Mehr Truppen, mehr Geld, neue Ideen
Von David Nauer. Aktualisiert am 08.09.2010 2 Kommentare
Afghanische Weisheit
«Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit.»
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Mit lautem Dröhnen schiebt sich die Kolonne die Sandpiste hoch. Vorne weg die Minensucher der Amerikaner, dann deutsche Panzer und Mannschaftswagen. Staub liegt in der Luft, als wir das Hochplateau erreichen. Links und rechts Wüste, in der Ferne einfache Häuser. Oberstleutnant Markus Kraft*, ein muskulöser Fallschirmjäger, sucht mit zusammengekniffenen Augen die Umgebung ab. «Von da drüben werden wir oft beschossen», er zeigt auf eine Ansammlung von Gehöften, vielleicht einen Kilometer entfernt. Hitze flirrt. Wir sind im Feindesland. Dort, hinter einer Lehmmauer, macht einer seinen Granatwerfer schussbreit. Er wird ihn nachher gegen uns richten.
Wie ein letzter Vorposten stehen Kraft und seine Männer an dieser unsichtbaren Front. Ihr Kernauftrag: das Vordringen des Gegners in Richtung Kunduz zu verhindern, wenigstens ein Patt zu halten. «Für mehr reichen die Kräfte im Moment nicht», sagt der Oberstleutnant. Drüben auf dem Feldweg ist der US-Trupp zum Stehen gekommen. Mehrere Fahrzeuge, die aussehen wie aus einem Science-Fiction-Film, suchen nach versteckten Bomben. Mit riesigen Stahlarmen leuchten sie unterirdische Wasserröhren aus, sie röntgen den Boden, sie fahren mit mächtigen Rollen über verdächtige Stellen. So bekämpft die modernste Armee der Welt Afghanistans Steinzeitkrieger: mit Hochtechnologie, der allerneusten, gegen selbst gebastelte Sprengsätze aus Dünger und Zucker.
Heute so blutig wie nie
Der von der Nato geführte Krieg in Afghanistan geht bald in sein zehntes Jahr, und überall wächst die Ungeduld mit diesem widerspenstigen Land. Bereits sind Milliarden an Hilfsgeldern geflossen, eine multinationale Truppe von 100'000 Mann sollte für Ruhe sorgen – mit wenig Erfolg. Der Kampf ist so blutig wie nie. Seit Anfang Jahr sind 500 ausländische Soldaten gefallen, die Zahl der zivilen Opfer steigt dramatisch. Nun soll ein letzter Kraftakt die Wende bringen, bevor der Rückzug beginnt. Europäer und Amerikaner haben Zehntausende zusätzliche Soldaten geschickt, die Finanzhilfe erhöht. Auch geht man mit neuen Strategien ans Werk.
«Wir stehen vor einer Weichenstellung», sagt General Josef Blotz, Sprecher der von der Nato geführten International Security Assistance Force (Isaf). Er sitzt im Hauptquartier der Streitmacht in Kabul. Blotz ist ein typischer Karriere-Militär: hoch gewachsen, hager, schnell im Kopf, präzise beim Reden. Seit einiger Zeit herrsche bei der Isaf ein «frisches und neues Denken», sagt er. Das Kernstück dieser Strategie heisse «Afghan Lead», afghanische Führung. Die Einheimischen, die Regierung von Präsident Hamid Karzai, die afghanische Armee und Polizei, sollen diktieren, wo es langgeht. Isaf unterstützt nur – und tritt mehr und mehr Verantwortung ab. «Die Afghanen müssen ihr Land selbst gestalten», sagt Blotz.
Durchdachte Strategie
Und: Die Zukunft Afghanistans werde ohnehin nicht auf dem Schlachtfeld entschieden. Die Sicherheitslage sei nur 20 Prozent des Problems, 80 Prozent seien strukturelle Defizite. Deswegen heisst der Vierklang der Isaf-Strategie: «shape, clear, hold, build». Kleinere Aufklärungsoperationen bereiten das Feld für militärische Einsätze (shape), mit denen die Taliban vertrieben werden (clear). Dann wird das befreite Gebiet gehalten (hold) und der Wiederaufbau gestartet (build). Das Zauberwort für den letzten Schritt heisst «Cimic», was für Civil Military Cooperation steht. Im Klartext: Brunnen, Strassen und Schulen werden nicht aus reiner Menschenliebe gebaut, sondern gezielt, um bestimmte Gebiete zu befrieden, um die Bevölkerung auf die Seite von Isaf zu ziehen. Entwicklungshilfe wird damit gleichsam zur Waffe.
Die neue Strategie ist durchdacht, ausgearbeitet von den klügsten Köpfen der Nato. Ganz ähnlich sind die Amerikaner im Irak vorgegangen, allerdings mit gemischter Bilanz. Klappt es diesmal in Afghanistan? Oben auf dem staubigen Hochplateau bei Kunduz ist von «afghanischer Führung» zunächst nichts zu sehen. Im Gegenteil: Ganz allein markieren Amerikaner und Deutsche im Feindesland Präsenz, die Afghanen sind zu schwach, um eine entscheidende Rolle zu spielen. Das 209. Korps der Armee, das in der Gegend stationiert ist, hat seine Einheiten im Gelände verzettelt – um wenigstens an einigen besonders heissen Punkten präsent zu sein. Die örtlichen Polizisten sind ebenfalls keine Hilfe, sie sind zu wenige, ungepanzerte Pickups haben sie bloss und Kalaschnikow-Gewehre. Auch die Ausbildung lässt offenbar zu wünschen übrig. «Die afghanischen Polizisten kämpfen mit anderen Massstäben», sagt ein deutscher Hauptfeldwebel diplomatisch. Die Bundeswehr zum Beispiel achte sehr auf Pünktlichkeit, das sei bei den afghanischen Partnern «etwas anders».
Schwieriger Aufbau
Andere westliche Soldaten berichten, die Afghanen würden oft kneifen, wenn ihnen ein Einsatz zu gefährlich scheine. Die Isaf-Truppen rücken dann eben allein aus. Auch an der Loyalität der Einheimischen gibt es manchmal Zweifel, heisst es inoffiziell. Der Kommandant einer westlichen Kampftruppe schildert etwa, er überlasse den Afghanen nie die Sicherung einer Flanke alleine. «Ich stelle dahinter immer noch eigene Leute auf. Sicher ist sicher.»
Wie schwer der Aufbau afghanischer Sicherheitskräfte ist, zeigt sich in der Polizei-Schule von Kunduz. Hier bilden deutsche Beamte den afghanischen Polizeinachwuchs aus. Ungelenk marschieren junge Männer über den Vorplatz. Arme, Beine, Körper – es herrscht ein grosses Durcheinander. Polizei-Oberrat Sven Mewes, der Chef der Schule, schaut besorgt zu seinen Schützlingen hinüber. Bei den einfachsten Dingen müssen er und seine Kollegen beginnen. Koordination, Zusammenarbeit, Disziplin – für die Rekruten sind das Wörter aus einer fremden Welt. Sie stammen meist aus ärmsten Verhältnissen, 80 Prozent können weder schreiben noch lesen. Eine Schnellbleiche soll sie zu bewaffneten Staatsdienern machen. «Wir sorgen dafür, dass sie eine Chance haben, im Feld zu überleben», sagt Oberrat Mewes. Keine Selbstverständlichkeit. Die afghanische Polizei hat immense Opferraten. Allein in der Provinz Kunduz sind in den letzten drei Wochen 20 bis 25 Beamte getötet worden.
Klotzen, nicht kleckern
Inzwischen haben die Rekruten in der Polizeischule eine neue Aufgabe gefasst. Sie sollen zu Übungszwecken ein Haus stürmen und einen «Aufständischen» verhaften. Mit grossem Eifer pirscht sich eine Gruppe von fünf Mann vor. Sie tragen viel zu grosse Uniformen. Mit ihren Holzgewehren wirken sie ein wenig wie Kinder, die «Räuber und Poli» spielen. Gleichwohl ist es den Männern ernst: Der «Taliban» wird fest gepackt, pflichtbewusst das Zimmer durchsucht. «This was very good», sagt danach der deutsche Ausbildner.
Bringt dieser Lehrgang überhaupt etwas? «Eine Antwort zu geben», gesteht Oberrat Mewes ein, «ist schwierig.» Was man hier mache, sei zurzeit noch ein Tropfen auf den heissen Stein. «Allerdings ist es die einzige Alternative zum Nichtstun.» Zudem sei die Spitze des Engagements noch nicht erreicht. In den kommenden Monaten soll die Kapazität der Schule verfünffacht werden. Dort, wo jetzt struppiges Gras wächst, entstehen neue Kasernen, eine Küche ist ebenfalls geplant. «Wir klotzen, wir kleckern nicht», sagt Mewes.
Am Erfolg dieser und ähnlicher Programme wird sich die Zukunft Afghanistans entscheiden. Eine Aufgabe, die noch viele Jahre in Anspruch nimmt. zu viel ist in diesem Land zerstört, ganze Generationen ohne Ausbildung, ohne Verständnis dafür, was ein Staat ist und wie er funktionieren könnte. Die Afghanen sind nicht dumm. Sie haben bloss ihre Erfahrungen gemacht und ihr Verhalten entsprechend angepasst. In den letzten 30 Jahren Krieg war es stets die Familie, der Clan, das Dorf oder die Ethnie, die Sicherheit garantiert haben. Nie eine staatliche Institution. Hinter vorgehaltener Hand erzählen westliche Einsatzkräfte Folgendes: Afghanische Familien würden häufig einen Sohn zur Armee schicken, einen zur Polizei und einen dritten zu den Taliban. So rechneten sie sich die besten Chancen aus, auf der richtigen Seite zu stehen – wer den Krieg am Schluss auch immer gewinne.
«Hübscher kleiner Partisanenkrieg»
Die amerikanischen Minen-Räumer auf dem Wüstenplateau stossen derweil weiter vor, die deutschen Panzer sichern die Flanken. Eine Kamelherde zieht vorbei, ein Afghane auf einem Rad. Oberstleutnant Kraft lässt die Besatzung des gepanzerten Fahrzeugs kurz aussteigen. Einer geht pinkeln, einer macht ein paar Fotos. «Das Dorf Palaw Kamar ist wie ausgestorben», funkt plötzlich ein Aufklärer. Das Vieh werde weggeführt. «Ein Anzeichen, dass bald etwas passiert», erklärt Kraft. Wir sitzen nun wieder im Schutz der schweren Stahlplatten des Transporters. Die Bevölkerung weiss oft mehr als die Soldaten. Es gibt Dörfer, in denen sich die Taliban frei bewegen, eine religiöse Steuer eintreiben und Recht sprechen. Hier, auf dem Plateau oberhalb von Kunduz, begraben sie ihre Toten ganz ungeniert: Über den Gräbern auf dem Dorffriedhof wehen weisse Flaggen, ein Zeichen, dass ein Taliban unter der Erde liegt.
Besuch bei Oberstleutnant Karl Klug* in Mazar-i Sharif, 150 Kilometer westlich von Kunduz. Er ist der deutsche Verbindungsoffizier bei den afghanischen Sicherheitskräften, kaum einer weiss so viel über die militärische Lage wie er. Jetzt steht Klug vor einer grossen Karte, hebt die Hand und zieht einen weiten Bogen. Im Westen des deutschen Einsatzgebiets sei ein grösserer Unruheherd entstanden, halbmondförmig, sagt er. Die Ring Road, die Lebensader Afghanistans, ist bereits an mindestens zwei Stellen nicht mehr unter Kontrolle der Regierung. Auch wenige Kilometer westlich von Mazar-i Sharif steht der Feind. «Wir sind da in einen hübschen kleinen Partisanenkrieg verwickelt worden», sagt Klug, ein studierter Militärhistoriker, den seine Kameraden nur «den Doktor» nennen.
Besuche bei Dorfältesten
Die «bösen Buben», wie der Oberstleutnant die Aufständischen nennt, hätten eine beachtliche Schlagkraft entwickelt. Ein Beispiel: Wenige Tage ist es her, da hat die Polizei im Nordwesten zwei Anführer der Taliban festgenommen. Die Gotteskrieger reagierten innert weniger Stunden und attackierten mit 350 Mann ein Polizeihauptquartier. Erst die internationalen Truppen konnten die Angreifer stoppen. In vielen anderen Fällen aber verpufft die technologische Übermacht der Isaf. Jedes Mal, wenn die westliche Streitmacht aufrüstet, zieht der Gegner nach. «Wir investieren 100'000 Euro in eine bessere Panzerung, die Aufständischen investieren 10 Euro in mehr Sprengstoff», sagt ein Soldat, der viel im Feld unterwegs war. «Und schon können sie wieder jedes Fahrzeug knacken.»
Die Menschen in Afghanistan sehen, wie schwer es der westlichen Übermacht fällt, die Oberhand zu bewahren, wie sehr sich die Isaf am Hindukusch festgefahren hat. Um so wichtiger ist die psychologische Kriegsführung. Die Bundeswehr bemüht sich intensiv, die Afghanen zu informieren – sei es über Flugblätter, Radiosendungen oder ständige Besuche bei Dorfältesten und Mullahs. Doch auch an der Propagandafront sind die Gotteskrieger im Vormarsch. Sie kämpfen mit Heimvorteil und im Bewusstsein, dass die Zeit für sie tickt. Jeder tote Soldat schwächt die westliche Allianz, zersetzt die ohnehin schon magere Unterstützung für diesen Krieg in den Heimatländern. Früher oder später werden die Politiker in Washington, Berlin oder Paris die Notbremse ziehen müssen, weil der Druck der Wähler zu gross wird. Darauf warten die Taliban.
Schadenersatz von der Isaf
Kommt hinzu, dass es dem Westen noch nicht gelungen ist, den Afghanen eine ideelle wirkliche Perspektive aufzuzeichnen. Begriffe wie Demokratie, Freiheit und Gleichheit sind leer geblieben, versinken in der anhaltenden Armut, in der Spirale der Gewalt und der schamlosen Raffgier der neuen afghanischen Eliten. «Eine Idee kann man nur mit einer Idee bekämpfen. Wir aber haben keine Idee», beklagt ein deutscher Offizier. In dieses Vakuum können die Taliban leicht vorstossen mit ihrer einfachen, dogmatischen, ja grausamen Lehre.
Die Militäroperation oberhalb des Kunduz-Tals ist beinahe abgeschlossen. Die Amerikaner sind abgezogen, die Panzer auch. Da knallt es plötzlich. Eine Granate schlägt unweit der deutschen Mannschaftswagen ein. Bald eine zweite. Die Soldaten springen in Deckung, erwidern das Feuer. Der Feind sitzt «in dem Hof mit der grünen Tür», wie ein Aufklärer über Funk ruft. Rauch steigt auf, das Haus brennt, offenbar in Brand geschossen. Zwei Männer und eine Frau rennen aus dem Gebäude. Die Deutschen könnten das Dorf stürmen, an Feuerkraft fehlt es nicht. Doch ein Angriff wäre gefährlich, Soldaten könnten sterben, Zivilisten fast sicher. Das will niemand. Stattdessen fordert die Einsatzleitung eine Drohne an, um den Schaden zu begutachten. So funktioniert das in diesem Krieg: Der Hausbesitzer bekommt von der Isaf Schadenersatz, auch wenn aus seinem Gehöft geschossen worden war.
Wir warten. Hitze. 45 Grad. Ruhe. Die Besatzung unseres Panzerwagens packt Wurst-Käse-Brote aus. Einer schneidet ein Fertiggericht auf. Fleischbällchen mit Reis und Gemüse. Als ein Lastwagen vorbeifährt, schauen wir misstrauisch hin. Der Chauffeur könnte ja ein Selbstmordattentäter sein. Wieder Kamele, wieder Schafe. Nach einer gefühlten Ewigkeit fahren wir zurück ins Feldlager. Wenigstens sind die paar Kilometer Strasse von Minen geräumt. «Bis morgen», sagt Oberstleutnant Kraft. Dann beginnt alles wieder von vorne.
* Namen geändert
Dieser Text entstand mit Unterstützung der deutschen Bundeswehr. Der Autor war als «eingebetteter Journalist» in Afghanistan unterwegs. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.09.2010, 13:29 Uhr
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2 Kommentare
Wer mit Google-Earth die Gebirge und Wüsten Afghanistans erkundet, wird sich nachher fragen: Was will die Nato eigentlich in dieser Ödnis? Wie viel kostet eigentlich der tägliche Import allein der Fleischnahrung für die rund 150'000 Truppen? Ich glaube, der Krieg endet irgendwann am Koller und am Heimweh der entsandten Truppen. Der launische Abgang Stanley McCrystals deutet schon mal drauf hin. Antworten
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