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«Perspektiven»: Ein gutes und ein schlechtes Gefühl

Von Artur K. Vogel. Aktualisiert am 11.02.2012

«Bund»-Chefredaktor Artur K. Vogel über die Proteste in Syrien, Ägypten, im Jemen und neuerdings auch in Russland.

Proteste in Ägypten.

Proteste in Ägypten.
Bild: Keystone

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Zu sehen, wie Menschen in Syrien, in Ägypten, im Jemen, neuerdings auch in Russland auf die Strassen gehen, um Autokraten und Diktatoren mit ihren Unterdrückungsapparaten zu provozieren und Mitspracherechte, Menschenwürde und Menschenrechte einzufordern, gibt einem ein gutes Gefühl. Wie dringend diese Anliegen sind, zeigt sich vor allem in Syrien, wo der Freiheitsdrang offensichtlich so stark geworden ist, dass man notfalls sogar das Leben dafür opfert.

Kommentatoren haben diese Grundwelle der Empörung mit Naturphänomenen verglichen, mit Vulkanausbrüchen, Tsunamis, Erdbeben: unvermeidbar, nicht aufzuhalten, unmöglich zu kontrollieren. Dass Russland die Weltmeinung missachtet und jede Aktion gegen Syrien durch sein Veto im Weltsicherheitsrat blockiert, dürfte unter anderem damit zu tun haben, dass sich der starke Mann, Wladimir Putin, durchaus bedroht fühlt und alles vermeiden muss, was den Anschein weckt, er könnte Sympathien für populäre Bewegungen entwickeln. (Den Chinesen hingegen, die eine Syrien-Resolution ebenfalls verhindert haben, geht es wohl wie immer nur um Einfluss und Geschäft.)

Doch exakt wegen des an Naturphänomene erinnernden Charakters der Aufstände verspürt man neben dem guten Gefühl, dass es den unterdrückerischen Regimes dieser Welt an den Kragen geht, auch ein sehr ungutes. Denn neben all diesen Menschen und ihrem in langen Jahren der Unterdrückung akkumulierten Durst nach Freiheit und Menschenwürde werden in diesen Aufständen auch partikulare Interessen der übelsten Sorte ausgelebt, die dem Prinzip der Befreiung und Emanzipation diametral entgegenstehen.

So ist es bekanntlich islamistischen Parteien gelungen, das Ruder in Tunesien und bis zu einem gewissen Grad auch in Ägypten in die Hand zu nehmen. In Ägypten klammert sich auch der alte, einflussreiche Klüngel um die Armeeführung, der sich unter Hosni Mubarak schamlos bereichert hat, aus Furcht um Pfründe, Kopf und Kragen weiter an die Macht. Doch es gibt bisher keine Beispiele dafür, dass Islamisten, einmal an der Regierung, sich an demokratische Prinzipien halten, die bekanntlich auch dazu führen können, dass eine einmal gewählte Regierung bei den nächsten oder übernächsten Wahlen auch wieder entthront werden kann. Und auch regierende Generäle haben oft eine sehr lange Haltbarkeit entwickelt, wenn wir etwa an Burma denken.

Das konkrete Beispiel Syrien jedoch ist vielleicht das komplexeste. In Syrien herrschen die Alawiten, eine Absplittterung der Schiiten. Sie machen etwa zehn Prozent der Bevölkerung aus und haben die Armee, Geheimdienste und gewisse Sektoren der Wirtschaft unter Kontrolle. Die tyrannische Natur dieses Regimes ist unbestritten; es hat – unter Vater Hafez al-Assad ebenso wie unter seinem Sohn Bashar – hinlänglich bewiesen, dass es zu jeder Gewaltanwendung bereit ist, wenn seine Herrschaft gefährdet wird.

Hingegen sind die Alawiten – im Gegensatz zu vielen Schiiten und zu fundamentalistischen Strömungen im sunnitischen Islam – gesellschaftspolitisch relativ liberal. Das heisst: Frauen und Minderheiten, christliche ebenso wie muslimische, haben vor den Aufständen in Syrien mindestens relative Freiheiten genossen. Bis vor kurzem gab es sogar eine kleine jüdische Gemeinde in Damaskus, die inzwischen durch Exodus in die USA und nach Israel auf ein desperates Häufchen dezimiert worden ist. Seit Jahren allerdings hat sich auch Syrien schleichend islamisiert. Als ich vorletzten Herbst letztmals da war, fielen mir vor allem in Aleppo, aber auch in Damaskus die zahllosen verschleierten Frauen auf, die man früher in dieser Häufung nicht beobachten konnte.

Wenn nun die Aufständischen die Oberhand gewinnen sollten, ist – ähnlich wie gegenwärtig in Libyen – völlig ungewiss, in welche Richtung sich die Revolution entwickelt. Am wahrscheinlichsten jedoch ist eine sunnitische, mehr oder weniger fundamentalistische Herrschaft, wie sie sich auch in den nordafrikanischen Staaten abzuzeichnen beginnt. Alawiten, auch jene, die nicht an Assads Terrorregime partizipiert haben, Christen wie in Ägypten, die verbleibenden Juden und weitere Minderheiten würden unweigerlich zu Opfern.

Die Aufständischen sind nicht nur vom Durst nach Freiheit getrieben, sondern auch von teilweise übersteigerten Hoffnungen nach ökonomischem Aufschwung. Die Chance, dass nach der Revolution stattdessen ein Abstieg stattfindet, ist real. (Der Bund)

Erstellt: 11.02.2012, 09:31 Uhr

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