Ausland

Martin Sturzenegger
Stv. Ressortleiter News


Wilder Westen in Spanien

Aktualisiert am 19.06.2012 37 Kommentare

Krisenopfer Spanien sieht sich mit einem zusätzlichen Problem konfrontiert: Dem Plündern von Bauernhöfen. Die Diebe entwenden alles, was nicht niet- und nagelfest ist – und gehen äusserst professionell vor.

Da waren Profis am Werk: Ausgenommenes Kalb im spanischen Dorf Fernán Caballero. (17. Februar 2012)

Da waren Profis am Werk: Ausgenommenes Kalb im spanischen Dorf Fernán Caballero. (17. Februar 2012)
Bild: Keystone

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Es war ein erschreckendes Bild, das sich Eulogio Morales bot: Als der spanische Bauer frühmorgens nach draussen ging, um nach seiner Kuhherde zu sehen, lagen zwei der Tiere tot am Boden. Mit einem Kopfschuss niedergestreckt und danach feinsäuberlich ausgeweidet. «Das waren Profis», ist sich Morales sicher. Die Tiere waren erst seit wenigen Tagen auf der Weide – junge Kälber mit zartem, fettarmem Fleisch. «Sie haben sie einfach getötet», sagt Morales gegenüber der Nachrichtenagentur AP.

Für den Farmer ist dies ein herber Verlust. Dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt, dürfte ihn wenig trösten. Alleine im letzten Jahr registrierte die Polizei mehr als 20'000 Diebstähle auf spanischen Farmen. Aus den letzten Monaten existieren noch keine Zahlen, aber die Bauern und Beamten bestätigen, dass die Zahl der Verbrechen noch deutlich angestiegen ist: «Seit Ausbruch der Krise haben die Verbrechen rapide zugenommen», sagt Estrella Larrazabal, Sprecherin des Bauernverbands Asaja. «Die Diebe nehmen alles mit, was ihnen in die Hände fällt.»

Früchte klauen und anschliessend feilbieten

Das Ausweiden von Tieren erscheint besonders spektakulär. Doch es ist bei weitem nicht das einzige Verbrechen, mit dem sich die spanischen Bauern konfrontiert sehen. Diese variieren je nach Jahreszeit, und zurzeit sei das Plündern von Kirschplantagen gerade angesagt. AP berichtet von einem Dorf ausserhalb Barcelonas, in dem die Lage besonders dramatisch ist. In Sant Climent werden die Früchte für acht Euro das Kilo zurzeit überall feilgeboten: In Bars und Spelunken oder an improvisierten Ständen in Wohnquartieren. Bei den Räubern handle es sich nicht immer um die üblichen Verdächtigen wie hungernde Obdachlose: Es seien auch Rentner, Arbeitslose und junge Leute unter den Tätern, sagt Polizeichef Ernesto Baños.

«Die Leute haben immer ein bisschen geklaut. Daran ist man gewöhnt», erklärt der 69-jährige Kirschbauer Domenec Tugas. Doch weil sich die Lage nun dramatisch verschlimmert habe, mussten die Beamten Massnahmen ergreifen. Tausende Polizisten sind in den Dörfern bereits im Einsatz, um den Diebstahl von Ernte und landwirtschaftlichem Gerät zu verhindern. In manchen Gegenden haben sich die Bauern zusammengeschlossen und stellen nachts eigene Patrouillen auf.

Der Marktpreis bestimmt das Diebesgut

Die Raubzüge stellen keine ernstzunehmende Bedrohung der Gesamtwirtschaft da – die Landwirtschaft macht etwa drei Prozent des spanischen Bruttoinlandsproduktes aus. Aber für einzelne Landwirte sind die Räubereien doch ein ernsthaftes Problem. Der Vorsitzende des örtlichen Ablegers eines Landwirtschaftsverbandes, Vincente Carrion, hält in der fruchtbaren Region Murcia im Osten Spaniens Schafe und baut Zitronen an. Er erzählt, die Diebe planten ihre Raubzüge wie Terminhändler – nur dass sie nicht die Preise für Gold oder Öl beobachteten, sondern die für Artischocken oder Orangen. «Wenn der Preis nicht stimmt, fassen sie die Sachen nicht an», sagt Carrion. «Die Preise schwanken im Verlauf des Jahres. Wenn sie ihren Höchststand erreichen, schlagen sie zu.»

Carrion berichtet von einem Fall, bei dem Diebe auf einen Schlag fünf Tonnen Orangen erbeuteten. Sie schlugen während des Tages zu und pflückten die Früchte unter dem Schutz des dichten Laubes der Plantage, verpackten die Beute in Kästen und transportierten sie mit Lastwagen ab.

Auch Wildschweine lieben Kirschen

Der Kirschbauer Tugas rief am vergangenen Wochenende die Polizei, um zwei junge Männer auf Motorrädern zu verjagen, die sich an seiner Ernte bedienten. Allerdings gibt es noch weitere Eindringlinge, die ihm Sorgen machen: Wildschweine. «Sie wiegen bis zu 90 Kilogramm. Sie kommen und rammen die Bäume, um sie umzuwerfen», erzählt er. «Das ist für ihre Jungen. Sie lieben Kirschen.»

Mit Material der Nachrichtenagentur AFP.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.06.2012, 18:03 Uhr

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37 Kommentare

Gerhard Graf

19.06.2012, 18:12 Uhr
Melden 178 Empfehlung 0

Wie dünn ist der Lack der Zivilisation? Sehr dünn... Antworten


Markus Gasser

19.06.2012, 18:30 Uhr
Melden 132 Empfehlung 0

Obwohl der Kommentar von Peter G. Haamans etwas irritierend ist, hat er recht. Wäre die Schweiz in der selben Krise, würde es genauso zu und her gehen. Im übrigen musste bei der Überschwemmung vom Stadtkern in Brig ebenfalls die Polizei einschreiten, weil es zu Plünderungen kam. Wenn es je in der Schweiz zu Hunger kommt, ist sich jeder der Nächste. Antworten



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