Ausland

Der Warlord und die Blutdiamanten

Von Alexandra Regner. Aktualisiert am 24.04.2012 5 Kommentare

Am Donnerstag wird in Den Haag das Urteil gegen den liberianischen Ex-Präsidenten Charles Taylor verkündet. Der 64-jährige steht unter anderem wegen Mord, Folter und Kriegsverbrechen vor Gericht.

1/14 Taylors Schuldspruch sorgt für Erleichterung: Menschen haben sich in Freetown ausserhalb des Gerichtsgebäudes versammelt. (26. April 2012)
Bild: Keystone

   

Das Sondergericht für Sierra Leone

Das Sondergericht für Sierra Leone wurde von der Regierung des westafrikanischen Landes und den Vereinten Nationen aufgebaut. Es soll über die mutmasslichen Hauptverantwortlichen für die Gräueltaten während des Bürgerkrieges urteilen. Dabei geht es um die Zeit nach November 1996, als ein Friedensabkommen zustande kam, das aber nie umgesetzt wurde, bis zum offiziellen Ende des Krieges im Januar 2002.

Von den ursprünglich 13 Angeklagten hat das Gericht in Freetown mittlerweile acht wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt. Drei der Beschuldigten starben, der Tod eines vierten ist bis heute nicht bestätigt. Sitz des Gerichts ist Freetown, die Hauptstadt von Sierra Leone. Finanziert wird es von mehr als 40 Staaten und der UNO.

Gegen den Hauptangeklagten Charles Taylor, den früheren Präsidenten des Nachbarlandes Liberia, wurde seit Juni 2007 aus Sicherheitsgründen auf dem Gelände des Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag verhandelt. (sda)

Artikel zum Thema

Stationen in Taylors Leben

28. Januar 1948: Charles Ghankay Taylor wird als eines von sieben Kindern in Arthington, einem wohlhabenden Vorort der liberianischen Hauptstadt Monrovia, geboren.

1972 - 1977: Studium der Wirtschaftswissenschaften in den USA, das er mit dem Bachelor-Grad abschliesst.

1979: Rückkehr nach Liberia

1979 - 1984: Direktor der staatlichen General Services Agency, dem zentralen Materialbeschaffungsamt der liberianischen Regierung.

1984: Nach Vorwürfen der Korruption und Unterschlagung flieht Taylor in die USA.

1989: Putsch gegen die liberianische Regierung; Beginn des Bürgerkrieges.

27. Juli 1990: Taylor kündigt die Entmachtung von Präsident Samuel Kanyon Doe an, der sich 1980 an die Macht geputscht hatte.

09. September 1990: Doe wird zu Tode gefoltert.


19. August 1995: Unterzeichnung eines Friedensvertrags in Abuja.

19. Juli 1997: Taylor gewinnt die Präsidentenwahl.

Dezember 2000: Untersuchungskommission der Uno beschuldigt Taylor des Handels mit «Blutdiamanten» aus Sierra Leone und der Unterwanderung des Waffenembargos.

04. Juni 2003: Internationales Kriegsverbrechertribunal in Sierra Leone erhebt Anklage gegen Taylor wegen seiner Mitverantwortung an den Kämpfen während des Bürgerkriegs in Sierra Leone.

11. August 2003: Taylor übergibt die Regierungsgeschäfte an den bisherigen Vizepräsidenten Moses Blah und flieht ins Exil nach Nigeria.

29. März 2006: Taylor wird verhaftet und an Liberia ausgeliefert.

20. Juni 2006: Taylor wird nach Den Haag geflogen.

09. Januar 2009: Taylors Sohn Charles McArthur Emmanuel wird in den USA wegen Folter zu einer Haftstrafe von 97 Jahren verurteilt.

(Quelle: Munzinger)

Teilen und kommentieren

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Werbung

Im noblen Zwirn sass Charles Taylor am letzten Prozesstag im Frühjahr vergangenen Jahres vor Gericht. Vor sich ein Notizblock, übersät mit Klebezetteln, einige Seiten markiert. Während des mehr als drei Jahre dauernden Prozesses vor dem Uno-Sondertribunal zu Sierra Leone in den Niederlanden wirkte er stets wie ein seriöser Geschäftsmann oder sein eigener Anwalt, was er nach den Worten seines Verteidigers auch war. «Seit seiner Inhaftierung hat er sich zu einem recht guten Anwalt gemausert», sagte sein Verteidiger Courtenay Griffiths. «Oft hat er Vorschläge für Verfahrensanträge oder Einwände gemacht, an die wir gar nicht gedacht haben. Er ist kein Narr.»

Die Staatsanwaltschaft warnte im Schlussplädoyer, der frühere liberianische Präsident habe sich stets als jemand dargestellt, der er nicht gewesen sei. «Er ist ein intelligenter und charismatischer Mann», sagte Nicholas Koumijan. Taylor baue darauf, dass er das Gericht zum Besten halten könne.

Dem mittlerweile 64-Jährigen wird vorgeworfen, während des Bürgerkriegs in Sierra Leone Rebellen mit Waffen versorgt zu haben, die ihn dafür mit Diamanten bezahlten. Taylor plädierte in allen elf Anklagepunkten, darunter Mord, Folter, Vergewaltigung, sexuelle Versklavung, Einsatz von Kindersoldaten, die Terrorisierung der Bevölkerung mit systematischen Verstümmelungen, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, auf nicht schuldig. Vielmehr sieht er sich als Friedensstifter und Vermittler zwischen den Konfliktparteien, den Prozess gegen ihn als politisch motiviert, die Anklage als Kampagne gezielter Fehlinformationen.

Prozess ist ein Präzedenzfall

Taylor ist der erste afrikanische Staatschef, der vor einem internationalen Gericht steht. Er soll einer der Hauptverantwortlichen für die Grausamkeiten im von 1991 bis 2002 dauernden Bürgerkrieg in Sierra Leone sein, die rund 500 000 Menschen das Leben gekostet haben.

Der 1948 in einem wohlhabenden Vorort der liberianischen Hauptstadt Monrovia geborene Baptistenprediger studierte in den USA Wirtschaftswissenschaften. 1989 marschierte er von der Elfenbeinküste aus mit seiner Nationalen Patriotischen Front (NPFL) in Liberia ein. Ein Jahr später wurde Militärmachthaber Samuel Kanyon Doe zu Tode gefoltert, der Bürgerkrieg tobte aber noch bis 1996. Im Jahr darauf wurde Taylor zum liberianischen Präsidenten gewählt.

2003 ging er ins nigerianische Exil. Dort lebte er in einem noblen Anwesen, während ein UN-Sondertribunal die Anklage wegen Kriegsverbrechen in Sierra Leone vorantrieb. Taylor wird vorgeworfen, die Rebellen der Revolutionären Vereinigten Front (RUF) in Sierra Leone unterstützt zu haben. Diese töteten und verstümmelten Zehntausende Menschen während des bis 2002 währenden zehnjährigen Bürgerkrieges.

Lügen und Gerüchte?

Seit Beginn des Prozesses berichteten Dutzende Zeugen der Anklage vor Gericht von ihren traumatischen Erlebnissen. Zivilisten sollen Arme und Beine abgehackt und Ohren und Nasen abgeschnitten worden sein. Ein früherer Mitarbeiter erklärte, Taylor habe eine menschliche Leber gegessen.

Taylor bezeichnete die gegen ihn erhobenen Vorwürfe als Lügen und Gerüchte. Die Anklage versuche, ihn mit den Vorwürfen zu sogenannten Blutdiamanten zu dämonisieren. «Sie machen dich zum Abschaum, um dich dann zu zerstören. Ich bin ein Revolutionär und ich habe Selbstachtung», sagte er vor Gericht. Seine Ankläger sollten ihm auch nur eines der Bankkonten nachweisen, auf denen er das Geld aus dem Verkauf der Blutdiamanten angelegt haben solle. «Ich forderte die Vereinten Nationen und jeden Menschen auf diesem Planeten auf, mir ein Bankkonto nachzuweisen. Bringt die Millionen her, bitte!»

Blutdiamanten oder «sehr kleine, schmutzig aussehende Steine»

Einen dieser Blutdiamanten soll er laut US-Schauspielerin Mia Farrow Naomi Campbell geschenkt haben. Das britische Topmodel war einer der 94 von der Staatsanwaltschaft befragten Zeugen, die Verteidigung rief 21 Personen in den Zeugenstand, darunter Taylor selbst. Campbell sagte in dem Prozess gegen Taylor aus, 1997 nach einem Abendessen in Südafrika, an dem unter anderen Nelson Mandela teilnahm, «sehr kleine, schmutzig aussehende Steine» bekommen zu haben. Von wem das Geschenk gekommen sei, wisse sie nicht. «Ich hatte niemals zuvor von Charles Taylor gehört, niemals vorher vom Land Liberia gehört und niemals den Begriff 'Blutdiamanten' gehört», sagte sie. Sie sei es gewöhnt, Diamanten «glänzend in einer Schatulle» zu sehen.

Taylors Anwalt erklärte, die Anklage stütze sich lediglich auf Hörensagen, Indizien und Vermutungen: «Es ist eine Schande für die Ankläger, dass sie die erhabenen Ideale des internationalen Strafrechts besudelt und das Verfahren in einen Akt von Neokolonialismus verwandelt haben», sagte Griffiths.

«Über Leben und Tod entschieden»

Die Anklage schilderte in ihrem Schlussplädoyer noch einmal einige der furchtbarsten Verbrechen, die Taylor begangen haben soll. Taylor und seine Rebellen «waren wie Götter», sagte Chefanklägerin Brenda Hollis. «Sie haben über Leben und Tod entschieden.»

Am Donnerstag wird das Urteil gegen Taylor verkündet. Bei einem Freispruch würden umgehend Berufungsverfahren beginnen, erklärte das Gericht. Bei einer Verurteilung würden weitere Anhörungen anberaumt, um über das Strafmass zu entscheiden. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.04.2012, 17:09 Uhr

5

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

5 Kommentare

Mathieu Lüthi

25.04.2012, 04:31 Uhr
Melden 4 Empfehlung 0

Der Typ gehört weg gesperrt ganz klar. Allerdings muss auch gesagt werden, dass der "Westen" ihn mit Millionen von Hilfsgelder gestützt hat. Obwohl sie genau wussten was der Typ für ein "Drecksack" ist. Es ist praktisch bei allen Diktatoren so, wenn sie dem "Westen" nützen, dann werden Sie unterstützt, wenn es dann nicht mehr passt lässt man sie fallen.... Antworten


Alejandro Galan

25.04.2012, 08:09 Uhr
Melden 4 Empfehlung 0

Der Journalist erwähnt nicht, dass ausser der grauenhaften Charles Taylor, der mit Diamanten für Waffen bezahlt wurde, für Kriege, die er selber unterstützt hatte, auch Diamantenhändler in Amsterdam und New York mit Taylor fette Geschäfte machten. Logo, diese Händler haben keine schmutzige Arbeit gemacht. Zu empfehlen über den Kimberley-Prozess zu lesen und über die Aktivitäten von Martin Rapaport Antworten



Ausland

Populär auf Facebook Privatsphäre


DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.

Flugpreise vergleichen

Vergleichen Sie die Flugpreise von verschiedenen Reiseanbietern und finden Sie das beste Angebot.

Alles für Abonnenten und Abonnentinnen

Laden Sie sich Ihr ePaper auf Ihren Computer und blättern Sie gratis und ab 5 Uhr früh in Ihrem "Bund".