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«Wir mussten ein Blutvergiessen verhindern»

Von David Nauer, Tiflis. Aktualisiert am 27.10.2009 2 Kommentare

Die Zurückhaltung Moskaus war entscheidend für den friedlichen Verlauf der «deutschen Revolution von 1989». Heute sagt Eduard Schewardnadse: «Unsere Politik war richtig.»

«Die Putschisten hatten Listen mit Leuten, die sie erschiessen wollten. Ich stand an zweiter Stelle»: Der ehemalige sowjetische Aussenminister Eduard Schewardnadse in seiner Residenz in Tiflis 2003.

«Die Putschisten hatten Listen mit Leuten, die sie erschiessen wollten. Ich stand an zweiter Stelle»: Der ehemalige sowjetische Aussenminister Eduard Schewardnadse in seiner Residenz in Tiflis 2003.
Bild: Keystone

Eduard Schewardnadse

Michail Gorbatschow hatte den gebürtigen Georgier 1985 zum Aussenminister gemacht. Schewardnadse brach darauf mit der harten Linie seines Vorgängers Andrei Gromyko. Er holte die sowjetischen Truppen aus Afghanistan zurück, setzte sich für Abrüstung ein – und überliess es den osteuropäischen Ländern, selber über ihr politisches System zu entscheiden. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kehrte er in seine georgische Heimat zurück, wo er ab 1993 als Präsident regierte. Seine Amtszeit war geprägt von extremer Armut, bewaffneten Auseinandersetzungen und – trotz allem – einer vorsichtigen Annäherung an den Westen. Im November 2003 zwangen ihn Massenproteste, die als «Rosenrevolution» berühmt wurden, zum Rücktritt. Heute lebt Eduard Schewardnadse, 81, als Privatmann in seiner Residenz in Tiflis. (dn)

Herr Schewardnadse, vom 8. auf den 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Wo waren Sie in dieser Nacht, und was haben Sie gemacht?
Meine Person ist doch nicht wichtig in diesem Zusammenhang.

Immerhin waren Sie damals sowjetischer Aussenminister.
Ich befand mich am Arbeitsplatz, wie immer bei derartigen Ereignissen. Die Botschaft in Berlin hielt mich auf dem Laufenden, und ich informierte die Staatsführung.

Haben Sie die Nachrichten aus Deutschland überrascht?
Einiges hatten wir kommen sehen. Schliesslich arbeitete in unserer Botschaft ein grosser Apparat, nicht nur Diplomaten, sondern auch Leute aus dem Geheimdienst.

Was war Ihre erste Reaktion?
In der DDR stand damals rund eine halbe Million sowjetischer Soldaten. Meine grösste Sorge war, dass sich unsere Armee in die Ereignisse hätte einmischen können. Als die Deutschen anfingen, die Berliner Mauer zu zerstören, hat sich diese Gefahr noch erhöht. Deswegen sind Michail Gorbatschow und ich sogar eigens nach Berlin geflogen. Wir mussten ein Blutvergiessen verhindern.

Die Gefahr war wohl real, sonst wären Sie nicht zu zweit hingefahren.
Ja, denn Gorbatschow war als Generalsekretär der Kommunistischen Partei auch Oberkommandierender der sowjetischen Streitkräfte. Mir allein, dem Aussenminister, hätte die Armee möglicherweise nicht gehorcht.

Der Verzicht auf eine gewaltsame Intervention war ganz im Sinne Ihrer «Sinatra-Doktrin», benannt nach dem Song von Frank Sinatra «My Way». Die osteuropäischen Staaten sollten ihren «eigenen Weg» gehen können.
An eine solche Bezeichnung kann ich mich nicht erinnern, die stammt nicht von mir. Aber es stimmt schon, wir wollten vermehrt auf die Länder Osteuropas Rücksicht nehmen. Im Rückblick muss ich sagen: Unsere Politik war richtig.

Nach dem Fall der Berliner Mauer, war die sowjetische Führung zunächst gegen die deutsche Wiedervereinigung, hat dann aber ihre Position geändert. Wie kam es dazu?
Wir haben nie Nein gesagt, denn wir wussten, dass diese Frage früher oder später auftauchen würde. Bei einer internationalen Konferenz in Ottawa (im Februar 1990, Anm. der Red.), kam nach den offiziellen Verhandlungen US-Aussenminister James Baker auf mich zu. Wir waren damals schon Freunde und hatten einen vertrauten Umgang miteinander. «Eduard», sagte er, «was meinst du, ist es nicht langsam Zeit, über die deutsche Wiedervereinigung zu sprechen?» Ich antworte, dass ich schon lange darüber nachdenke und glaube, die Zeit sei gekommen. Kurz darauf einigten wir uns, mit den sogenannten Vier-plus-Zwei-Gesprächen anzufangen. (An diesen Verhandlungen nahmen die vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges sowie die beiden deutschen Staaten teil. Sie führten zur Deutschen Wiedervereinigung, Anm. der Red.)

Dennoch hat Moskau nicht sofort zugestimmt.
Aber der Vier-plus-Zwei-Mechanismus half uns, Probleme zu lösen. Ohne das wäre es sehr schwierig gewesen.

Mit welchen Hindernissen hatten Sie zu kämpfen?
In der Sowjetunion gab es grossen Widerstand gegen die deutsche Wiedervereinigung. Selbst im Politbüro sassen Leute, die beklagten, wir würden «Deutschland verlieren». Besonders schwierig wurde es, als Bundeskanzler Helmut Kohl einmal bei einem Auftritt Gorbatschow mit Goebbels verglich. Er hat sich zwar danach entschuldigt. Aber die negative Stimmung in der Sowjetunion blieb bestehen.

Wie haben Sie den Stimmungswandel geschafft?
Ich lud den deutschen Aussenminister Genscher nach Brest ein, eine Stadt im heutigen Weissrussland. Während des Zweiten Weltkrieges ist dort mein Bruder gefallen. Genscher und ich haben sein Grab besucht, haben Blumen niedergelegt, sind zehn Minuten dort gestanden. Das Fernsehen hat das aufgezeichnet – mit grosser propagandistischer Wirkung. Die Menschen in der Sowjetunion haben begriffen: Wenn der ehemalige Feind gemeinsam mit einem sowjetischen Minister unsere Kriegstoten ehrt, dann hat sich wirklich etwas geändert.

Aber das grosse Hindernis für die Sowjetunion blieb doch, dass Deutschlands in der Nato bleiben wollte.
Es gab in der Tat damals in Moskau grosse Bedenken deswegen. Der progressive Teil des Politbüros konnte sich am Schluss aber durchsetzen. Wir dachten, es sei besser, wenn Deutschland in die Nato eingebunden ist. Prinzipiell wichtig war für uns, dass das Land die Zahl seiner Soldaten begrenzte. Zunächst blieb ja auch der Warschauer Pakt noch bestehen, fiel dann aber auseinander.

Haben Sie damals geahnt, dass auch das Ende der Sowjetunion nahte?
Nein, das hielten damals viele für ausgeschlossen. Ich als Georgier war vielleicht sensibler als die Russen. Ich habe mir damals vorstellen können, dass die UdSSR früher oder später auseinanderbrechen könnte. Doch ich dachte, das sei frühestens in zehn Jahren der Fall. Aber es gab ja diesen grossen Konflikt zwischen Boris Jelzin und Gorbatschow, der hat den Zusammenbruch der UdSSR beschleunigt.

Sie jedoch traten schon Ende 1990, also ein Jahr vor Ende der UdSSR, als Aussenminister zurück. Warum eigentlich?
Ich hatte viele Informanten, auch aus dem KGB. Von ihnen wusste ich, dass ein Putsch in Vorbereitung war, ein Putsch gegen die Demokratisierung der Sowjetunion. Ich berichtete Gorbatschow davon, aber er glaubte es mir nicht.

Sie sollten Recht behalten. Im August 1991 putschten Hardliner gegen Gorbatschow ...
... doch sie scheiterten zum Glück. Im Nachhinein erfuhr ich, dass die Putschisten Listen hatten mit Leuten, die sie erschiessen wollten. Ich stand an zweiter Stelle.

Haben Sie noch Kontakt nach Moskau, insbesondere zu Gorbatschow?
Sehr selten. Wissen Sie, in Georgien sind in den letzten 20 Jahren schrecklich Dinge passiert.

Sie sprechen die Kriege um Abchasien und Südossetien an?
Als Anfang der Neunzigerjahre die Feindseligkeiten ausbrachen, finanzierte Moskau unsere Gegner, die Abchasier. Und gegen Russland konnte Georgien nicht gewinnen.

Warum kam es dann vor gut einem Jahr zum russisch-georgischen Krieg um Südossetien? Ist es richtig, die Schuld Ihrem Nachfolger Michail Saakaschwili anzulasten?
Ich will jetzt nicht sagen, wer Recht hatte und wer nicht. Soviel ich weiss, waren es tatsächlich unsere Truppen, die zuerst in Zchinwali einmarschiert sind. Die georgische Führung glaubte, dass dort keine Russen sind, doch plötzlich war da die russische Armee, die zurückschlug.

Darauf hat Russland die Unabhängigkeit von Abchasien und Südossetien anerkannt.
Ich glaube, das war ein grosser Fehler der Russen. Denn auch in Russland leben verschiedene Völker: Tschetschenen, Inguschen, Tataren, um nur einige zu nennen. Mit der Anerkennung der Unabhängigkeit Abchasiens und Südossetiens hat Russland einen Präzedenzfall geschaffen, der ihm selber schaden wird.

Der Konflikt in Georgien war im ja Grunde ein Konflikt zwischen Russland und den USA, die im Kaukasus um Einfluss ringen. Dieser Gegensatz hat zuvor Europa jahrzehntelang beherrscht und war schuld an der deutschen Teilung. Können Moskau und Washington ihre Rivalität je überwinden?
Es ist falsch, wenn wir von zwei grossen Mächten sprechen, Russland und den USA. Ich glaube, in nicht allzu ferner Zeit wird China die bestimmende Macht auf der Welt werden. Das sind 1,5 Milliarden Menschen, sieben Millionen davon leben jetzt schon in Russland. Und auch in Georgien gibt es bereits Chinesen. Sie betreiben hier Handel, eröffnen Geschäfte – und sind sehr erfolgreich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2009, 10:31 Uhr

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2 Kommentare

ralph kocher

27.10.2009, 12:21 Uhr
Melden

Die RUS täte gut, sich mal Gedanken über die gemeinsame Grenze mit China zu machen. China platzt bald aus den Nähten wie ein Stoffballon; währenddessen Kamtschatka nur unbedeutend besiedelt bleibt. Dringendes Szenario: Moskau geht als östlichste Hauptstadt Europas in Szene, indessen die Lande hinter dem Ural in Form zum "Grundstofflieferanten" geteilt würden: Halb Europa und halb China zugeordnet. Antworten


Walburga Gschwend

28.10.2009, 22:53 Uhr
Melden

Stimmt es, dass Gorbatschow und Schewardnadse dem NATO Beitritt Gesamtdeutschlands nach der Vereinigung erst zustimmten, nachdem von Seiten der USA angeboten wurde, im Gegenzug damit einverstanden zu sein, dass die UdSSR ihren Machtbereich im Süden ausdehnt, indem Schewardnadse durch einen Putsch die Macht in Georgien an sich nimmt und Georgien in russische Abhängigkeit rückführt? Antworten



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