Verletzungen, irgendwo

Was hat den Täter von Würzburg getrieben? Die Betreuer, die mit dem 17-jährigen afghanischen Flüchtling bisher zu tun hatten, stehen vor einem Rätsel.

Würzburg versteht die Welt nicht mehr: Ein Feuerwehrmann in der Tatnacht. Foto: Karl-Josef Hildenbrand (AP, Keystone)

Würzburg versteht die Welt nicht mehr: Ein Feuerwehrmann in der Tatnacht. Foto: Karl-Josef Hildenbrand (AP, Keystone)

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Wer mit Axt und Messer, «Gott ist gross» auf Arabisch schreiend, in einem Regionalzug wahllos auf Menschen einschlägt und -sticht, so lange, bis drei von ihnen schwer verletzt am Boden liegen, Blut die Sitzpolster tränkt und den Boden verschmiert – ja, wie stellt man sich einen Menschen vor, der zu so einer Tat fähig ist? Kaum so, wie jene den Angreifer von Würzburg beschreiben, die zuletzt mit ihm zu tun hatten: Pflegeeltern, Sozialpädagogen, Arbeitgeber. Joachim Herrmann, der bayerische Innenminister, sagte am Dienstag, es sei allen ein unbegreifliches Rätsel, wie der 17-jährige afghanische Flüchtling zum entfesselten Attentäter habe werden können.

Die bisher von der Polizei Befragten schilderten den jungen Mann als ruhig und ausgeglichen, als gut integriert und lernwillig. Weil er sich vorbildlich verhalten habe, habe er seit dem 1. Juli dieses Jahres auch nicht mehr im Flüchtlingsheim gewohnt, sondern einen Platz bei einer Pflegefamilie erhalten. In einer Bäckerei absolvierte er ein Praktikum mit der Aussicht, eine Lehrstelle zu bekommen. Er sei gläubig gewesen, aber keinesfalls radikal. Die Moschee habe er nur an hohen Festtagen besucht.

Plötzlicher Tod eines Freundes

Nach Deutschland war der junge Afghane am 30. Juni 2015 über die Balkanroute gekommen – allein, als sogenannt «unbegleiteter minderjähriger Flüchtling». Seit März dieses Jahres sei er im Kolpingheim von Ochsenfurt untergebracht gewesen, unweit von Würzburg, «einer besonders guten Einrichtung», wie Herrmann betonte.

Der Wandel vom ruhigen Vorzeigeflüchtling zum grausamen Attentäter hat sich nach ersten Erkenntnissen der Polizei halb im Verborgenen und rasend schnell vollzogen. Am Freitag oder Samstag vor der Tat, so sagte der zuständige Oberstaatsanwalt Erik Ohlenschlager, habe der junge Mann die Nachricht erhalten, dass ein Freund von ihm in ­Afghanistan ums Leben gekommen sei. Diese Nachricht habe ihn offenbar aus der Bahn geworfen. Er habe sich plötzlich verändert, viel telefoniert.

Als die Polizei nach der Tat sein Zimmer bei der Pflegefamilie durchsuchte, fand sie auf einem Schreibblock ein selbst gemaltes Symbol der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), zudem verschiedene Texte in Paschtu.

Abschiedsbrief an den Vater

Bei einem handelt es sich nach Ansicht der Behörden um einen Abschiedsbrief an den Vater. Darin schreibt der junge Mann, dass er sich an Ungläubigen für ­alles rächen wolle, was man seinen ­muslimischen Schwestern, Brüdern und Kindern angetan habe. Die Staatsanwaltschaft geht wegen des Schreibens von einem politisch-religiösen Motiv für die Tat aus.

Die ersten Erkenntnisse sprechen gemäss Herrmann dafür, dass der junge ­Afghane sich selbst radikalisiert habe. Insbesondere habe man bislang keine Hinweise darauf, dass er mit islamistischen Gruppen vernetzt gewesen sei. Der Innenminister widersprach damit indirekt dem IS, der den Attentäter schon am Morgen nach der Tat als einen seiner Kämpfer und die Attacke als Rache an der «Kriegspartei» Deutschland bezeichnet hatte.

Der IS konterte Herrmanns Erklärung wenige Stunden später, indem er ein ­Video veröffentlichte. In diesem droht der Täter von Würzburg Deutschland und nennt sich einen «Soldaten des Kalifats». Ob dieses Video in Absprache mit dem IS hergestellt oder erst im Nachhinein veröffentlicht wurde, ohne dass der junge Afghane zuvor mit dem IS Kontakt aufgenommen hatte, wird von den Behörden geprüft.

Am Montagabend hatte sich der 17-Jährige von seinen Pflegeeltern in Ochsenfurt mit den Worten verabschiedet, er gehe noch Fahrrad fahren. Im Rucksack trug er eine Axt und ein scharfes Messer. Er stieg in die Regionalbahn nach Würzburg und setzte sich, offenbar zufällig, neben eine fünfköpfige Familie aus Hongkong, im Alter zwischen 63 und 17 Jahren. Kurz danach ging er auf die Toilette, holte seine Waffen hervor und überfiel die chinesischen Touristen. Wie im Rausch schlug und stach er auf vier von ihnen ein und fügte ihnen schwere Kopf- und Körperverletzungen zu.

Berechtigte Notwehr der Polizei

Passagiere des Zugs zogen die Notbremse und alarmierten die Polizei. Der Täter flüchtete aus dem Zug in Richtung des nahen Main-Ufers. Auf dem Weg überfiel er von hinten eine Frau, die ihren Hund ausführte, und schlug ihr mit der Axt zweimal brutal ins Gesicht. Ein Sondereinsatzkommando der Polizei, das zufälligerweise in der Nähe gegen Drogendealer vorging, wurde umgehend gegen den Flüchtigen eingesetzt. Zwei Elitepolizisten spürten diesen schliesslich auf.

Als der Afghane plötzlich mit erhobenem Beil aus einem Gestrüpp auf die Beamten losstürmte, töteten diese ihn mit mehreren Schüssen. Die Staats­anwaltschaft geht nach bisheriger Ermittlung entschieden von berechtigter Notwehr aus. Im Laufe des Tages hatten linke und grüne Politiker die Todesschüsse der Polizei infrage gestellt und damit eine auf beiden Seiten gehässig geführte Kontroverse ausgelöst.

Die Attacke von Würzburg war der dritte und bisher folgenschwerste Angriff, dessen Täter sich in Deutschland dieses Jahr selber mit dem Islamischen Staat in Verbindung brachten. Auffälligerweise waren auch in den anderen beiden Fällen die Täter Minderjährige: Ende Februar, als eine 15-jährige Frau in Hannover einem Polizisten mit einem Messer in den Hals stach, und im April, als zwei 16-Jährige in Essen in einem Sikh-Tempel mit einer selbst gebastelten Bombe drei Menschen verletzten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.07.2016, 22:55 Uhr

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