«Ich wollte wählen, selbst wenn ich mein Leben riskierte»
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Der Wahltag begann mit Explosionen: Pünktlich zur Öffnung der Wahllokale um sieben Uhr morgens war in Bagdad ihr dumpfer Widerhall zu hören. Mörsergranaten schlugen rund um mehrere Wahllokale ein, in einem Stadtteil warf ein Mann eine Handgranate zwischen die Wähler, in einem anderen stürzte ein ganzes Haus nach einem Einschlag zusammen. Auch die bestens gesicherte «internationale Zone», in der Regierungschef Nuri al-Maliki sein Büro hat, wurde zum Ziel: Bis zur Schliessung der Wahllokale kamen mindestens 31 Menschen um.
Al-Qaida und andere Terrorgruppen haben ihre Ankündigung wahrgemacht, die Parlamentswahl «mit militärischen Mitteln» zu stören. Ihab Namuq ging am Sonntagmorgen bei strahlendem Sonnenschein trotzdem wählen: «Klar hatte ich Angst nach den ersten Bomben. Aber genau das wollen die Terroristen.» Der 36-jährige Fotograf: «Ich wollte wählen, selbst wenn ich mein Leben riskierte.»
Resultate erst in einigen Tagen
Trotz aller Risiken strömten die Wähler in die Wahllokale – nach arabischer Art familienweise und mit kleinen Kindern auf den Armen. Die Sicherheitskontrollen waren streng, Männer und Frauen wurden getrennt durchsucht: Auch Hamdia Mohammed Darwisch kam, um ihre Stimme abzugeben: Für die 80-Jährige war es die erste Wahl ihres Lebens. Die drei Töchter hatten ihre blinde Mutter im Rollstuhl in die Mohammed-Bakr-al-Hakim-Schule im Stadtteil Chaderiye gebracht. Nachdem sie den DIN-A3-grossen Wahlzettel mithilfe einer der Töchter ausgefüllt und in die Wahlurne gesteckt hatte, hielt die alte Frau ihren Zeigefinger mit der lila Tintenmarkierung in die Luft: «Bei meinem Leben: Ich habe unseren Regierungschef Maliki gewählt.»
Raed Haji, der Wahlleiter im Bezirk, klagte am Mittag noch über die eher schwache Wahlbeteiligung: «Die Anschläge zeigen Wirkung; die Leute kommen leider nur langsam. Hoffentlich wird das noch besser.» In Hajis eigenem Garten war an diesem Vormittag eine Granate gelandet: «Alle Fenster in unserem Haus sind zersplittert; die Wand ist beschädigt.» Zu seinem Job als Wahlleiter ist er dennoch erschienen: «Ich betrachte die Arbeit hier als meine patriotische Pflicht.» Diese zweite irakische Parlamentswahl nach dem Sturz des Diktators Saddam Hussein war ein heikles Unterfangen: Seit Wochen gab es Terrordrohungen, während des Wahlkampfes waren Dutzende Menschen bei Anschlägen in Bagdad und anderen Landesteilen umgekommen.
Das Feld den Schiiten überlassen
Auch politisch stand die Wahl unter keinem guten Stern: Die De-Baathifizierungs-Kommission hatte einige der wichtigsten Kandidaten der Sunniten wegen ihrer angeblichen Rolle während Saddams Diktatur mitten im Wahlkampf gesperrt. Obwohl auch zahlreiche Schiiten aus dem Rennen ausscheiden mussten, bestand damit die Gefahr, dass die Sunniten an dieser zweiten Parlamentswahl im «neuen Irak» nicht in ausreichender Zahl teilnehmen würden. Mit ihrem Boykott der Wahlen 2005 hatte die sunnitische Minderheit das Feld vollends der schiitischen Mehrheit und den auf Autonomie setzenden Kurden überlassen – und sich politisch selbst ins Aus gebracht. Ihr Wahlverhalten wird der entscheidende Faktor dafür sein, ob diese zweite freie Parlamentswahl und die daraus hervorgehende Regierung nach Auszählung der Stimmen von allen Irakern akzeptiert und damit politisch legitimiert werden kann.
Ob die Sunniten diesmal in grosser Zahl teilgenommen haben, wird sich erst im Laufe der Woche zeigen. Einer der Sunniten, die an diesem Vormittag im Wahllokal in Chaderiye erschienen war, blieb skeptisch: «Das Ganze ist nicht wirklich fair. Dass sunnitische Politiker, die seit Jahren offiziell in der Politik sind, mitten im Wahlkampf wegen ihrer angeblichen Baath-Vergangenheit vom Rennen ausgeschlossen wurden, werden viele als Manipulation betrachten. Damit, so der ehemalige General in Saddams Armee, könne der Urnengang von den Sunniten am Ende kaum als eine Chance für alle Iraker und damit als legitime Wahl betrachtet werden.
US-Soldaten im Hintergrund
Genau das aber ist die wichtigste Voraussetzung dafür, dass der Irak nach sieben Jahren Krieg zumindest halbwegs stabil bleibt. Ende August zieht ein grosser Teil der US-Truppen ab. 50 000 Berater und Ausbilder werden zwar noch bis Ende 2011 im Land bleiben. Doch schon bei den Wahlen liessen sich die US-Soldaten nicht sehen; die Verantwortung für die landesweite Sicherheit liegt inzwischen weitgehend in den Händen der irakischen Armee. Nur die über der Stadt kreisenden Apache-Helikopter erinnerten daran, dass die Besatzer von 2003 auch im Jahr 2010 ihren Teil zur Sicherheit beitragen.
Für die nötige Versöhnung zwischen den verfeindeten Religionsgruppen im Land aber reichen weder US-Hubschrauber noch irakische Soldaten, Polizisten und Strassensperren aus: Voraussetzung dafür ist eine gewählte Regierung für alle Iraker. Das deckt sich mit dem, was viele Wähler nach der Stimmabgabe sagten: «Nach all dem Leid, das geschehen ist, wollen wir endlich den Wandel für unser Land.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.03.2010, 07:55 Uhr
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