«Da zeichnet sich ein Streit innerhalb des Ghadhafi-Clans ab»

Interview: David Vonplon. Aktualisiert am 26.02.2010 33 Kommentare

Die jüngsten Ereignisse in Libyen offenbarten einen Konflikt um das Erbe von Muammar Ghadhafi. Dies sagt Islamwissenschaftler Reinhard Schulze. Für Max Göldi bedeuten sie nichts Gutes.

Zerstritten? Hannibal und Muammar Ghadhafi.

Zerstritten? Hannibal und Muammar Ghadhafi.
Bild: Keystone

«Die Ghadhafi-Familie hat ein umfassendes Kränkungssystem aufgebaut»: Islamwissenschaftler Reihnhard Schulze.

«Die Ghadhafi-Familie hat ein umfassendes Kränkungssystem aufgebaut»: Islamwissenschaftler Reihnhard Schulze.

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Zur Person

Reinhard Schulze ist Leiter des Islamwissenschaftlichen Instituts an der Universität Bern. Der gebürtige Deutsche ist dort seit 1995 ordentlicher Professor für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie.

Hannibal Ghadhafi hat gestern Max Göldi sein Mitgefühl ausgedrückt und ihm Unterstützung zugesagt. Das will so gar nicht passen zur Kriegserklärung seines Vaters an die Schweiz.
In der Tat: Das geht nicht zusammen. Was sich da abzeichnet, ist ein interner Streit innerhalb des Clans. Dieser hat sich allerdings schon angekündigt, als Ghadhafi-Sohn Saif-al-Islam einen Positionswechsel vornahm und sich viel stärker hinter die Politik seines Vaters stellte.

Worum geht es in diesem Streit?
Saif-al-Islam ist vor wenigen Tagen zum offiziellen Kandidaten des Koordinators der libyschen Gesellschaft ernannt worden. Offensichtlich stellt sich nun innerhalb der Familie die Frage, wer nun der legitime Erbe des Vaters ist – und das gibt Anlass zu internen Konflikten.

Hannibal galt bisher als grobschlächtiger Hardliner, während Saif-al-Islam pro-westlich und weltgewandt schien. Muss dieses Bild korrigiert werden?
Das ist schwierig zu sagen. Denkbar ist, dass Saif-al-Islam durch seine Anbindung an die Politik des Vaters darauf hofft, seine Interessen einer Gesellschaftsreform zu einem späteren Zeitpunkt zu realisieren. Mit anderen Worten: Er arrangiert sich zuerst, um später das Land zu öffnen.

Saif-al-Islam soll verärgert auf die Visa-Sperre der Schweiz reagiert haben, da er an die Berlinale reisen wollte.
Gewiss. Solche Massnahmen werden von den Mitglieder der Familie als Kränkungen erlebt. Jedoch hat die Familie ein umfassendes Kränkungssystem aufgebaut; im Augenblick gibt es kaum jemanden, der sich nicht gekränkt fühlt.

Libyen-Experten glauben, dass Ghadhafis Aufruf zum heiligen Krieg gegen die Schweiz innenpolitisch motiviert sei: Er will zeigen, dass sein Sohn Saif-al-Islam auch eine harte Linie gegen den Westen vertreten kann.
Eine innenpolitische Rationalität kann man nicht ausschliessen. Die primäre Motivation Ghadhafis ist aber, dass er sich als Sprecher eines internationalen islamischen Forums, das er in Benghazi versammelt hat, in Position bringen will. Mit anderen Worten: Er will als Religionsführer die muslimische Öffentlichkeit für sich gewinnen. Das kann auch Rückwirkungen auf die innenpolitische Situation haben; die primäre Motivation ist es aber nicht.

Wie zerrissen ist der Ghadhafi-Clan heute?
Ich deute die scharfen Reaktionen der Familie als einen Versuch der Flucht nach vorne, angesichts eines starken Wandels der politischen Struktur in Libyen. Es stellt sich heute die Frage, ob das System Ghadhafi überlebt. Offenbar sind die internen Diskussionen in Libyen so weit gediehen, dass die Position der Familie hinterfragt wird.

Der Clan fürchtet also um seinen Führungsanspruch?
Ja. Das hat seine Rede sehr schön gezeigt. Er rückte Themen in den Vordergrund, die nicht mehr der libyschen Situation direkt verbunden sind. Betont wurde stattdessen die gekränkte libysche Seele, der Islam, oder die Afrika-Politik. Damit will er verhindern, die Frage um die politische Struktur zum Kochen zu bringen.

Inwiefern tangiert diese Situation den inhaftierten Schweizer Max Göldi?
Die administrative Führung Libyens erhält durch die Aussagen Ghadhafis gleichsam Handschellen angelegt. Sie müssen eine diplomatische Lösung mit Max Göldi finden, und gleichzeitig die Rhetorik von Ghadhafi nicht zu unterlaufen – was schwierig ist.

Werden die Aussagen Ghadhafis die Vermittlungsgespräche durch die EU erschweren?
Das kommt darauf an, ob sich die europäische Politik dadurch irritieren lässt, oder es als das nimmt, was es ist: eine rhetorische Aussage, die im Kontext einer islamischen Politik gemacht wurde, aber eigentlich keinen direkten Effekt hat auf die europäisch-libyschen Verhältnisse. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.02.2010, 23:43 Uhr

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33 Kommentare

rene klingler

01.03.2010, 07:39 Uhr
Melden

Schon unglaublich, was dieser Professor und Islamwissenschafter alles weiss...fehlt noch, dass er uns sagen kann wann Gaddhafi zeitlich genau auf's Klo muss! Antworten


Hans Kaufmann

26.02.2010, 14:02 Uhr
Melden

Ich gebe Michel Jaggi recht, die Medien machen die ganze Sachen nur noch schlimmer. Um nicht zu vergessen, dass gerade auch die Bilder welche die Medien über Hannibal publiziert hatten, Unheil angerichtet haben. Antworten



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