben. Genau das, was für einen Angriff auf den Iran notwendig wäre. In der Knesset erklärte Premier Netanyahu danach: «Der Iran versucht weiterhin, sich atomar zu rüsten.» Und weiter: «Ein Iran mit Atombomben ist eine Gefahr für den Nahen Osten und die ganze Welt – und stellt natürlich auch für uns eine schwere direkte Bedrohung dar.» Wenige Sätze später erläuterte Netanyahu Israels Verteidigungsdoktrin: «Wenn jemand dich umbringen will, töte ihn zuerst.»
Zu den Nachrichten aus Israel gesellte sich ein Bericht der britischen Tageszeitung «Guardian». Während Israels «Yedioth» berichtet hatte, die USA würden versuchen, Israel von einem Angriff auf den Iran abzubringen, schrieb der «Guardian», dass Grossbritannien sich darauf vorbereite, sich als US-Alliierter an einem Angriff auf den Iran zu beteiligen.
Alleingang unwahrscheinlich
Der Iran reagierte umgehend. Aussenminister Ali Akbar Salehi sagte, israelische Drohungen seien nichts Neues: «Wir sind auf einen Krieg mit Israel vorbereitet.» Man werde die «Zionisten» empfindlich strafen, sagte Generalstabschef Hassan Firouzabadi. Er stellte Israel eine «böse Überraschung» in Aussicht: «Falls die Zionisten angreifen, werden die Amerikaner auch getroffen werden», sagte der General.
Israels Führung bemühte sich gestern, die Lage zu beruhigen. Der Raketentest, das Luftwaffenmanöver und die Zivilschutzübung seien «seit Monaten in Planung gewesen», sagte der Armeesprecher. Barak sagte im Armeeradio, es «sei Unfug, anzunehmen, dass in Israel zwei Personen allein eine Entscheidung wie einen Angriff auf den Iran» beschliessen könnten. Minister empörten sich über die Debatte und den Wettlauf um kriegstreibende Sensationsmeldungen: Der «Yedioth»-Artikel habe einen solchen losgetreten. Hochrangige Ex-Offiziere wie Geheimdienstchef Meir Dagan warnten vor einer Katastrophe, falls Israel tatsächlich allein gegen Teheran vorgehe.
Israel will schärfere Sanktionen für Teheran
Die meisten Experten werten das Ganze denn auch als Säbelrasseln, das die Welt für eine entscheidende Sitzung der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) vorbereiten soll. Der UNO-Atombehörde soll am 8. November nämlich ein kritischer Bericht zum Iran vorgelegt werden. Darin steht angeblich, dass Teherans Atomprogramm grosse Fortschritte gemacht habe und militärische Anwendungen erforsche. Israel will, dass die Vereinten Nationen Teheran noch schärfere Sanktionen auferlegen, um das Programm mit friedlichen Mitteln zu stoppen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.11.2011, 18:07 Uhr
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