Die Zauberlehrlinge zündeln

Serbien provoziert wieder die Nachbarn und stellt die Nachkriegsordnung auf dem Balkan infrage – zur Freude der Nationalisten auf allen Seiten. Die EU hat fast keinen Einfluss mehr.

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Das neue Jahr haben serbische Politiker mit Paukenschlägen eröffnet. Zuerst drohte Aussenminister Ivica Dacic den kleinen Nachbarstaaten Montenegro und Mazedonien mit Konsequenzen, weil sie die Unabhängigkeit Kosovos anerkannt hätten und die Aufnahme der jungen Republik in internationale Organisationen unterstützten. Dann feierte fast die gesamte Staatsführung Serbiens die Gründung der bosnisch-serbischen Teilrepublik, obwohl das Verfassungsgericht in Sarajevo in einem Urteil den 9. Januar als Feiertag für illegal erklärt hatte. Für die bosnischen Muslime markiert der 9. Januar 1992 den Beginn der serbischen Aggression auf Bosnien-Herzegowina.

Und am Wochenende trat der hemdsärmelige Staatschef Tomislav Nikolic vor die Medien in Belgrad und liess der Kriegsrhetorik freien Lauf. Er werde mit der Armee nach Kosovo marschieren, brüllte der Ultranationalist in Anwesenheit des Generalstabschefs: «Wir werden alle hingehen. Auch ich werde gehen, das wäre für mich nicht das erste Mal.» Das klang wie zu alten, unschönen Zeiten, als Nikolic ein übler Hetzer war, der laut Belgrader Menschenrechtlern Kriegsverbrechen in Kroatien verübt hatte, bevor er 1993 in den bosnischen Bergen zum Freischärlerführer geadelt wurde.

Botschaft in 21 Sprachen

Die jüngste Eskalation zwischen Serbien und Kosovo könnte man als Provinzposse abtun. Da streiten zwei Nachbarn um eine Verkehrsverbindung, die in Gesprächen schnell geregelt werden kann. Doch der Hintergrund dieser Auseinandersetzung ist ernst. Die serbische Regierung hat seit Tagen die Provokation angekündigt – am Samstag konnte es losgehen: Vom Belgrader Bahnhof setzte sich ein brandneuer, russischer Zug nach Mitrovica im Norden Kosovos in Bewegung. Hostessen in sehr engen Röcken betreuten die Passagiere, die Waggons waren mit Bildern von serbisch-orthodoxen Kirchen und Klöstern in Kosovo und mit serbischen Nationalfarben geschmückt. Aussen an den Wagen stand in 21 Sprachen – netterweise auch auf Albanisch – die Botschaft: «Kosovo ist Serbien.»

Der Zug erreichte die zwischen Serben und Albanern geteilte Stadt Mitrovica nicht. Serbiens Premier Aleksandar Vucic rief mit theatralischer Stimme, er habe die Komposition kurz vor der Grenze gestoppt und damit einen Krieg verhindert. Kosovos Präsident Hashim Thaci jubelte, er habe eine Einheit der Sonderpolizei in den Norden abkommandiert, um die «Souveränität zu verteidigen» – und Serbien eine Lektion zu erteilen. In der serbischen Krawallpresse wurden Politiker und Militäranalysten zitiert, die zum Einmarsch der Armee in den Norden Kosovos aufriefen. Als Vorbild wurde die Annexion der Krim durch Russland gepriesen. Die Zauberlehrlinge des Gewaltherrschers Milosevic wollen sich mit der mühsam erreichten Nachkriegsordnung auf dem Balkan nicht abfinden. Aussenminister Dacic, einst ein Sprecher von Milosevic, erklärt offen, man müsse mit Albanien über die Teilung Kosovos verhandeln. Ein multiethnisches Kosovo sei ein Märchen.

Zukunft Bosniens in Gefahr

Eine neue Grenze zwischen Serbien und Kosovo würde die Büchse der Pandora auf dem Balkan öffnen. Danach käme die endgültige Zerschlagung Bosniens auf die Tagesordnung. Daran arbeitet der Führer der bosnischen Serben Milorad Dodik seit Jahren – und Belgrad lässt ihn gewähren. «Bosnien hat keine Zukunft», «Dieser Staat macht keinen Sinn», «Bosnien ist ein gescheiterter Staat», «Wir haben nichts Gemeinsames mit Sarajevo» – solche Parolen wiederholt der Berufsprovo­kateur, der ein gern gesehener Gast im Kreml ist, fast täglich.

Es ist eine Illusion, zu erwarten, dass die anderen Völker auf dem Balkan passiv bleiben, wenn der fragile Frieden gefährdet wird. Unter den Bosniaken, wie sich die bosnischen Muslime selbst nennen, gibt es auch Nationalisten und Islamisten, die davon träumen, endlich «mit den Serben aufzuräumen». In albanisch besiedelten Gebieten in Südserbien und in Mazedonien könnte der Ruf lauter werden, ein ethnisches Grossalbanien zu errichten, wenn schon die Grenzen infrage gestellt werden und Serbien die Unabhängigkeit Kosovos nicht anerkennt. Die Tabubrecher sitzen auch im kosovarischen Parlament: Die linksnationalistische Partei Vetëvendosje («Selbst­bestimmung») verlangt eine Vereinigung mit Albanien und möchte lieber heute als morgen die träge EU-Rechtsstaatsmission aus dem Land jagen.

Die Wortgefechte vom Wochenende zwischen serbischen und kosovarischen Politikern zeigen, dass die Folgen des fast zwei Jahrzehnte zurückliegenden Krieges noch nicht bewältigt und viele Wunden immer noch offen sind. Für beide Völker – Kosovo-Albaner wie Serben – hat der Konflikt unbeschreibliches Leid gebracht. Viele kosovo-albanische Familien suchen seit 1999 ihre Angehörigen oder betrauern über 10 000 Menschen, die damals Opfer der serbischen Terrorkampagne wurden. Tausende Kosovo-Serben leben als Flüchtlinge in Serbien, weil sie nach dem Krieg von rachedürstigen Kriminellen der kosovo-albanischen Seite vertrieben wurden. Noch in diesem Jahr sollen einige ehemalige Warlords der Kosovo-Befreiungsarmee UÇK von einem Sondertribunal angeklagt werden wegen Kriegsverbrechen an serbischen Zivilisten.

Die martialischen Töne aus dem Balkan können eigentlich nur ein paar orientierungslose Diplomaten in Brüssel überraschen. Die Europäische Union wurde lange als Ordnungsmacht akzeptiert, weil sie den Staaten der Region die Mitgliedschaft in Aussicht stellen konnte. Das tut sie zwar immer noch, aber die Finanzkrise, die Flüchtlingskrise und der Brexit haben die Union so geschwächt, dass die Aufnahme neuer Länder auf absehbare Zeit nicht infrage kommt. Noch schlimmer: Brüssel wird in der Region nicht mehr ernst genommen. Vorbei sind die Zeiten, als die Staats- und Regierungschefs der EU an einem schönen Frühlingstag im Jahre 2003 im griechischen Thessaloniki allen Balkanstaaten eine Beitrittsperspektive anboten. Die USA waren schon unter dem bisherigen Präsidenten Barack Obama nicht sehr aktiv in der Region, und sein Nachfolger hat gerade klargemacht, dass ihm selbst die EU «egal» sei.

Andere Mächte sehen die Chance gekommen, auf dem Balkan eine entscheidende Rolle zu spielen. Russische Propagandasender versuchen nicht ohne Erfolg, die lokale Bevölkerung von der Verderbtheit des Westens zu überzeugen. Wladimir Putins Agenten stehen im Verdacht, im vergangenen Herbst einen gewaltsamen Umsturz in Montenegro geplant zu haben, um den Nato-Beitritt der kleinen Adria-Republik zu verhindern. Während Russland vor allem als Schutzmacht der slawisch-orthodoxen Serben auftritt, versucht die Türkei von Recep Tayyip Erdogan, die Balkanmuslime als fünfte Kolonne für die islamistische Agenda zu begeistern. Ankara baut auf dem Balkan Moscheen und restauriert osmanische Denkmäler, rügt Journalisten, die kritisch über Erdogans repressives Regime berichten, und über die Nachrichtenagentur Anadolu wird auf Bosnisch und Albanisch die offizielle Lesart zum versuchten Militärputsch in der Türkei verbreitet.

Allianz mit Autokraten

Und was tut die EU? Sie finanziert in der albanischen Hauptstadt Tirana ein Balkanjugendwerk nach dem Vorbild des so erfolgreichen Deutsch-Französischen Jugendwerks. Das ist sehr lobenswert, aber womöglich ist es zu spät für solche Projekte. Die Jugendlichen auf dem Balkan haben nur einen Traum: Sie wollen weg, am liebsten nach Deutschland, sie möchten nicht von korrupten oder nationalistischen Eliten regiert werden. In Serbien träumen fast 80 Prozent der Ärzte von Emigration, in Bosnien vergreisen ganze Landstriche, vor zwei Jahren haben etwa 100'000 Kosovaren ihre Heimat in Richtung Westeuropa verlassen. Die EU hat sich angesichts der Flüchtlingsströme mit den autoritären Führern in der Region arrangiert, um die sogenannte Balkanroute dichtzumachen. Wenn der serbische Premier Aleksandar Vucic unabhängige Journalisten diffamiert oder umstrittene Projekte mit maskierten Männern durchsetzt, dann bleiben EU-Diplomaten stumm. Der mazedonische Langzeitherrscher Nikola Gruevski hat Tausende Bürger illegal abgehört, blutige Auseinandersetzungen inszeniert, kritische Medien geschlossen, die Staatskasse geplündert. Statt ihn zu isolieren, hat die EU versucht, den Politiker einzubinden. So konnte er dank seiner Finanzmacht auch die Wahlen im Dezember gewinnen. Derzeit sucht er Koalitionspartner zur Bildung einer neuen Regierung.

Nach den jüngsten nationalistischen Muskelspielen zwischen Kosovo und Serbien drohte EU-Erweiterungskommissar Johannes Hahn mit folgenden Worten: «Mein Appell ist: Sie sollen nicht gefährden, was bereits erreicht wurde während des Dialogs. Und sie sollen nach vorne schauen und nicht zurück.» Sanfter hätte nicht einmal Mutter Teresa reden können.

Das rollende Propagandamaterial aus Belgrad war auch innenpolitisch motiviert: Vor den serbischen Präsidentschaftswahlen im April sollen die nationalistischen Wähler mobilisiert werden. Übrigens: Es gibt längst eine Zugsverbindung von Serbien nach Kosovo – allerdings ohne den Schlachtruf: «Kosovo ist Serbien». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.01.2017, 20:43 Uhr

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