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Michèle Widmer
Redaktorin News


«Für Jihadisten ist der Sinai der perfekte Ort»

Aktualisiert am 09.08.2012

Nach dem zweiten Anschlag auf ägyptische Grenzposten im Sinai wächst die Sorge um die Sicherheitslage auf der Halbinsel. Nahost-Experte Arnold Hottinger sagt, warum das Gebiet seit Jahren als Wilder Westen gilt.

1/12 Erneuter Gewaltausbruch: Ein Mann geht am ausgebrannten Auto von Extremisten vorbei, die von ägyptischen Truppen getötet wurden. (12. August 2012)
Bild: Reuters

   

Der Journalist und Autor war langjähriger Nahostkorrespondent der «Neuen Zürcher Zeitung». Er gilt als einer der wichtigsten Experten für den Nahen Osten und hat zahlreiche Publikationen über die arabische Welt verfasst.

Arnold Hottinger wuchs in Düsseldorf und Basel auf, studierte Orientalistik und Romanistik an der Universität Zürich. Weiterführende Studien verfolgte er in Paris, Chicago, Kairo und Beirut. Er spricht nebst sechs weiteren Sprachen fliessend Arabisch. (Bild: Keystone )

(Bild: Keystone )

Mursi entlässt Sinai-Gouverneur

Der ägyptische Präsident Mohammed Mursi hat seinen Geheimdienstchef und den Gouverneur des nördlichen Teils der Sinai-Halbinsel entlassen. Nach dem Angriff mutmasslicher Extremisten auf ägyptische Soldaten an der Grenze zu Israel und dem Gazastreifen am Wochenende forderte das Staatsoberhaupt zudem Verteidigungsminister Hussein Tantawi auf, den Kommandeur der Militärpolizei auszutauschen. Die Einheit war seit dem Sturz des langjährigen Machthabers Husni Mubarak vor 18 Monaten besonders häufig zum Einsatz gekommen. (dapd)

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Nur wenige Tage nach dem blutigen Anschlag auf ägyptische Grenzsoldaten sind in der Nacht erneut Soldaten auf der Halbinsel Sinai unter Beschuss geraten. Die ägyptischen Streitkräfte setzten bei der Verfolgung der mutmasslichen Islamisten Kampfflugzeuge ein. Dabei wurden offenbar 20 der bewaffneten Angreifer getötet. Am Sonntag hatten die vermummten Angreifer 16 ägyptische Soldaten in der Nähe des Gazastreifens getötet. Anschliessend sind die Terroristen mit einem erbeuteten gepanzerten Fahrzeug nach Israel eingedrungen, wo sie vom israelischen Militär getötet wurden.

Damit ist die Diskussion um den Kontrollverlust in der Grenzregion zu Israel neu entfacht. Der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak fordert von Kairo, sich mehr um die Sicherheit im Sinai zu bemühen. In der israelischen Armee ist von Zuständen wie im Wilden Westen die Rede.

Unzutreffend ist diese Beschreibung nicht. Im Sinai kommt es regelmässig zu Anschlägen, Entführungen gehören zum Alltag und Waffen- und Rauschgifthändler treiben ihr Unwesen. Bewohnt wird das Gebiet vor allem von Beduinen, die sich seit Jahren gegen die Regierung auflehnen.

Grosse Verfolgung

Der Grund dafür geht laut Nahost-Experte Arnold Hottinger auf die Jahre 2004 bis 2006 zurück. «Damals gab es im Sinai eine Reihe von Anschlägen auf die touristischen Zentren wie Sharm al-Sheikh. Die ägyptische Regierung machte die dort wohnhaften Beduinen dafür verantwortlich und verfolgte sie. Noch heute sitzen Hunderte dieser Wüstenbewohner – teilweise auch unschuldig – im Gefängnis», erklärt er. Deshalb seien die Beduinen bis heute gegen die ägyptische und die israelische Regierung aufgebracht. Denn damals hätten die beiden Staaten eng zusammengearbeitet.

Das hügelige Wüstengebiet des Sinai mit seiner Grenze zum Gazastreifen und zu Israel sowie der Nähe zu Jordanien und Saudiarabien ist für Ägypten strategisch heikel. Zudem wird der Kampf gegen den Terrorismus durch das Friedensabkommen mit Israel und die damit verknüpfte Entmilitarisierung in der Grenzregion behindert.

Menschen instrumentalisieren

Bei den Angreifern, die die ägyptischen Sicherheitskräfte in den Abendstunden beim Iftar, dem Fastenbrechen, überraschten, soll es sich um islamistische Extremisten gehandelt haben. Laut Hottinger haben sich in den vergangenen Jahren viele Extremisten aus Saudiarabien, aus dem Irak oder auch aus fernöstlichen Ländern wie Pakistan im Sinai auf der Suche nach einem neuen Zuhause niedergelassen. «Für Jihadisten ist der Sinai aufgrund der aufgebrachten Stimmung der Bewohner der perfekte Ort», erklärt er. «Sie versuchen die Menschen dort für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.»

Die Angriffe auf den Sinai der letzten Woche gelten als folgenschwerste der letzten Jahre. Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu, der zusammen mit Verteidigungsminister Barak an den Grenzübergang Kerem Shalom reiste, sprach von einem gross angelegten Terrorangriff, der gerade noch abgewendet werden konnte. Nach israelischen Angaben erbeuteten einige der Angreifer bei der Attacke am Sonntag zwei Militärfahrzeuge, mit denen sie versuchten, auf israelisches Territorium vorzudringen.

Misstrauen

Ob das Ziel der Angreifer wirklich ein Vordringen nach Israel war, ist für Hottinger fraglich. «Ich glaube, dass die Ägypter das primäre Ziel des Anschlags waren», erklärt er. Der Anschlag sei in der Nähe des Gazastreifens verübt worden. Der Weg von dort ins Innere Israels sei weit und man müsse einige Kontrollstellen passieren.

Die angespannte Lage im Sinai könnte für den neuen ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi zum Problem – laut Hottinger gar zur Bewährungsprobe werden. Denn mehrere Wochen nach seiner Wahl ist noch immer unklar, inwiefern die israelische Regierung mit Mursi, einem ehemaligen Muslimbruder, zusammenarbeiten will. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.08.2012, 00:13 Uhr

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