Und dann geht auch der Furchtlose

Der politische Künstler Pjotr Pawlenski ist aus Russland geflüchtet.

Einer der wichtigsten Aktionskünstler Russlands: Pjotr Pawlenski. Foto: Reuters

Einer der wichtigsten Aktionskünstler Russlands: Pjotr Pawlenski. Foto: Reuters

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Er schneidet sich ein Stück des Ohrläppchens ab. Näht seinen Mund zu. Nagelt seine Hoden auf den Roten Platz. Hat er auch eine Frau vergewaltigt?

Dem russischen Aktionskünstler Pjotr Pawlenski wird genau das vorgeworfen: Er soll die Schauspielerin Anastasia Slonina sexuell missbraucht haben, wie russische Medien berichteten. Mithilfe seiner Lebensgefährtin habe er sie in seine Wohnung gelockt; später verliess Slonina diese angeblich fast nackt, mit Messerwunden an Armen und Beinen. Auch habe Pawlenski den Schauspieler Wasili Beresin verprügelt. Der Freund von Slonina gehört wie sie zum Moskauer Theater Teatr.doc, das bekannt ist für seine systemkritischen Stücke.

In beiden Fällen ermitteln nun die Behörden. Pawlenski bestreitet die Vorwürfe, räumt aber ein, dass Slonina bei ihm zu Hause war und es mit Beresin eine Auseinandersetzung gab. Gewaltsame Handlungen hätten keine stattgefunden, sagt er und wittert in den Anschuldigungen eine «dreckige Intrige» – den Versuch, ihn zu vernichten. Warum aber sollten Regierungskritiker, wie er selbst einer ist, dabei mitmachen?

Der 32-jährige Pawlenski ist einer der wichtigsten Aktionskünstler des Landes. Mit seinem Schmerz, sich eigenhändig zugefügt, will er das russische Volk aus der Apathie wachrütteln. Er kämpft gegen Unterdrückung und Willkür der Regierung, steckte darum die hölzernen Eingangstüren des Inlandgeheimdienstes in Brand. Im Gerichtsprozess verlangte er, wegen Terrorismus verurteilt zu werden – er wollte 20 Jahre. Nach monatelangem Warten im Gefängnis bekam er vergangenen Sommer lediglich eine Busse wegen Sachbeschädigung.

Künstler vor Gericht

Weil sich der Kreml mit aller Gewalt in die Kunst einmischt und Künstlerinnen wie die Frauen von Pussy Riot vor Gericht zerrt, tut Pawlenski das Umgekehrte: Mit seiner Kunst bedrängt er das politische System. Er versucht, dieses zu entlarven. Zu jeder seiner Aktionen gehört darum auch die Reaktion der Mächtigen: Erst wenn er in die Psychiatrie eingewiesen oder angeklagt wird und so zeigen kann, wie der Staat die Kontrolle über ihn zu gewinnen versucht, ist eine Performance abgeschlossen. Das ist ihm mehrmals gelungen.

Jetzt aber ängstigt sich der furchtlose Pawlenski, jetzt läuft er weg – er, der sonst an Ort und Stelle verharrte, bis ihn die Polizei abführte. Wegen der Vorwürfe ist er mit seiner Partnerin und den gemeinsamen Kindern nach Frankreich geflüchtet. Dort hofft er auf politisches Asyl. Seine unangepasste Lebensform spiele die Justiz gegen ihn aus, schrieb Pawlenski auf Facebook. Und zwar durch eine kriminelle Tat, die man ihm anlaste: «Ich gebe zu, dass dem Apparat dieser Zug gelungen ist.»

Die Angst, die Kern von Pawlenskis Arbeit war, da sie die Menschen reglos macht und beherrschbar: Sie ist jetzt seine eigene geworden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.01.2017, 20:18 Uhr

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