«Jeder ist besser als Putin»

Russlands einstiger Finanzmagnat Michail Chodorkowski sollte sich nach seiner Begnadigung durch den Kreml 2013 aus der Politik heraushalten. Stattdessen predigt er nun die Revolution.

Zur Fahndung ausgeschrieben: Michail Chodorkowski. Foto: Markus Schreiber (Keystone)

Zur Fahndung ausgeschrieben: Michail Chodorkowski. Foto: Markus Schreiber (Keystone)

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Michail Chodorkowski spricht leise. Er trägt dunkle Cordhosen, einen beigefarbenen Pullover, eine randlose Brille. Seit er vor zwei Jahren aus der Lagerhaft in Russlands Norden freikam, hat er etwas zugenommen, das gibt seinem Gesicht etwas weichere Züge. Aber der Eindruck täuscht. «Eine Revolution ist unausweichlich, und sie ist notwendig», sagte der ehemalige Oligarch. Noch vor zwei Jahren hatte er erklärt, er werde sich aus der Politik heraushalten.

2013 hatte Russlands Präsident Wladimir Putin den ehemaligen Chef des Ölkonzerns Jukos nach zehn Jahren Haft begnadigt. Als Friedensgeste wurde das damals interpretiert, wenige Wochen vor Beginn der Olympischen Winterspiele in Sotschi. Eine Chartermaschine flog Chodorkowski in den Westen. Seitdem lebt er in der Schweiz und in London. Sein einst mächtigster Gegner sei Putin nicht länger gefährlich, glaubten damals einige; der Präsident sei mächtig genug, sich seine Begnadigung leisten zu können. Doch jetzt hat die russische Justiz Chodorkowski wieder ins Visier genommen und schrieb ihn international zur Fahndung aus.

Im Zentrum der Vorwürfe steht ein Mord, der vor 17 Jahren begangen wurde: Am Morgen des 26. Juni 1998 wurde der Bürgermeister der sibirischen Ölstadt Neftejugansk, Wladimir Petuchow, auf seinem Weg zur Arbeit erschossen. Petuchow war in Streit mit der Jukos-Führung, der er vorwarf, keine Abgaben zu bezahlen. Jukos forderte die Staatsanwaltschaft im Gegenzug auf, zu ermitteln, warum das Geld nie bei den Angestellten der Stadt ankam.

Der Mord wurde bereits in drei Prozessen verhandelt, ohne dass Chodorkowski mit angeklagt worden wäre. Eine Spur führte die Ermittler seinerzeit zur örtlichen Mafia, mit der sich Petuchow möglicherweise nicht einig werden konnte. Als ein Moskauer Gericht 2008 den ehemaligen Jukos-Manager Leonid Newslin in Abwesenheit wegen mehrerer Morde zu lebenslanger Haft verurteilte, hiess es in der Urteilsschrift, Newslin habe «zu unbekannter Zeit» und an «unbekanntem Ort» einen «verbrecherischen Pakt» mit dem Jukos-Sicherheitschef Alexei Pitschugin und «anderen, nicht bekannten Personen aus der Jukos-Führung» geschlossen. Damit hielt man sich die Möglichkeit offen, Chodorkowski als eine dieser «unbekannten Personen» zu identifizieren.

Druck auf Offenes Russland

Die beiden als Täter verurteilten Männer, die ihr Geständnis später widerrufen haben, könnten nun Chodorkowski beschuldigen, lautet die Mutmassung auf der Website von dessen Stiftung Offenes Russland. Im Gegenzug könnten ihre Haftstrafen von 17 und 18 Jahren in Bewährungsstrafen umgewandelt werden. Auch gegen die Stiftung geht die Justiz vor. Vergangene Woche durchsuchten Ermittler die Wohnungen von mindestens neun Mitarbeitern von Offenes Russland in Moskau und Sankt Petersburg. Es würden Beweise für das erste Verfahren gegen Jukos sichergestellt, erklärte Wladimir Markin, der Sprecher des Ermittlungskomitees. Doch keiner der Stiftungsmitarbeiter hat je bei Jukos gearbeitet, einige waren noch nicht einmal volljährig, als 2005 das Urteil im ersten Prozess gefällt wurde. Später korrigierte Markin: Es gehe um den zweiten Prozess. Der endete 2010.

Putin sehe in ihm eine ernsthafte Bedrohung für die Parlamentswahlen im September 2016, sagte Chodorkowski der BBC. Er sei sich sicher, «dass keine zehn Jahre vergehen, und das Regime wird abgelöst. Und meine Anstrengungen werden dabei nicht die kleinste Rolle spielen.» Im März 2014 bot er sich als Vermittler im Ukrainekonflikt an und kritisierte auf dem Maidan die Politik des Kreml. Im September 2014 empfahl er sich als Präsident für eine Übergangszeit, um «eine Verfassungsreform durchzuführen, bei der es vor allem darum geht, die Vollmachten des Präsidenten zugunsten der Gerichte, des Parlaments und der Zivilgesellschaft abzugeben». Anfang 2015 organisierte er in Kiew eine grosse Konferenz mit Vertretern der russischen Opposition.

Seit seine Mutter gestorben sei, fühle er sich nicht mehr an das Versprechen gebunden, sich aus der Politik herauszuhalten, sagt Chodorkowski. Sein Vater habe die Wahl getroffen, in Russland zu bleiben; den Mitarbeitern seiner Stiftung sei von Anfang klar gewesen, worauf sie sich einlassen. Im Mai konnten Ärzte nur knapp das Leben von Wladimir Kara-Mursa retten. Der Koordinator von Offenes Russland musste nach einer rätselhaften Vergiftung monatelang im Ausland behandelt werden. Diesen Monat kehrte er nach Russland zurück.

Wahlen führen nicht zum Ziel

Chodorkowskis Rolle ist auch unter Gegnern des Kreml umstritten. Einerseits ruft er die Opposition zur Einigkeit auf, andererseits schuf er mit Offenes Russland eine eigene Struktur, die stark auf ihn ausgerichtet ist und intern wenig demokratisch funktioniert. Mit Wahlen könne die gegenwärtige Führung nicht abgelöst werden, erklärt der 52-Jährige seinen Ruf nach einer Revolution, «das System lässt das nicht zu».

Trotzdem sollten die Kreml-Gegner in Wahlkämpfen politische Erfahrung sammeln, um sich auf eine demokratische Zeit vorzubereiten, sagt Chodorkowski. Als Offenes Russland eigene Beobachter zu den Kommunalwahlen Mitte September schickte, wurden deren Büros in der Wahlnacht von der Polizei durchsucht. Dass bei solchen Durchsuchungen auch Geld gefunden wurde, gilt dem Staat als Beleg dafür, dass der einstige Oligarch – neben den USA – der Hauptsponsor der Kreml-Gegner ist.

«Jeder ist besser als Putin», sagt Michail Chodorkowski. Auch wenn das Übel nicht in seiner Person liege: «Ein System, das nur darauf ausgelegt ist, einen Machtwechsel unmöglich zu machen, zerstört das Land.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.12.2015, 23:29 Uhr)

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