Was über den Militärputsch bekannt ist

Die Hintergründe des versuchten Staatsstreichs in der Türkei sind ein Jahr danach noch immer nicht geklärt. Aber es gibt Indizien.

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Die Polizistinnen stehen in dichten Reihen, sie tragen schwarze Uniformen, und sie rufen: «Im Namen Allahs, des Gnädigen und Barmherzigen.» Dann alle im Chor: «Unsere Rache soll ewig sein, möge unser Blut trocknen, wenn wir das vergessen.»

Man kann das in einem Video sehen, es dauert 1,07 Minuten und soll in der Polizeischule im anatolischen Yozgat aufgenommen worden sein. In der Türkei leisteten Beamte ihren Eid bisher auf die säkulare Verfassung der Republik – nicht auf Gott und den Koran. Ist die Türkei auf dem Weg zu einem radikalen Systemwechsel, hin zu einer islamistischen Diktatur?

Die Polizistinnen in Yozgat haben eine verkürzte Ausbildung beendet. Seit dem Putschversuch vor einem Jahr fehlen überall Beamte. Als das Video auftauchte, reagierten regierungsnahe Kommentatoren begeistert, oppositionelle waren entsetzt, sie warnten vor einem gefährlichen neuen «Zeitgeist». Die Gesellschaft in der Türkei ist tief gespalten, aber es gibt etwas, das fast alle verbindet, über die Lager hinweg. Es ist der Schock über den versuchten Militärcoup. Viele Menschen sind immer noch traumatisiert – und viele Fragen sind offen.

Türken im In- und Ausland erinnern ein Jahr nach dem Putschversuch an die Ereignisse. (Video: Tamedia/Reuters)

Auch ganz grundsätzliche: Wer steuerte den Putsch? Und warum wurden die Aufständischen nicht schon gestoppt, bevor es 246 Tote gab? Schliesslich wurde der Geheimdienst (MIT) am 15. Juli bereits um 14.30 Uhr von einem Hubschrauberpiloten über einen unmittelbar bevorstehenden Staatsstreich informiert – sieben Stunden bevor Panzer auf die Bosporus-Brücken rollten.

So steht es in der Anklageschrift gegen mehr als 220 angebliche Putschisten. Der Luftwaffenmajor Osman Karaca sollte eigentlich den Verschwörern helfen, warnte aber lieber den Geheimdienst. Um 16.30 Uhr informierte MIT-Chef Hakan Fidan den Vize-Generalstabschef. Stunden vergingen mit Telefonaten und Treffen hoher Offiziere, aber keiner gab den Befehl an alle Soldaten, in den Kasernen zu bleiben.

Professionelles Versagen oder Kalkül?

Der Putsch-Prozess vor einem Gericht in Ankara konnte diese Fragen bislang nicht klären, ein Untersuchungsausschuss im Parlament durfte Fidan und den Generalstabchef gar nicht erst anhören. Metin Gürcan, Militäranalyst der Webseite Al-Monitor Turkey Pulse, schreibt: Entweder haben die früh alarmierten staatlichen Stellen die Sache nicht ernst genommen, also professionell versagt. Oder sie haben sich entschieden, die Putschisten erst einmal gewähren zu lassen, mit der Überlegung: «Lasst sie's versuchen. So werden sich die Gülenisten in den Streitkräften selbst verraten, und wir werden sie los.»

Der islamische Prediger Fethullah Gülen, 76, und seine Gefolgsleute wurden von der türkischen Regierung sofort für den Coup verantwortlich gemacht, inzwischen sieht das auch die Mehrheit der Opposition so. Gülen, der seit 1999 im US-Exil lebt, streitet jede Beteiligung ab. Dem US-Sender NPR sagte er vor wenigen Tagen: «Hätte mich einer der Soldaten angerufen und von dem Plan erzählt, ich hätte ihm gesagt: Ihr seid Mörder.» Über Präsident Recep Tayyip Erdogan aber redet Gülen hemmungslos schlecht, auch in dem Interview: Er nennt ihn einen «Unterdrücker», dem er gern «ins Gesicht spucken» würde.

Gülen, die Türkei und die Armee, das ist eine lange Geschichte. Kritische türkische Journalisten warnten schon lange vor einer «Unterwanderung» durch Gülens «Sekte». Die AKP habe «Gülen-Leute an den sensibelsten Orten des Staates platziert», sagt Kemal Kiliçdaroglu, der Chef der Oppositionspartei CHP. Erdogan, 63, liess Gülen über Jahre gewähren, schliesslich wünschte auch er sich eine «religiöse Generation». Den Grundstein dafür legte ausgerechnet ein General: Kenan Evren, der 1980 putschte.

Evren, selbst Laizist, verordnete den Schulen sunnitischen Religionsunterricht, weil er glaubte, der Jugend damit Sympathien für den Kommunismus auszutreiben. Die Türkei war da noch Frontstaat im Ost-West-Konflikt. Gülens Aufstieg begann auch in den Achtzigerjahren. Seit er 1999 in die USA ging, glauben viele Türken, er stehe unter dem Schutz der CIA. In der Putschnacht schrien Türken den Soldaten entgegen, sie sollten «nicht auf Amerika hören». Viele Soldaten schienen verwirrt zu sein, als wüssten sie nicht, warum sie nun aufs eigene Volk schiessen sollten.

In der Putschnacht taucht ein Theologe in der Kaserne auf

Als das Militär 1980 putschte, der bisher blutigste Coup, gab es einen Befehlshaber, den jeder kannte, jenen Kenan Evren. Der Coup von 2016 soll dagegen von einem Kreis von überwiegend gesichtslosen Verschwörern ausgeheckt worden sein, die sich über Monate in einer Villa in Ankara trafen. Sie wählten sich ein Atatürk-Wort (Yurtta sulh – Frieden im Land) als Motto. Die Erklärung, die sie in der Putschnacht im Staatssender TRT verlesen liessen, erinnerte auch stark an die kemalistische Diktion der Dreissigerjahre. Auf Gülen oder den Koran deutete darin nichts hin.

Einen starken Hinweis dagegen lieferten Sicherheitskameras in der Akinci Airbase in Ankara. Sie hielten in der Putschnacht Bilder eines grauhaarigen, hektisch herumlaufenden Mannes fest, der dort nichts zu suchen hatte: Adil Öksüz, ein Assistenzprofessor der Theologie. Der 50-Jährige war zuvor, trotz bescheidenen Uni-Gehalts, mehrmals in New York, von dort ist es nicht weit nach Saylorsburg, wo Gülen lebt. «Was macht ein Theologe ohne akademischen Output so oft in den USA?», fragt eine Dokumentation türkischer Journalisten, die Gülen-Leute klar belastet, deren Detailfülle aber auch auf Geheimdienstquellen hindeutet, die nicht überprüfbar sind. Öksüz soll eine Art Imam der Armee gewesen sein. Er ist flüchtig.

Der Präsident des deutschen Nachrichtendienstes Bruno Kahl wagte sich mit der Aussage vor, eine Verantwortung von Gülens Netzwerk sei nicht zu erkennen. Das war möglicherweise etwas voreilig. Das britische Parlament legt sich in einer eigenen Analyse weniger fest: Es sei unwahrscheinlich, dass der Putsch allein das Werk von Gülenisten war. Vermutlich hätten auch andere Erdogan-Gegner im Militär mitgemacht. Viele junge Rekruten wiederum hätten erst spät realisiert, dass sie nicht zu einer Anti-Terror-Übung auf die Bosporus-Brücken rollten, sondern zu einem Staatsstreich. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 15.07.2017, 15:18 Uhr

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