«Solche Aufträge kommen direkt vom israelischen Premierminister»
Von Bernhard Odehnal. Aktualisiert am 22.02.2010
Buchautor Wilhelm Dietl ist selber ein ehemaliger Agent.
Videoaufnahmen von Mitgliedern des Killerkommandos und ihrem Opfer, dem Hamas-Kommandanten Mahmoud al-Mabhouh (unten vorne). (Bild: Reuters)
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Autor und Ex-Agent
Der 54-jährige Deutsche Wilhelm Dietl ist Journalist und Autor mehrerer Bücher über den Nahen Osten. Er war jahrelang Mitarbeiter des deutschen Bundesnachrichtendienstes in der Abteilung für den Nahen und Mittleren Osten. Sein neues Buch «Schattenarmeen» behandelt die Geheimdienste der islamischen Welt. Es erscheint diese Woche im Salzburger Residenzverlag.
www.residenzverlag.at
War das Attentat in Dubai auf den Hamas-Mann Mahmoud al-Mabhouh das Werk eines Geheimdienstes?
Es stand mit Sicherheit eine staatliche Organisation dahinter. Die Attentäter waren keine Privatleute.
Dann ist für Sie erwiesen, dass der Mossad dahintersteckt?
Ich denke, Israel steckt dahinter. Ausser den Auslandsgeheimdienst Mossad gibt es noch den zehnmal so grossen Militärgeheimdienst Aman. Und es gibt den Inlandsgeheimdienst Shin Beth, der sich sehr intensiv mit der palästinensischen Hamas beschäftigt.
Dennoch ist jetzt nur vom Mossad die Rede.
Weil es eine lange Chronologie solcher Mossad-Operationen gibt. Das beginnt mit den Racheakten für den Terroranschlag auf das israelische Team bei den Olympischen Spielen in München 1972. Damals gründete der Mossad eine Gruppe mit dem Namen Kidon, das Bajonett.
Diese Gruppe wird auch für den Anschlag in Dubai verantwortlich gemacht. Ist überhaupt sicher, dass sie noch existiert?
Wir wissen nur, dass die Aktivitäten der Gruppe 1993 zurückgefahren wurden, nach dem letzten grossen Anschlag, der mit München zusammenhing. Heute könnten auch andere Kräfte im Mossad am Werk sein.
Wie stehen die drei Geheimdienste zueinander?
Es gibt Rivalitäten, aber die Aufgabenverteilung ist ziemlich klar. Bei den Recherchen für mein neues Buch über die Geheimdienste in der islamischen Welt habe ich zum Beispiel herausgefunden, dass sich der Aman mit den arabischen Geheimdiensten beschäftigt, während man beim Mossad ganz wenig über deren Innenleben weiss.
Dabei ist doch der Mossad der Auslandsgeheimdienst?
Ja, aber er kümmert sich eher um die politischen Strukturen in den arabischen Ländern.
Welchen Geheimdienst vermuten Sie also hinter dem Mord in Dubai?
Aman halte ich für unwahrscheinlich. Mossad bietet sich an und Shin Beth hat das nötige Wissen über die Hamas. Aber warum soll es nicht eine Gemeinschaftsarbeit aller drei gewesen sein? Letzten Endes käme der Auftrag ja vom Regierungschef direkt, und der steht allen drei Geheimdiensten vor.
So eine Aktion braucht grünes Licht von ganz oben?
Seit Golda Meir und Ben Gurion kommen solche Aufträge und Genehmigungen direkt vom israelischen Premierminister. Zur Beratung tritt gelegentlich auch eine Art Sicherheitskabinett zusammen. Aber das letzte Wort hat der Regierungschef.
Würden Sie den Mord als gelungene Geheimdienstoperation bezeichnen?
Das Opfer ist tot, insofern ist die Aktion gelungen. Vielleicht wollte Israel demonstrieren, dass 11 oder vielleicht sogar 17 Personen ohne Probleme nach Dubai fliegen und so eine Aktion durchziehen können, um damit Hamas und auch Hizbollah zu erschrecken und zu verunsichern. Aber es dürfte auch Pannen gegeben haben, etwa dass die Gesichter der Attentäter zu sehen waren: Die Täter trugen Perücken, falsche Bärte, einer gar einen altmodischen Strohhut. Beim Nachrichtendienst nennen sie das «light disguise». Es verwirrt Zeugen. Trotzdem sind die Angehörigen des Kommandos bis auf weiteres «verbrannt». Im Übrigen galt dieser grosse Aufwand nicht dem Führer der Hamas, sondern einem Mann aus der zweiten Reihe. Das wirft Fragen nach möglichen aktuellen Bezügen auf.
Je mehr Personen an einer solchen Operation beteiligt sind, desto riskanter wird sie doch?
Schon, aber den einsamen Killer gibt es nur im Film. Operationen solcher Art mit «Hit-Teams» brauchen immer eine grössere Mannschaft. Bei den Israeli sind jeweils 12 bis 16 Personen im Einsatz, und jede Person hat eine bestimmte Aufgabe. Das läuft nach einer exakten Choreografie ab.
Wie lange ist die Vorbereitungszeit?
Mindestens mehrere Monate. Man muss Gewohnheiten und Reisepläne der Zielperson kennen. Dann muss man die Leute habe, die sich am Zielort auskennen. Solche Operationen sind schon an ganz dummen Zufällen gescheitert.
Die Attentäter in Dubai sollen nicht miteinander, sondern über eine «Kommandozentrale» kommuniziert haben, die sich vielleicht in Wien oder in Zürich befand.
Das wäre leicht möglich. Die Zentrale befand sich sicher nicht in Israel, weil Anrufe von Dubai nach Israel schnell entdeckt worden wären. Das hätte die Staatssicherheit der Emirate bemerkt.
Gab es bei früheren Aktionen der Israeli schon Kommandozentralen in einem westlichen Land?
Die Kommandostellen waren meist näher am Tatort. Es gab einen Fall in Rom, da sass der Mossad-Direktor fünf Häuser entfernt in einem Auto und gab den Einsatzbefehl. Das wäre in Dubai natürlich nicht möglich.
Was würde aus israelischer Sicht für Zürich sprechen?
Das ist nur eine Frage der Telekommunikation – und des Notfallplans. Wären an dem Anschlag beteiligte Personen verhaftet worden, hätte man schnell reagieren müssen. Das wäre nicht von Tel Aviv, sondern vom Ort der Kommandozentrale ausgegangen. Vielleicht war die in einer israelischen Botschaft, vielleicht in Bern, vielleicht auch in Wien. Es wurden ja österreichische SIM-Karten benutzt.
Österreichische Telefonkarten sind offenbar bei Attentätern beliebt. Auch ein Terrorist in Mumbai hatte damit telefoniert...
...weil die Karten ohne Legitimation des Kunden und ohne Registrierung gekauft werden können. Das wäre in andern europäischen Ländern unmöglich.
Wissen befreundete Geheimdienste von solchen Operationen?
Die Amerikaner sicher, die Europäer eher nicht. Nur weil die Befehle für die Operation aus der Schweiz oder Österreich kommen, heisst das nicht, dass die Länder informiert werden.
Werden wir über diesen Fall noch mehr erfahren?
Für das offizielle Israel zählt im Moment wohl nur, dass der Hamas-Mann tot ist. In Jerusalem wird man wie immer den Mund halten und höchstens in 20 Jahren aus historischen Gründen auspacken. Gerüchte werden bleiben, Verschwörungstheorien entstehen. Es könnten aber Informationen von anderer Seite kommen: Letzte Woche wurden drei Palästinenser in Amman und Damaskus festgenommen und auf Wunsch der Emirate nach Dubai überstellt. Einer von ihnen gehört zum Sicherheitsdienst der palästinensischen Autonomiebehörde, der andere zur Verwaltung im Westjordanland und der Dritte zur Hamas-Sicherheit. Die Polizei von Dubai will herausfinden, ob sie mit den Israeli kooperiert haben. In einem solchen Fall wird schnell gefoltert.
Mit Wilhelm Dietl sprach Bernhard Odehnal
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.02.2010, 10:34 Uhr
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