Ausland

Zugvögel in Italien zum Abschuss freigegeben

Von Kordula Doerfler, Rom. Aktualisiert am 22.04.2009

Die politisch starke Lobby der Jäger in Italien setzt sich durch. Eine Liberalisierung der Jagdgesetze steht bevor.

Frei zum Abschuss: Jäger in der Po-Ebene.

Frei zum Abschuss: Jäger in der Po-Ebene. (Bild: Reuters)

Man nehme zwei Dutzend Drosseln oder Lerchen, Finken oder Rotkehlchen, dazu etwas Speck und Salbei. Die Vögel putzen und rupfen und auf einem Spiess etwa 10 Minuten – keinesfalls zu lang! – grillen. Anschliessend mit dem Bratensaft auf einem Bett von Polenta anrichten und servieren.

Fertig ist jenes «einfache und garantiert natürliche» Gericht, mit dem Restaurants in der Lombardei für sich werben. Auch in Venetien erfreuen sich Singvögel auf dem Teller noch immer grösster Beliebtheit. In Süditalien isst man sie vor allem zu Ostern gern in Olivenöl gebraten - und das, obwohl Italiens Jagdgesetze in den letzten Jahren verschärft wurden.

Doch unter der konservativen Regierung von Silvio Berlusconi herrscht ein anderer Wind. Seine Koalition will die Gesetze jetzt wieder lockern. Der Senat hat den entsprechenden Entwurf schon abgesegnet, derzeit wird er in der Abgeordnetenkammer diskutiert.

Schon 16-Jährige sollen in Zukunft zum Gewehr greifen dürfen; erlaubt ist auch wieder die Jagd nach Sonnenuntergang, und die Saison soll nicht mehr auf die Zeit zwischen Mitte September und Ende Januar beschränkt bleiben.

Bevölkerung lehnt die Jagd ab

Zwar mobilisieren Umwelt- und Tierschützer und auch etliche Prominente bereits zum Widerstand, und auch die Mehrheit der Bevölkerung lehnt die Jagd ab. Angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Römer Parlament werden die Proteste aber kaum Erfolg haben. Denn die 10 Prozent, die dieser Leidenschaft frönen, haben eine starke Lobby - nicht zuletzt unter den Herrschenden in Rom. Auf Wochenendausflügen von ehrenwerten Abgeordneten und «Ministerialen» wird gern zum Gewehr gegriffen und dabei mehr besprochen als nur die beste Zubereitung für die «uccelli» (Vögel) oder den «cinghiale» (Wildschwein).

Besonders beliebte Jagdgebiete sind die Toscana und Umbrien. Im Buch des Schweizer Autors Dieter Bachmann über die «Vorzüge der Halbinsel» lässt sich eindrücklich nachlesen, wozu italienische Jäger fähig sind, wenn man ihnen, wie Bachmann, ins Gehege kommt. Vor seinem Haus in Umbrien wurden seine Bäume niedergebrannt und seine Hunde vergiftet. In ganz Italien gibt es heute rund 800'000 Jäger – immerhin nur noch halb so viele wie zu Beginn der 90er-Jahre. Seit der Verschärfung der Jagdgesetze sind viele Singvögel zurückgekehrt. Jetzt wird sich diese positive Entwicklung wieder ins Gegenteil verkehren, befürchten Umweltschützer.

Bald sei die Jagd im sensiblen Monat Februar wieder möglich, kritisiert der Umweltverband Legambiente. Im Februar fliegen die Zugvögel über Italien hinweg in den Norden zurück. Eine europäische Vogelschutzrichtlinie verbietet die Jagd auf sie. Doch die Lombardei und Venetien hatten bereits im vergangenen Herbst auch solche Vögel wieder zur Jagd freigegeben, die auf schwarzen Listen der Europäischen Union stehen. Dazu gehören beispielsweise Buch- und Bergfinken, Stare, Sperlinge und Wiesenpieper.

Eine Million Vögel pro Jahr

Dreimal so viele Vögel wie zuvor dürfen in den norditalienischen Regionen wieder abgeschossen werden. Damit liege man noch immer unter den 5 Prozent der Singvogelpopulation, die laut EU abgeschossen werden dürfen, heisst es. 90'000 Jäger sind allein in der Lombardei, 60 000 in Venetien registriert, und schon vor der Erhöhung der Quoten im Herbst haben sie jährlich mehr als eine Million Vögel erlegt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.04.2009, 16:15 Uhr

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