Ausland

Was nach der italienischen «Truman Show» kommt

Von Nina Merli. Aktualisiert am 09.11.2011 12 Kommentare

Die Lage sei besser als angenommen. DerBund.ch/Newsnet liess sich Probleme und Chancen Italiens von Experten, darunter ein Mafiajäger und ein Wirtschaftsprofessor, erklären.

Konkrete Massnahmen gefragt: Die italienischen Politiker müssen so bald wie möglich Lösungen präsentieren.

Konkrete Massnahmen gefragt: Die italienischen Politiker müssen so bald wie möglich Lösungen präsentieren.
Bild: Reuters

Berlusconi - Blender der Nation


Kein Werbespot: Berlusconis ernst gemeinte Neujahrsglückwünsche an die jungen Italiener im Jahr 2000.

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In einer aktuellen Analyse vergleicht Barbara Spinelli, Leitartiklerin der Tageszeitung «La Repubblica» die italienische Politik mit dem Film «Die Truman Show», einer erfolgreichen Satire auf die von Medien geprägte Welt. Berlusconi habe es in knapp zwanzig Jahren geschafft, die Politik in einen einzigen Werbezirkus zu verwandeln. «Die Sprache, die Berlusconi in den letzten Jahren gebraucht und inzwischen fest etabliert hat, ist die Sprache der Werbespots: Für den Werber existiert keine Krise, gibt es keine Abgründe, sondern nur eine glatte Welt, die sich parallel zur realen entwickelt», schreibt Spinelli in ihrem heutigen Artikel.

Die Berlusconi-Ära war eine einzige Show, die die Gedanken der Italiener dominierte – eine «Truman Show». «Erinnern Sie sich an das Ende des Films? Truman, der Held auf der Flucht, erreicht die Grenzen jener Welt, die er real glaubt, die aber in Wirklichkeit ein Filmstudio ist.» Aus dieser Scheinwelt auszubrechen, bedeute die italienischen Institutionen neu aufzubauen, sich von der für italienische Politiker – rechte sowie linke – so typischen Tendenz, immer über sich selber zu sprechen, zu verabschieden, die Werbespots zu begraben. Ob dies der Opposition, dem neuen Italien, das nun das Ruder übernehmen will, tatsächlich gelingen wird, wagt die mehrfach ausgezeichnete Journalistin zu bezweifeln. «Sind wir sicher, dass wir fähig sind, die Realität zu erhören, zu verstehen und ihr genügend Platz einzuräumen?»

Keine Zeit mehr verlieren

Auch die Euphorie von Leoluca Orlando, Anti-Mafia-Jäger und Vizepräsident des übernationalen Parteienzusammenschlusses ELDR (Europäische Liberale, Demokratische und Reform Partei), hält sich in Grenzen. Er spüre im Augenblick vor allem Sorge in Italien, erklärte er auf Anfrage von DerBund.ch/Newsnet. Eine Sorge, die wegen der aktuellen Regierung zusätzlich gestiegen ist, «eine Regierung, die versucht hat, den Ernst der Lage zu vertuschen, und sich nun darauf beschränkt, die Demissionen bekannt zu geben».

Falls Berlusconi tatsächlich das Feld räumt, so sei das «eine Chance, wieder ein demokratisches und entwickeltes Land zu werden». Für dieses Szenario müsse nun aber mit aussergewöhnlicher Dringlichkeit und Entschiedenheit gehandelt werden, sagt Orlando. Obwohl der italienische Produktions- und Wirtschaftsapparat um ein Vielfaches relevanter sei als etwa der griechische oder irische, müssten sofort strukturelle Massnahmen getroffen werden. Schnelles Handeln sei nun gefragt, ansonsten drohe «nach der Vergeudung der Milch, der Tod der Milchkuh».

Die grösste Chance für das Land sei Italien, seien die Italiener, findet Orlando. Dazu sei aber nötig, dass dieses «andere Italien, das bereits existiert und eine Mehrheit bildet», sich in einem nationalen und internationalen Kontext platzieren könne. Ein Italien, das rein gar nichts mit der Regierung Berlusconis zu tun hat. Diese Regierung, die «mit ihrer ethischen Barbarei, den massgeschneiderten Gesetzen und den Interessenkonflikten die Verdienste dieses Landes gedemütigt und die Bedürfnisse ignoriert hat».

Eine Zukunft, die schlechter sei als die Berlusconi-Gegenwart, sei praktisch unmöglich, bekräftigt auch Francesco Passarelli, Professor für Politische Ökonomie an der Elite-Universität Bocconi. Mit dem Abgang Berlusconis eröffne sich Italien eine neue politische, sowie soziale Ära. «Die Chancen für Italien sind gross, denn wir sind mit einem extrem innovativen und lebhaften Produktionssystem gesegnet». Allerdings, so räumt er ein, haben die Jahre der Berlusconi-Regierung das soziale Kapital, also das Vertrauen, den Gerechtigkeitssinn der Italiener zerstört – «dieses wieder aufzubauen wird nicht einfach sein».

Einen Konsens finden

«Berlusconis Rücktrittserklärung ist ein längst fälliger Schritt von einer Regierung, die seit über einem Jahr keine Mehrheit mehr besitzt», sagt Bruno Manfellotto, Chefredaktor des Nachrichtenmagazins «L'Espresso» auf Anfrage von DerBund.ch/Newsnet. Jetzt gehe es in erster Linie darum, die Ärmel nach hinten zu krempeln und die von der EU geforderten Massnahmen umzusetzen. Das grössere Problem sieht Manfellotto aber nicht in der Umsetzung, sondern vielmehr in der Fähigkeit der Regierung, «gemeinsam eine Lösung zu erarbeiten und vereint diesen Weg zu gehen».

Der Abgang Berlusconis sei aber auf jeden Fall eine positive Entwicklung für Italien, sagt Manfellotto und betont, dass die finanzielle und wirtschaftliche Lage Italiens trotz gegenteiliger Meinung im Ausland weitaus besser sei als angenommen. «Italien ist trotz allem ein solides Land, ein Land mit vielen Ressourcen sowohl im Volk als auch in den Unternehmungen. Wichtig sei es nun, dieses immense Potenzial, das seit zwei Jahren von der Regierung unterdrückt und blockiert wird, frei zu geben. Die Lage sei äusserst schwierig und verlange nach einer schnellen Entscheidung, vor allem durch den Staatspräsidenten Napolitano. Doch dürfe man nicht vergessen, dass Italien bereits viele Krisen überwunden habe und «zwar immer auf die beste und geeignete Weise». (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.11.2011, 16:54 Uhr

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12 Kommentare

Maria Halder

09.11.2011, 17:08 Uhr
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Italien stuempert schon lange Jahre. Das war vor Berlusconi der Fall und wird sich auch nach seinem Abgang nicht gross aendern. Alle sind korrupt. Neue Wege wird es nur geben, wenn die ECB dies mit Gewalt erzwingt. Dies wird Italien aber mehrere Jahre in die Rezession treiben. Dies gilt auch fuer die ganze Eurozone. Also kaum Wachstum und hartes Sparen. Antworten


Erika Hutter

09.11.2011, 17:44 Uhr
Melden 8 Empfehlung

Niemand besser als der Markt selbst erklärt uns Chancen und Probleme. Während alle auf den bösen Markt schimpfen, wirkt dieser letzten Endes als ultima ratio längst notwendig gewordener politischer Entscheidungprozesse, um die sich die politische Eliten foutiert haben. Diese Krise ist politischer Art,nicht wirtschaftlicher, wollen wir mehr Harmonie und Gleichgewicht, muss der Markt gestärkt werde! Antworten




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