Ausland

Nina Merli
Reporterin


«Ich bin erstaunt, wie wenig zerstört wurde»

Aktualisiert am 14.02.2012 3 Kommentare

Der Schweizer Kuno Gross hat jahrelang in Libyen gelebt. Vor einem Monat kehrte er erstmals nach dem Krieg ins Land zurück. In einem Interview mit DerBund.ch/Newsnet schildert er seine Eindrücke.

1/23 Geben ihre Waffen nicht freiwillig ab: Libysche Milizen jubeln nach dem Fall von Ghadhafi. (20. Oktober 2011)
Bild: Reuters

   

Kuno Gross hat seit 1998 die meiste Zeit in Libyen verbracht. Er arbeitete auf verschiedenen Baustellen für Projekte zur Energie- und Wasserversorgung des Landes. In seiner Freizeit hat er das Land intensiv bereist und sich vor allem auch mit historischen Begebenheiten befasst. Aus dieser Leidenschaft entstanden mittlerweile bereits verschiedene Publikationen und weitere sind in Arbeit. Mehr Infos auf seiner Website www.desertstories.org

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Herr Gross, Sie sind Anfang des Jahres für drei Wochen nach Libyen gereist. Wie ist die Stimmung im Land?
Es ist schwierig, ein allgemeines Bild zu zeichnen, denn ich kann auch nur meine eigenen Eindrücke wiedergeben. Ich persönlich habe das Gefühl, dass die Libyer froh sind, die Herrscherfamilie, also den Ghadhafi-Clan, endlich los zu sein. In fünf Jahren werden vielleicht einige wieder behaupten, früher sei alles besser gewesen. Was am meisten auffällt, ist das starke Freiheitsgefühl, das herrscht. Mir ist auch aufgefallen, dass der Name Ghadhafi zum ersten Mal – ohne Angst – überhaupt ausgesprochen wird. Früher sprach man nur von «ihm» oder «von dem da oben». Die Leute hatten Angst. Dieser Druck, diese Paranoia, scheint jetzt von den Libyern gewichen.

Konnte der Alltag wieder aufgenommen werden?
Die Geschäfte sind geöffnet, Lebensmittel sind bis auf wenige Exklusivprodukte vorhanden. Auf den Strassen stauen sich die Autos – ein starker Indikator für Normalität. Die Schulen sind geöffnet, seit Ende des Krieges wurden sogar bereits neue Lehrmittel erstellt. Nachts sind wieder Menschen unterwegs, Cafés und Restaurants sind belebt. Man kann also schon sagen, dass sich die Lage normalisiert hat und wieder ein Alltag herrscht.

Wie sieht es mit den Kriegsspuren aus. Wurden die Trümmer bereits weggeräumt oder gehören zerbombte Gebäude zum Stadtbild?
Die Spuren sind ganz klar ersichtlich. Das geht von Beschussschäden an Gebäuden bis hin zu abgeschossenen Panzern und Fahrzeugen. Trotzdem war ich erstaunt, wie wenig tatsächlich – angesichts der Umstände – zerstört wurde. Wer letztes Jahr den Krieg am Fernsehen mitverfolgt hat, hätte eine viel grössere Zerstörung erwartet. Zum Teil hiess es ja, dass die Nato-Bomber ganze Stadtteile in Schutt und Asche gelegt hätten. Ich bin in den drei Wochen sicherlich über 1000 Kilometer quer durchs Land gefahren und habe insgesamt nur zwei nichtmilitärische Gebäude gesehen, die durch Bombenbeschüsse zerstört worden waren. In beiden Fällen hatten jedoch die Einheimischen bestätigt, dass die Gebäude genutzt wurden, um Panzer zu verstecken.

Dann hat sich Ihr persönliches Bild nicht mit den Medienberichten gedeckt?
Zum Teil gab es schon grosse Unterschiede. Ein Journalist des «Tagesspiegels» hatte beispielsweise in einer Reportage im Juni 2011 beschrieben, dass das alte Hotel in Jefren von Ghadhafis Einheiten zerstört worden sei und in «Trümmern liege». Nun, ich habe im Januar in Jefren Halt gemacht: Das Hotel Jefren steht wie eh und je und ist völlig unversehrt. So etwas stimmt schon nachdenklich. Ausserdem hat mir mein Reisebegleiter, der an den Kämpfen aktiv teilgenommen hatte, erzählt, dass er sehr beeindruckt gewesen sei von der, sagen wir, «Fairness» der Nato-Bomber. Er habe mehrmals gesehen, wie Bomber sozusagen im «Leerlauf» über die zu bombardierenden Panzer geflogen seien und erst als sich die Besatzung der Panzer in Sicherheit gebracht hatte, hätten sie die Panzer zerstört. Über solche Episoden wurde in den Medien nie berichtet.

Wie ist eigentlich die Stimmung der Einheimischen gegenüber Schweizern – ist noch etwas von der Schweiz-Libyschen-Krise zu spüren?
An dieser Stelle muss einmal gesagt werden, dass diese Krise einzig von der Familie Ghadhafi ausging. Ich lebte während der Krise, die 2008 ihren Lauf nahm noch in Libyen und bin deswegen als Schweizer nie von Libyern angegriffen oder diskriminiert worden. Als der Konflikt eskalierte und Ghadhafi der Schweiz im März 2010 den «Heiligen Krieg» erklärte, haben sich Einheimische sogar bei mir entschuldigt. Gleichzeitig teilten sie mir aber mit, dass sie den Kontakt zu mir abbrechen müssten, da ihr Leben ansonsten gefährdet wäre. Dies war dann auch der Augenblick, an dem ich mich entschied, das Land zu verlassen – wenn durch meine Präsenz Menschen in ihrem eigenen Land Repressionen riskierten, dann war es wirklich Zeit zu gehen.

Wann genau haben Sie das Land dann verlassen?
Ich bin am 6. April 2010 aus Libyen ausgereist. Knapp drei Wochen, nach Ghadhafis Dschihad-Ansage in Benghazi. Selbst wenn ich weiterhin hätte bleiben wollen, zum damaligen Zeitpunkt wäre es gar nicht mehr möglich gewesen, eine Visa-Erneuerung zu bekommen. Offiziell hatte die Firma mir schon eine ganze Weile vorher freigestellt, das Land zu verlassen, wobei man mir die Entscheidung für den Zeitpunkt überliess – ich war schon seit rund elf Jahren im Land und glaubte somit die Lage vor Ort gut einschätzen zu können. Doch als sich die Krise immer stärker zuspitzte, gab es keine Alternative mehr. Ich konnte noch mein Handgepäck packen, mehr nicht. Meine Wohnung, mein Auto, meine persönlichen Sachen – das habe ich alles in Tripolis gelassen. Nach dieser abrupten Ausreise bin ich während der Revolution zweimal ganz kurz ins Land gereist, allerdings ohne reguläres Visum.

Wie war das möglich?
Es gab eine Zeit während der Revolution, in der man kein Visum brauchte. Ende September letzten Jahres war ich in Tunesien in den Ferien und hab mich dann mit libyschen Bekannten in Libyen getroffen. Ich bin zwar auch damals ganz offiziell über einen regulären Grenzposten eingereist, mit dem Unterschied, dass keine Visumsprozedur nötig war. Denn die Behörden in Tripolis hatten zum damaligen Zeitpunkt anderes zu tun und die Grenze war in den Händen der Leute aus Zuara.

Im Januar dieses Jahres waren Sie aber wieder geschäftlich und somit offiziell in Libyen unterwegs?
Ja. Und es war ein gutes Gefühl. Denn ich wurde ja damals, im April 2010, sozusagen aus dem Land geworfen, obwohl ich ja nichts verbrochen hatte. Das einzige Problem bestand darin, dass ich die falsche Nationalität hatte. Für einen Schweizer ist das ungewohnt, man kennt das nicht. Von dem her, hat es gut getan, wieder offiziell im Land willkommen zu sein und ein negatives Kapitel abschliessen zu können.

Gibt es immer noch Strassenkontrollen?
Checkpoints hat es schon immer gegeben, zum Beispiel an Bezirksgrenzen oder an strategisch günstigen Stellen. Ganz früher mussten sich Ausländer jeweils an den Checkpoints registrieren, das hatte aber auch seine Vorteile: Man konnte nicht so leicht verschwinden, wenn einem etwas passiert wäre. Diese Checkpoints gibt es immer noch, nur werden sie jetzt von anderen Leuten bedient – oder es sind die gleichen, die jetzt einfach andere Uniformen tragen. Ausserdem ist die Stimmung, im Gegensatz zu früher, ziemlich entspannt. Zwar sind die Sicherheitsbeamten nach wie vor bewaffnet, aber die Kalaschnikow steht irgendwo in einer Ecke und wird einem nicht mehr unter die Nase gehalten.

Wie sieht es mit ausländischen Investoren und Firmen aus. Sind die inzwischen wieder ins Land zurückgekehrt?
Die Ölindustrie läuft bereits wieder normal, fast auf Vorkriegsniveau. Im Bereich Bau und Infrastruktur ist man noch zurückhaltend. Vor der Revolution liefen viele grosse Prestigeprojekte wie EInkaufszentren oder Wohnüberbauungen. Diese Projekte stehen weiterhin still. Die Baufirmen haben damals ihr Personal evakuiert: Nicht nur die europäischen Fachkräfte, sondern auch alle anderen ausländischen Arbeiter. Man hat sie nach Hause geschickt, bis man hier wieder aktiv wird. Diese Baustellen sind nun seit bald einem Jahr eingestellt. Bevor es wieder losgehen kann, braucht es eine Bestandesaufnahme. Schäden müssen festgestellt, gestohlene Ausrüstung muss neu beschafft und die Arbeiter rekrutiert werden. Was bei oftmals 1000 bis 2000 Leuten ein Riesenaufwand ist.

Also ist noch nicht von einer Goldgräberstimmung die Rede?
Nein, so euphorisch ist man noch nicht. Aber man ist zuversichtlich und die Stimmung von Hoffnung geprägt. Viele sind der Meinung, dass jetzt einfach alles besser wird.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.02.2012, 11:08 Uhr

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3 Kommentare

Lutz Leonhardt

14.02.2012, 12:19 Uhr
Melden 38 Empfehlung 0

Super Bericht. Man bekommt eine Ahnung, wie anders die Realität an einem Kriegsschauplatz ist, ganz anders als sie in Medienberichten dargestellt wird. Antworten


Adriano Granello

14.02.2012, 23:35 Uhr
Melden 1 Empfehlung 0

Die "Medien"! Deren Rolle darf oder muss man hier, aber aber auch im 'normalen' Tagesgeschehen dieser Welt kritisch unter die Lupe nehmen, es ist schon erstaunlich, wieviel Sensation um der Sensation resp. des blanken Profites willen "produziert" wird - auch wenn klar ist, dass die Presse schliesslich von Sensation plus Leserzahlen resp. von den daraus erzeugten Werbeeinnahmen lebt... Antworten



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