Assad kann auf den Sieg hoffen
Die syrische Armee hat sich erholt, Desertationen sind markant zurückgegegangen. Laut einem Bericht werden im Trainingslager «Führer der Gläubigen» nahe Teheran Tausende von neuen Kämpfern für Assad ausgebildet.
Noch wird die amerikanisch-russische Einigung über die Vernichtung der syrischen Chemiewaffen gefeiert. Am Samstag aber könnte Ernüchterung folgen. Dann muss Syriens Staatschef Bashar al-Assad liefern. Wie viele Tonnen Giftgas und Nervengift hat seine Armee? Wo werden die Massenvernichtungswaffen gelagert, wie viel Kampfstoffe sind in Granaten und Bomben abgefüllt worden, in welchen Laboren werden sie zusammengerührt? Sollte der Syrer schon zu Beginn die Zahlen fälschen, wäre das Abkommen eine weitere ins Leere gelaufene Diplomaten-Initiative, den Bürgerkrieg in der Levante einzudämmen.
Auch wenn US-Aussenminister John Kerry sagt, Assad habe «jede Legitimität verloren», weiterzuregieren: Jeder einzelne Verhandlungstag, an dem Damaskus mit den UNO-Vertretern über den Zugang zu den Giftgasanlagen schachert, hilft dem Regime. Die Sicherung eines Arsenals von geschätzt 1000 Tonnen Kampfstoffen in einem Kriegsgebiet ist ohnehin eine Premiere für die UNO-Inspektoren, deren zuständige Behörde nicht über ausreichend Personal verfügt für diese Aufgabe. Dem Diktator bleibt also Zeit, den Krieg gegen die Aufständischen mit konventionellen Waffen zu führen, vor allem mit der Luftwaffe. Denn nach anfänglicher Schwäche haben sich Assads Streitkräfte erholt, die Desertionen sind markant zurückgegangen. Assads Streitmacht erweist sich als kampffähig und regimetreu.
Der brutale Bruder
«Aus der Armee als eingerosteter Institution mit unwilligen Rekruten ist eine Kampfmaschine im Häuserkampf geworden», so Fawaz Georges, Direktor des Nah- und Mittelost-Zentrums der London School of Economics. Die als unzuverlässig geltenden sunnitischen Wehrpflichtigen stehen in ihren Kasernen unter Hausarrest, alawitische Offiziere kontrollieren jeden Einsatz, an dem Sunniten-Offiziere beteiligt sind. An den kriegsentscheidenden Orten wie Damaskus kämpfen Alawiten. Der Präsident selbst gehört dieser schiitischen Religionsgruppe an. Wichtigste Einheit dabei ist die 4. Gepanzerte Division, die Assads eigener Bruder kommandiert. General Maher al-Assad ist bei seinen Truppen hoch angesehen und bei seinen Gegnern für seine Brutalität gefürchtet. Maher obliegt die Verteidigung der Hauptstadt, in deren Randbezirken die Rebellen stark sind. Assads Überleben hänge daran, ob Maher die Hauptstadt halten könne, so Georges: «Wenn Damaskus fällt, ist das Regime weg.»
Die Angst vor einem Durchbruch der Rebellen in der Hauptstadt wäre eine Erklärung für den Giftgaseinsatz am 21. August. Auch die grosse Menge des verschossenen Sarins spricht gegen eine Täterschaft der Rebellen. Sollte Assad den Einsatz verantworten – die UNO-Inspektoren schweigen sich darüber aus –, ist klar, dass Damaskus trotz Maher al-Assads Elitetruppen auch nach zweieinhalb Jahren Krieg bedroht bleibt.
Doch auch ohne Giftgas kann Assad hoffen, den Bürgerkrieg zu gewinnen oder zumindest das Kernland am Mittelmeer und im Süden zu halten. Russland liefert Waffen, die Iraner kümmern sich um das Know-how. Revolutionsgardisten der Teheraner Eliteeinheit al-Quds beraten Assads Generäle, immer häufiger sollen sie bei Kämpfen das Kommando führen. Bisher hat Teheran nur eingeräumt, dass es Berater im Land habe. Zudem berichtet das «Wall Street Journal» vom Trainingslager «Führer der Gläubigen» nahe Teheran. Dort würden Tausende Schiiten aus Syrien, dem Irak und anderen arabischen Staaten ausgebildet. «Ihnen wird erklärt, dass sie in Syrien eine historische Schlacht für den schiitischen Islam kämpfen.»
6000 ausländische Extremisten
Die Kampfkraft der Aufständischen ist weniger klar: 100'000 Mann sollen in 1000 Milizen kämpfen, die Mehrzahl Syrer, aber auch 6000 ausländische Jihadisten. Berüchtigt sind die Jabat-al-Nusra-Front und der Islamische Staat im Irak und in al-Sham. Beide Gruppen stehen der al-Qaida nahe, gelten mit ihren kampferfahrenen ausländischen Gotteskriegern aus dem Irak, Libyen oder Tunesien als kampfstärker als andere Milizen. Sie kämpfen im Norden und Osten, in der Provinz Idlib und in Rakka am Euphrat. Dort sollen sie Mini-Emirate ausgerufen haben mit Scharia-Gerichten und Schulen, in denen ein fundamentalistischer Islam verbreitet wird.
Allerdings ist die Unterteilung der Rebellen in Islamisten und sogenannt «moderate Kräfte» hinfällig geworden. Auch in der Freien Syrischen Armee (FSA) als angeblich gemässigter Miliz kämpfen immer mehr Islamisten. Die FSA ist eine Dachorganisation verschiedener Milizen, viele Kämpfer sehen sich als «Gotteskrieger», ohne deshalb gleich der al-Qaida die Treue zu schwören. Im Gegenteil: Immer wieder kommt es zu bewaffneten Konflikten zwischen FSA-Kämpfern und Extremisten.
Syriens Aufständische müssten «jenseits der Frage nach den Guten und den Bösen» betrachtet werden, urteilt der britische Terrorexperte Charles Lister. Zugleich stellt er klar: Die Zahl der Gruppen, deren Ausrichtung westlichen Werten entgegensteht, ist längst sehr gross, sie machen bis zu 80 Prozent aus. Der Bürgerkrieg habe sich zudem zu einem Frontengewirr entwickelt, in dem lokale Gruppen kämpften, während andere, grössere Milizen Netzwerke mit gemeinsamen Nachschub- und Kommandostrukturen entwickelt hätten: Auch hier urteilt Lister: «Die Jihadisten haben sich dabei effektiver gezeigt.» (DerBund.ch/Newsnet)
(Erstellt: 18.09.2013, 06:23 Uhr)
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