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Tilgner benennt das eigentliche Problem im Irak

Interview: Monica Fahmy. Aktualisiert am 20.08.2010 11 Kommentare

Die US-Kampftruppen ziehen ab, Söldner kommen ins Land. Im Interview spricht Nahostkorrespondent Ulrich Tilgner über die Lage im Irak und darüber, was er für besonders problematisch hält.

1/24 Verzweifelt: Ein Ladenbesitzer (rechts), der 2007 bei einem Bombenattentat zwei Söhne verlor.
Bild: Keystone

   

Die letzten US-Kampftruppen haben heute den Irak verlassen. Droht dem Land jetzt Chaos, gar Bürgerkrieg?
Nein. Die Sicherheitslage im Irak hat mit den Truppen nur noch wenig zu tun. Die amerikanischen Truppen haben seit Monaten nicht mehr gekämpft. Der Abzug im Irak ist eine unglaublich schwierige logistische Übung. In der Geschichte der US-Truppen hat es noch nie eine so grosse Umgruppierung gegeben, das hat die Aktivitäten der Amerikaner in letzter Zeit massgeblich bestimmt. Sicher wurden auch Kampfverbände zurückgelassen, das sind vor allem zivile Sicherheitsdienste, die den Kampf gegen al-Qaida weiterführen. Man hängt es nur nicht an die grosse Glocke. Und, anders als in Afghanistan bezahlt der Irak seine 500'000 Polizisten und Soldaten selber. Das eigentliche Problem im Irak ist ein politisches.

Inwiefern?
Irak ist ein ressourcenreiches Land, auf politischer Ebene findet ein Verteilkampf um die enorm hohen Öleinnahmen statt. Bis heute hat Irak keine eigentliche Regierung, dabei waren die Wahlen am 7. März. Das politische Vakuum wird nicht durch den Abzug der Truppen erzeugt, es existiert schon lange.

Was muss auf politischer Ebene geschehen?
Die Koalitionsverhandlungen zwischen Ijad Allawi und Nuri al-Maliki sind ja gescheitert. Es muss möglich sein, eine Regierung aus einer Fraktion der Schiiten, Allawis Bündnis und den Kurden zu bilden. Auf den politischen Prozess haben die Amerikaner kaum noch Einfluss.

Der Abzug der Amerikaner war ein stiller Abzug, ohne grosse Worte. Weshalb?
So still war es in den USA nicht. Der Abzug wurde lange diskutiert, er war ja eines der Wahlversprechen von Barack Obama. Er ist allerdings vorsichtig, weil er noch etwas anderes versprochen hat, den Abzug aus Afghanistan ab 2011. Das kann nicht gelingen. Darum achtet Obama jetzt sicher darauf, den Abzug aus Irak nicht als grossen Erfolg zu feiern. Er möchte vermeiden, dass der Truppenabzug überbewertet wird.

Der Krieg im Irak hat über sieben Jahre gedauert. Was haben die USA in dieser Zeit erreicht?
Saddam Hussein ist gestürzt, und es gibt im Land eine offene politische Auseinandersetzung. Der Preis dafür sind 200'000 tote Zivilisten und ein nicht wirklich funktionierendes politisches System. Die Amerikaner haben einen unvorstellbaren Sicherheitsapparat aufgebaut, in den ein Grossteil der Öleinnahmen fliessen. Irak ist sicher nicht das Vorzeigebeispiel für einen erfolgreichen Krieg. Die Diktatur wurde beseitigt, es wurden aber neue Probleme geschaffen.

Die verbleibenden 56'000 US-Soldaten sollen Iraker ausbilden und US-Einrichtungen schützen. Wer sorgt für die Sicherheit nach deren Abzug Ende 2012?
Schon jetzt findet eine schleichende Privatisierung des Sicherheitsapparates statt. Tausende Söldner wurden von ausländischen Firmen im Irak eingestellt. Es ist eine schleichende Militarisierung der Zivilgesellschaft, bei der die Amerikaner federführend sind. Mit jedem US-Soldaten, der abgezogen wird, geht zwar auch ein ausländischer Zivilist, der für die US-Armee gearbeitet hat, aber die zivilen Sicherheitsdienste bleiben im Irak und werden sogar verstärkt.

Also ändert sich für die Iraker nichts.
Es ändert sich schon etwas: Amerikanische Soldaten patrouillieren nicht mehr durch die Strassen. Die Einsätze nimmt die irakische Armee wahr. Die Iraker haben alte Offiziere wieder rekrutiert. Viele stammen aus den Sicherheitsstrukturen der Zeit Saddam Husseins .

Spielt die Baath-Partei also wieder eine Rolle?
Nein. Unter Saddam Hussein gab es eine zivile Diktatur, die sich das Militär untergeordnet hat. Man darf nicht vergessen, dass Saddam Hussein etliche Generäle hat hinrichten lassen. Es war ein grosser Fehler der Amerikaner, die militärischen Strukturen Iraks aufzulösen. So zwangen sie das Militär in den Widerstand, was Tausende zivile Tote zur Folge hatte.

Sind denn die Iraker jetzt in der Lage, für Sicherheit im Land zu sorgen?
Sicherheit ist bezahlbar, und die Iraker haben Geld. Ein grosser Teil der Öleinnahmen fliessen ja in die Sicherheit. Jeder zehnte Iraker lebt vom Sicherheitssystem.

Obama will die zusätzlichen Truppen nach Afghanistan schicken, um den Krieg dort zu beenden. Die richtige Wahl?
Er muss diesen Schritt gehen, um seine Glaubwürdigkeit zu retten. Schon jetzt ist klar, dass ein Abzug aus Afghanistan ab 2011 nicht funktionieren kann. Als Obama einen Abzug in Aussicht stellte, haben das die Taliban als Gottesgeschenk empfunden. Durch ihre Anschläge versuchen sie, langfristig ein Übergewicht zu erreichen. Die USA können den Krieg in Afghanistan nicht gewinnen, sie wollen aber zeigen, dass die Taliban ihn auch nicht gewinnen können. Ohne politische Lösung wird es in Afghanistan langfristig keinen Frieden geben. Obama ist dort in einen Krieg verstrickt, den er nicht fahrplanmässig – also wie er es geplant hat – beenden kann.

Gibt es keine Lösung für Afghanistan?
Doch. Es braucht einen politischen Ausgleich und einen Kompromiss. Die Taliban haben signalisiert, dass sie bereit wären, zu verhandeln. Präsident Hamid Karzai möchte gerne, er wäre der Hauptnutzniesser einer politischen Lösung. Die Taliban oder zumindest talibannahe Kräfte müssen politisch berücksichtigt werden. Doch bis heute gibt es keine konsistente Politik des Westens für Afghanistan. Sowohl Irak wie Afghanistan machen deutlich, dass politische, soziale und kulturelle Konflikte mit einem Krieg nicht zu lösen sind. Das dürfte mittlerweile im Mittleren Osten evident geworden sein.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.08.2010, 15:27 Uhr

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11 Kommentare

Urs Schmidlin

19.08.2010, 18:55 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Es wäre vielleicht sinnvoll, wenn Herr Tilgner klar sagen würde mit welchen Taliban er worüber verhandeln möchte. Niemand hat behauptet, dass "politische, soziale und kulturelle Konflikte mit einem Krieg zu lösen sind". Herr Tilgner dürfte allerdings bekannt sein, dass politische, soziale und kulturelle Konflikte in Kriege münden können. Was er als Experte auch beobachten könnte wenn er wollte. Antworten


Tim Meier

19.08.2010, 16:01 Uhr
Melden

Nach sieben blutigen Kriegsjahren trotten die ewigen Verlierer mit Blut an den Händen davon. Ausser Erdöldiebstahl haben sie nichts erreicht. Voll peinlich USA. Antworten



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