«Das hat sich wie eine Wiedergeburt angefühlt»

Martin Schulz ist neuer SPD-Chef – gewählt mit einem historischen Rekordergebnis. Was das für die Zukunft bedeutet, weiss Korrespondent Dominique Eigenmann.

Schulz mit lustig: Martin Schulz feiert sein Wahlergebnis.

Schulz mit lustig: Martin Schulz feiert sein Wahlergebnis. Bild: John MacDougall/AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

100 Prozent der Stimmen – das hat vor Schulz noch keiner geschafft. Wie ist das einzuschätzen?
Das Ergebnis ist historisch und ein Ausdruck dafür, wie sehr Martin Schulz im Moment die Partei begeistert. In der Parteitagshalle in Berlin fühlte es sich wie eine Wiedergeburt an. Das ist aussergewöhnlich. Die deutliche Wahl ist nicht nur ein Vertrauensbeweis, sondern zeigt auch, wie viel Hoffnung die SPD in Schulz steckt. Sie weiss, dass sie ihre Wiedergeburt hauptsächlich ihm zu verdanken hat.

Martin Schulz vor der Wahl:

Und danach:

Nicht einmal Willy Brandt, dem SPD-Kanzler schlechthin, gelang eine so deutliche Wahl. Dürfen wir von Schulz jetzt auch Historisches erwarten?
Da wäre ich vorsichtig. Die SPD ist eine Partei, die zu Extremen neigt – nicht was ihre Politik, sondern was ihre Befindlichkeit angeht. Sie pendelt oft zwischen Depression und Euphorie. Sie ist eine Partei, die wahnsinnig begabt darin ist, sich selber zu beschädigen und zu zerlegen. Als Sigmar Gabriel vor zwei Monaten noch Vorsitzender war, befand sich die Partei in einer tiefen Depression. Und nun hat sie es innert sieben Wochen geschafft, in einen grossen Rausch zu kommen. Das konnte niemand voraussehen. Daraus jetzt zu schliessen, Schulz werde ein grosser Vorsitzender oder gar Kanzler werden, dazu ist es noch viel zu früh.

Die SPD pendelt oft zwischen Depression und Euphorie.Dominique Eigenmann, Korrespondent

Wie hat es Martin Schulz in dieser kurzen Zeit geschafft, die Menschen so zu begeistern?
Es hat nicht mit seinem Programm zu tun oder damit, dass sich die Partei wesentlich verändert hätte. Die Partei wurde einzig von der sicheren Aussicht befreit, mit Sigmar Gabriel als Kanzlerkandidat gegen Angela Merkel erneut zu verlieren. Schulz ist, trotz seines Alters, ein neues Gesicht, das neue Frische ausstrahlt. Schulz hat die SPD aus ihrer Depression befreit.

Umfrage

Wird Martin Schulz Bundeskanzler werden?






Hatte der Schulz-Hype im Internet einen Einfluss auf die Begeisterung?
Ich glaube nicht, dass das einen grossen Einfluss auf jene Menschen hatte, die den Umfrageinstituten mitgeteilt haben, sie würden nun wieder die SPD wählen. In Deutschland sind die sozialen Netzwerke bei weitem nicht so wichtig wie beispielsweise in den USA. Aber: Der Schulz-Hype zeigt, dass es junge, kreative Menschen gibt, die Freude an Martin Schulz haben und ihre Euphorie gerne weiterverbreiten. Sie produzieren Bilder mit dem «Schulzzug», erfinden Schlagworte wie «Hohe Energie, keine Bremsen» – das ist einfach lustig, verströmt Fröhlichkeit und Optimismus. Das hat der SPD am meisten gefehlt. Das ist Teil dieser Seelentherapie, die die Partei gerade durchläuft, die auch im Netz ihren Ausdruck findet.

Keine Bremsen: Schulz-Fans teilen in den sozialen Medien humorige Schulz-Bilder. (Bild: Reddit/TexxMexx)

Ändert diese riesige Unterstützung in der Parteibasis etwas im Hinblick auf die Bundestagswahl?
Dass Schulz seine Partei erlöst hat, ändert alles. Das wird die SPD für den Wahlkampf noch mehr motivieren. Im Vergleich dazu wirkt die Union lustlos und zerstritten. Sicher ist: Die Partei hat Substanz und wird für Angela Merkel im Herbst zu einem sehr gefährlichen Gegner. Hätte man mich vor zwei Monaten gefragt, ob die SPD eine Chance gegen CDU/CSU habe, hätte ich geantwortet: Niemals. Der 100-Prozent-Rekord als solcher hat wohl keinen Einfluss. Es verdeutlicht allenfalls, dass die Partei absolut geschlossen hinter ihm steht. Das war in der Vergangenheit ja nicht immer so. Peer Steinbrück, der letzte Kanzlerkandidat der SPD, hatte ein eher sozial-liberales persönliches Profil, sollte aber eine Partei repräsentieren, die erheblich weiter links stand als er selber. Das hat nicht funktioniert, die Wähler konnten leicht erkennen, dass die Partei alles andere als geeint war. Das ist bei Schulz jetzt anders. Eine geeinte Partei als Kanzlerkandidat hinter sich zu wissen, ist sehr wichtig, gerade wenn es darum geht, eine amtierende Kanzlerin aus dem Amt zu heben. Das gelingt in Deutschland ja nur selten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.03.2017, 18:35 Uhr

Berlin-Korrespondent Dominique Eigenmann.

Artikel zum Thema

Schulz mit 100 Prozent zum SPD-Chef gewählt

Die SPD hat ihren Kanzlerkandidaten: Martin Schulz hat Sigmar Gabriel mit dem besten Ergebnis der Nachkriegszeit als Chef der Sozialdemokraten abgelöst. Mehr...

Schulz' Magie im Video-Check

Video Er gibt sich bieder, provinziell und macht auf «kleinen Mann». Warum der SPD-Chef trotzdem ankommt, zeigt die 5-Punkte-Analyse von Berlin-Korrespondent Dominique Eigenmann. Mehr...

Der Komet Schulz

Analyse Analyse: Der Höhenflug der SPD dank Martin Schulz verblüfft und verführt das deutsche Publikum. Der Hype wird kaum anhalten. Dennoch weht ein Hauch von Wechselstimmung. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Kommentare

Blogs

Mamablog Was man Schwangere nie fragen sollte
Von Kopf bis Fuss Wollen Frauen wirklich eine Lustpille?

Die Welt in Bildern

Nationalstolz: Eine Büste des Real-Madrid-Spielers Cristiano Ronaldo schmückt den Flughafen in Funchal auf der Insel Madeira, Portugal. Es gibt aber auch Stimmen, die das Kunstwerk recht missraten finden. Nach dem Gewinn der Europameisterschaften 2016 wird der Flughafen neu nach dem Weltfussballer benannt (29. März 2017).
(Bild: Rafaele Marchante) Mehr...