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«Die Gewalt ist Politik – hundertprozentig»
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Der Ägypter Hany Ramzy spielte viele Jahre als Verteidiger in Europa. Zuerst bei Neuchâtel Xamax (1990–94), bevor er in die deutsche Bundesliga wechselte. Seit seinem Karrierenende vor knapp sieben Jahren ist er als Trainer tätig. 2009 übernahm der heute 42-Jährige die U-23-Nationalmannschaft Ägyptens. Diese bereitet er derzeit auf die Olympischen Spiele in London vor, was angesichts der jüngsten Ereignisse jedoch in den Hintergrund rückt. Ramzy ist in Kairo geboren und lebt heute wieder dort. Bis zu seinem 21. Lebensjahr spielte er für al-Ahly Kairo, den Klub, dessen Spieler und Fans am Mittwoch in Port Said gejagt wurden.
Al-Masry gegen al-Ahly ist in Ägypten ein Spitzenspiel. Waren Sie als U-23-Nationaltrainer am Mittwoch im Stadion in Port Said?
Nein, ich war zu Hause in Kairo und habe mir das Spiel im Fernsehen angeschaut. Eigentlich bin ich bei al-Ahly gerne auch live dabei, diesmal war mir der Weg nach Port Said jedoch zu weit.
Wie waren die Augenblicke nach dem Spiel für Sie?
Normalerweise beginnen bei gefährlichen Spielen die Probleme in der Halbzeitpause, aber da war es noch relativ ruhig. Was jedoch direkt mit dem Schlusspfiff passierte, das war unfassbar, unglaublich: innerhalb von zwei Minuten 75 Tote . . .
Wie kam es Ihrer Meinung nach zu diesen Ausschreitungen?
Das alles hat nichts mit Fussball zu tun. Die Fans von al-Masry hatten doch eigentlich keinen Grund, zu randalieren. Ihre Mannschaft hatte ja gewonnen. Ausserdem sind sie nicht viel gewalttätiger als andere. Die Fans sind hier nicht verantwortlich. Das war alles geplant und wäre in jedem Fall passiert, ganz unabhängig vom Spielverlauf. Innerhalb von zwei Minuten waren Tausende Fans mit Messern bewaffnet auf dem Platz. Sie wurden vor dem Spiel nicht kontrolliert, und die Polizei hat nicht eingegriffen. Die Gewalt ist Politik, hundertprozentig.
Woher kommen die Gewalttäter?
Darüber wird sehr viel spekuliert. Es können Leute des alten Regimes von Mubarak sein, die versuchen, das neue System zu schwächen. Manche sind auch der Meinung, sie kämen von ausserhalb, aus dem Iran beispielsweise. Aber das ist das grosse Problem: Niemand weiss es wirklich. Jedes Mal, wenn es in Ägypten etwas ruhiger wird, heisst es sofort, es geht dem Land besser, es wird stabil, es ist auf einem guten Weg. Doch dann gibt es wieder eine neue Gewaltwelle, und es geht drei Schritte zurück.
Einige Spieler sprachen davon, nie wieder Fussball spielen zu wollen.
Natürlich standen die Spieler unter Schock, da fallen solche Worte schnell. Aber ich glaube, sie werden sicherlich auf den Platz zurückkehren, wenn die Sicherheit in den Stadien garantiert ist.
Sie sind Trainer der ägyptischen U-23-Nationalmannschaft. Waren Spieler Ihres Teams in Port Said?
Ja, drei bei al-Masry, einer bei al-Ahly. Ich habe sofort versucht, den Spieler von al-Ahly zu erreichen. Aber das Handy war aus. Das war nicht einfach für mich. Erst nachts um zwei hat er mich zurückgerufen und gesagt: «Trainer, uns geht es gut.» Die Spieler und Betreuer sind inzwischen alle zu Hause. Aber es gab natürlich viele verletzte und sogar tote Fans in der Kabine.
Sie haben Ihre Karriere bei al-Ahly begonnen. Erinnern Sie sich an die Spiele in Port Said?
Das waren immer grosse Spiele mit viel Bedeutung. Das war schon emotional. Mit 19 Jahren war ich damals in Port Said als Verteidiger von al-Ahly. Natürlich war das nicht ganz ungefährlich. Aber nie so. So etwas habe ich in meinem Leben vorher noch nie gesehen.
Auch wenn Sie und andere von einem politischen Problem sprechen: Wie geht es jetzt mit dem ägyptischen Fussball weiter?
Jetzt ist erst einmal alles gestoppt. Und das ist gut. Ich finde, man sollte ein paar Monate nicht an Fussballspiele denken. Und wenn, dann vielleicht ohne Zuschauer. Das ist schade für den Fussball hier. Aber ich glaube, es muss so sein. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.02.2012, 20:22 Uhr
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