Das armseligste Bordell der Welt

In der Wüstenstadt Agadez in Niger – einem der wichtigsten Etappenorte für die Migration aus Afrika in Richtung Europa – verkaufen die Ärmsten der Armen ihren Körper.

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Vivienne hat sich eine Perücke über den Kopf gestülpt, viel zu viel rotes Make-up auf die Wangen geschmiert und zwei blaue Balken über die Augen gemalt. Die 26-jährige Nigerianerin trägt einen viel zu engen Büstenhalter, der ihre Brüste aus dem T-Shirt quellen lässt, und einen verschlissenen Jeansrock, der ihre Knie freigibt. Jedes Kind in Agadez sieht schon von weitem, welchem Beruf Vivienne nachgeht: «Anständige» Frauen gehen in der muslimischen Halbwüstenstadt nur verschleiert aus dem Haus.

Die Nigerianerin sitzt am späten Sonntagmorgen auf einem Holzschemel vor einer Hütte in einem ärmlichen Randbezirk von Agadez und blickt verschlafen über die ungeteerte Strasse, die sich wie ein Fluss aus Müll zwischen den Lehmhäuschen hindurchzieht. In dem bewegungslosen Abfallstrom sind Hühnerknochen auszumachen, Plastikbeutel, Batterien, Pappkartons, leere Dosen und benützte Kondome.

Hinter Vivienne drängen sich in dem zum Innenhof eines schäbigen Anwesens führenden Tor mehrere ähnlich herausgeputzte Frauen, um einen Blick auf den ungewöhnlich bleichen Besucher erhaschen zu können. Sie sind das Personal eines der armseligsten Bordelle der Welt. «Wenn ich könnte, wäre ich längst weg», sagt Vivienne: «Hier gibt es jeden Tag nur Probleme.»

Mit einem Kabel ausgepeitscht

Die Spuren eines besonders problematischen Tags sind auf ihrem linken Arm und ihrem Rücken auszumachen. Lange Narben, die Vivienne zu vertuschen sucht, indem sie sie in einfache, mit einem Kugelschreiber gezeichnete Tätowierungen integriert hat. Die Wunden fügte ihr vor wenigen Wochen ein Kunde bei, nachdem sie es abgelehnt hatte, «an ihm zu arbeiten», wie Vivienne ihre Dienstleistung nennt. Der Kerl sei einfach zu grob und zu betrunken gewesen, fügt die Nigerianerin hinzu. Am nächsten Morgen kam der Kerl mit einem Freund zurück und peitschte die Neinsagerin mit einem Stromkabel aus. Im Wortschatz einer afrikanischen Prostituierten hat das Wörtchen Nein nämlich nichts zu suchen.

Ihrem derzeitigen Job geht Vivienne nicht aus freien Stücken nach. Wenn es nach ihr ginge, wäre sie längst wie ihre Schwester in Europa und würde sich dort als Köchin oder als Hotelangestellte verdingen. Die Waise, deren Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen, absolvierte in der Hafenmetropole Lagos, der grössten Stadt Afrikas, eine Ausbildung als Gastronomin. Als sie danach keinen Job fand, zog sie zu ihrem verheirateten Bruder nach Port Harcourt und half dort in einem Friseurladen aus. Als der Salon pleiteging, beschloss sie mit einer Freundin, nach Europa zu gehen.

Der Weg sollte über Agadez in Niger durch die Sahara nach Libyen und von dort mit dem Schiff nach Italien führen. Ihre Freundin hatte etwas mehr Geld als Vivienne und bezahlte deshalb die Busfahrt von Port Harcourt nach Agadez. In der nigrischen Halbwüstenstadt angekommen, musste Vivienne feststellen, dass die Finanzen ihrer Freundin nicht auch noch für den Transport beider durch die Wüste ausreichen. Ihre Begleiterin sagte Adieu und liess die junge Frau alleine zurück. Ausser aus Libyen fünf Tage später hat Vivienne von ihrer Freundin seit mehreren Monaten nichts mehr gehört. «Gut möglich, dass sie im Meer ertrunken ist», sagt sie.

Während sich männliche Migranten, denen schon in Agadez das Geld ausgeht, mit dem Entladen von Lastwagen oder als Hilfsarbeiter auf Baustellen verdingen können, bleibt Frauen als Einkommensquelle nur das älteste Gewerbe der Welt übrig. In dem armseligen Bordell am Rand von Agadez sind derzeit fast zwanzig Nigerianerinnen tätig, die sich meist zu dritt oder zu viert eine Lehmhütte teilen. Kann eine der Hüttenbewohnerinnen einen Freier angeln, ziehen sich die anderen zurück.

Viel Zeit nimmt die Arbeit an den Kunden ohnehin nicht in Anspruch: Aus Mangel an Matratzen gehen die Frauen ihrem Beruf auf einer der Bastmatten nach, die auf dem Boden des fensterlosen Raumes liegen. Als sie auf ihre Arbeitsbedingungen zu sprechen kommt, lächelt Vivienne ausnahmsweise mal ein wenig, allerdings verschämt und mit etwas schiefem Mund.

Auf die Frage, wann sie denn genug Geld gespart habe, um die Durchquerung der Sahara bezahlen zu können, schaut Vivienne ihren Besucher fassungslos an. Ans Sparen, stellt sich heraus, ist überhaupt nicht zu denken. Die Nigerianerinnen können anscheinend froh sein, wenn sie genug zu essen haben. Wenn alles gut geht, kann Vivienne in einer Nacht umgerechnet zehn Franken einnehmen, doch das kommt höchstens einmal in der Woche vor.

Rückkehr keine Option

Ausser dem Essen muss die gestrauchelte Migrantin monatlich zehn Dollar Miete für ihren Hüttenanteil zahlen, ausserdem gehen noch einige Dollars für die andauernd anfallenden Arztbesuche drauf. Ständig lassen sich auch Polizisten oder andere angebliche Beschützer blicken, um ihren Obolus zu verlangen. «Doch wenn man sie braucht», zeigt Vivienne auf ihre vernarbte Haut, «dann sind sie nicht da.»

Als ihr Besucher darauf hinweist, dass sie nur ins nahe gelegene Büro der Internationalen Organisation für Migration gehen müsse, um sich ein Busticket für die Heimfahrt nach Nigeria geben zu lassen, zuckt Vivienne müde die Schultern. Ohne Geld und ohne Perspektiven brauche sie sich bei ihrem Bruder nicht wieder blicken zu lassen, sagt sie.

Doch auf die Frage, welche Möglichkeiten sie denn sonst sehe, leuchten ihre Augen kurz auf. «Gott kann jemanden schicken», sagt sie bestimmt: «Wenn er will, wird er mich nach Europa bringen.» Als sich ihr bleicher Besucher schliesslich verabschiedet, scheint sich auch diese Hoffnung erledigt zu haben. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 24.01.2016, 21:33 Uhr)

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