Rivalen in Wut vereint
Von Oliver Meiler. Aktualisiert am 31.08.2011 7 Kommentare
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In der Wüste sei Gastfreundschaft «eine heilige Regel», sagt Algeriens UNO-Botschafter Mourad Benmehidi, wenn man ihn fragt, warum sein Land die Frau und drei Kinder von Muammar al-Ghadhafi «aus humanitären Gründen» aufgenommen habe, als diese am Montag irgendwo an der fast tausend Kilometer langen Wüstengrenze zwischen den beiden Ländern standen. Die Tochter des Herrschers, Aisha, sei hochschwanger gewesen und habe schnelle Hilfe gebraucht, rechtfertigt sich die Regierung in Algier. Tatsächlich: Das Kind kam am Dienstag zur Welt. Mutter und Tochter sind dem Vernehmen nach wohlauf. Der Hintergrund des Manövers aber ist viel prosaischer und politischer, als die offiziellen Stellungnahmen erkennen lassen.
Die Karawane des Ghadhafi-Clans mag in Not gewesen sein, bedrängt von den neuen Mächtigen in der Hauptstadt Tripolis. Doch ihre Fluchtdestination war keine Überraschung: Für die Ghadhafis gab es kein anderes Schlupfloch mehr als jenes in der Sahara. Es wurde von einem Nachbarn offen gehalten, der davor jahrzehntelang ein Rivale des libyschen Diktators gewesen war und sich erst in den letzten Monaten auf seine Seite geschlagen hatte.
Algeriens Regierung bricht mit der Aufnahme der Ghadhafis das Versprechen, neutral zu sein. Auch wenn gegen keinen der Exilgänger ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs hängig ist. Auch wenn die Ghadhafis das Nachbarland Algerien vielleicht nur als Transitstation nutzen, um bald anderswo Asyl zu suchen: zum Beispiel in Zimbabwe, Venezuela oder Eritrea. Und so wohnt die Region einem bemerkenswerten diplomatischen Revirement bei.
Hochnäsig und suspekt
Ghadhafi war nie ein Freund Algiers – im Gegenteil: Man stritt sich seit den 70er-Jahren um die moralische und politische Hoheit im Maghreb. Die Algerier warfen Ghadhafi etwa vor, er behandle sie von oben herab und mische sich in den Konflikt um die Westsahara ein, den sie seit 1975 mit den Marokkanern ausfechten. Noch vor kurzem bezichtigten sie ihn, Kämpfer des Nomadenstammes der Tuareg dazu einzusetzen, den Ableger von al-Qaida in der Sahelzone und der Sahara – als AQMI bekannt – zu verstärken. Algier behauptete auch stets, Ghadhafi habe in den 90er-Jahren die Terrorzellen der Groupe Islamique Armé (GIA) mitfinanziert, um Algerien zu destabilisieren.
Im Gegensatz zu anderen afrikanischen Staaten, die sich aus historischen und nicht selten auch aus finanziellen Gründen zur Dankbarkeit gegenüber Ghadhafi verpflichtet fühlen, hatte Algerien also keinen leicht durchschaubaren Anlass, das Regime zu stützen. Umgeschlagen hat die Stimmung in Algier erst, als die internationale Intervention in Libyen begann. In ihrer Aversion gegen «westliche Imperialisten» waren sich Ghadhafi und die Machthaber in Algerien (zumeist Generäle) immer schon einig – und nur darin. Das offizielle Algerien stiess sich umso mehr an dem westlichen Engagement, als ausgerechnet die Franzosen, ihre früheren Kolonialherren, die Speerspitze bildeten. Weil die französische Armee bereits in Mauretanien und Mali halb verdeckte Anti-Terror-Operationen durchführt, fühlte man sich in Algier plötzlich umzingelt, ja bedroht – und stimmte gegen die UNO-Resolution, die Massnahmen zum Schutz der libyschen Zivilbevölkerung autorisierte.
Kampf um die Nachfolge
Das algerische Misstrauen gegenüber dem libyschen Übergangsrat rührt aber nicht nur daher, dass dieser nun mithilfe der Nato an die Macht gelangt: Algier hält die Revolutionäre für einen gefährlich bunten Haufen, in dem frisch bewaffnete Islamisten eine angeblich bedrohliche Rolle für die ganze Region spielen. Die Regierung skizziert das Szenario eines Zerfalls des Nachbarlandes in mehrere unkontrollierbare Sultanate, und befürchtet, die Entwicklung könnte auch auf Algerien übergreifen.
Libyens Rebellen halten Algiers Thesen freilich für einen Vorwand, um von den eigenen Problemen abzulenken. Denn die internationale Herausforderung trifft Algeriens Regime, ein System aus alteingesessenen Militärs und Bürokraten mit dem kranken, 74-jährigen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika an der Spitze, in einem heiklen Moment: Im Hintergrund läuft der Kampf um die Nachfolge, um einen Systemwechsel. Ausserdem wartet das Volk immer noch auf die Reformen, die Bouteflika im Januar versprach, als auch in Algerien der Frühling anzubrechen schien. Geld und Subventionen allein reichen langfristig wohl nicht aus, um die Aspirationen der Algerier zu bedienen.
Kann Paris Druck ausüben?
Das meinen die Aufständischen, wenn sie vom Vorwand der Algerier reden. Letztlich wäre es aber im Sinne beider Seiten, im Sinne der ganzen Region, wenn sie sich in Zukunft vertragen würden. Die Frage ist nur, wer die Algerier dazu bewegen kann, den Rebellen im Nachbarland zu trauen. Etwa die Franzosen, die sie am besten kennen?
In der Regel ist es so, dass Algier gereizt auf Rufe aus Paris reagiert. Mit einem späten, antikolonialen Reflex. Ausser es wird leise gerufen – aus den Kulissen, mit viel Feingefühl. Ist Nicolas Sarkozy dazu fähig? Ob Friede in Libyen einkehrt, hängt jedenfalls auch von Algier ab. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.08.2011, 18:09 Uhr
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7 Kommentare
Internationale Intervention? Wohl eher internationale Aggression!! Und weshalb Sie, lieber Herr Oliver Meiler, westliche Imperialisten in Anführungs- und Schlusszeichen setzen ist für mich nicht nachvollziehbar! Würden Sie sich doch allgemein und nicht nur politisch korrekt informieren und recherchieren... So betreiben Sie nur Propaganda!! Antworten
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