Ungarns Roma flüchten vor der rechtsextremen Gewalt
Von Bernhard Odehnal. Aktualisiert am 28.04.2011 75 Kommentare
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Gyözö Bada hat eine blutende Wunde auf der Stirn. Sie stammt von einem Gummiknüppel, mit dem der 14-jährige Rom am Dienstagabend geschlagen wurde. Seine Verwandte Klaudia Farkas erzählt, wie der Junge mit seinen Freunden am Strassenrand sass, wie sie von den Angehörigen einer rechtsextremen Miliz angegriffen wurden. In einer anderen Strasse soll eine Roma-Familie von Glatzköpfen in Tarnuniformen erst beschimpft und dann mit Steinen beworfen worden sein. Die ungarischen Medien berichteten von «offenen Kämpfen zwischen Roma und Neonazis» im Dorf Gyöngyöspata mit mindestens fünf Verletzten.
Tamas Eszes, Anführer der «Vederö» (Schutzmacht), behauptet hingegen, dass vier seiner Männer von mindestens 80 Roma aus dem Hinterhalt angegriffen, mit Eisenstangen geschlagen und schwer verletzt wurden: «Sie hatten Glück, dass sie überlebten. Dabei wollten sie nur eine alte Bekannte im Ort besuchen.»
Gescheiterte Roma-Politik
Was immer auch in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch geschah: Sicher ist, dass die Einschüchterung der Roma durch rechtsextreme Gruppen in dem kleinen Ort nordöstlich von Budapest einen neuen Höhepunkt erreicht hat. Der Name Gyöngyöspata ist zum Synonym für die gescheiterte Roma-Politik der ungarischen Regierung geworden. Und das zu einem Zeitpunkt, da Regierungschef Viktor Orban als Akzent der ungarischen EU-Präsidentschaft eine neue Roma-Strategie ausarbeiten will.
In Gyöngyöspata haben die Roma aus dem mangelnden Schutz ihre Konsequenzen gezogen. Sie verlassen das Dorf. Von den 450 Roma flüchteten gestern über 200 zu Verwandten und Freunden in anderen Gemeinden. Auch Klaudia Farkas, eine 27-jährige angehende Krankenschwester, möchte weg. Sie und ihre Familie seien gute Ungarn, niemand habe eine Vorstrafe, «trotzdem werden wir als ‹stinkende Zigeuner› beschimpft und mit dem Tod bedroht.» Farkas will – wie die meisten Roma im Dorf – Asyl in den USA oder in Kanada beantragen. Dass die amerikanische Botschafterin vergangene Woche Gyöngyöspata besuchte, sieht sie als gutes Zeichen, dass die USA die Anträge akzeptieren würden.
Armee-Ersatz
Seit der Strassenschlacht patrouilliert wieder die Polizei durch die Strassen, rund 200 Mann sind aus Nachbarorten und aus Budapest nach Gyöngyöspata abkommandiert worden. Die Angst können sie den Roma aber nur bedingt nehmen: Auch die Rechtsextremen sind noch da, sie haben ein Haus gleich neben dem Roma-Quartier okkupiert und marschieren in kleinen Gruppen durch die Strassen.
Die Besetzung von Gyöngyöspata begann Anfang März durch die Bürgerwehr «Schönere Zukunft», dem paramilitärischen Arm der rechtsextremen Partei Jobbik. Für Wochen übernahmen die Männer in den schwarzen Uniformen die Kontrolle im Dorf und schüchterten die Roma durch Aufmärsche ein. Viele Nicht-Roma applaudierten, die Polizei schritt nicht ein, und der vom Erfolg der Aktion ermutigte Jobbik-Chef Gabor Vona kündigte Besetzungen anderer Gemeinden an. Vor Ostern folgte auf Jobbik die «Schutzmacht» Vederö. Deren Führer Tamas Eszes, der einst in Bern als Türsteher gearbeitet hatte, kaufte in unmittelbarer Nähe zum Roma-Quartier eine Wiese für Wehrsportübungen. Eszes trägt beige Uniformhose und schwarzes T-Shirt, seine jungen Kameraden haben Glatzen, dunkle Sonnenbrillen und viele Tätowierungen. Eszes bezeichnet seine Truppe als unpolitisch: Weil es in Ungarn keinen obligatorischen Armeedienst gibt, wolle er jungen Menschen die Möglichkeit einer militärischen Ausbildung bieten.
Evakuierung als «Osterfahrt»
Als «Vederö» am Gründonnerstag in Gyöngyöspata einmarschierte, evakuierte das Rote Kreuz rund 300 Roma, vor allem Frauen und Kinder. Ein Sprecher von Regierungschef Orban behauptete, diese «Osterfahrt» sei lange geplant gewesen. Klaudia Farkas sagt hingegen, dass sie aus Angst vor rechtsextremen Übergriffen weggebracht wurden. Am Karfreitag schritt die Polizei doch noch ein und verhaftete die Anführer der Miliz. Nach 72 Stunden wurden sie wieder freigelassen und kehrten ins Dorf zurück.
Paramilitärische Gruppen wie «Vederö» entstehen überall in Ungarn, insgesamt sollen sie über 10'000 Mitglieder haben. Die Regierung Orban, die sonst so stolz auf ihr scharfes Durchgreifen im Staat ist, lässt sie gewähren. «Ich bin jetzt der Chef hier», sagt Eszes vor seinem Hauptquartier in Gyöngyöspata. Er meint das ganz ohne Ironie.
Opfer als Schwerverbrecher
Die lokalen Verwaltungen werden von der Regierung im Stich gelassen. In Gyöngyöspata wurde der parteilose Bürgermeister von der Bürgerwehr derart unter Druck gesetzt, dass er zurücktrat. Seine Stellvertreterin Piroska Matalik sagt, dass sie nicht wisse, wie es weitergehen soll. In den vergangenen 10 Jahren habe es immer mehr Probleme mit den Roma gegeben, so Matalik: «Es gab Diebstähle, Belästigungen, Beleidigungen. Niemand hat sich darum gekümmert. Da haben sich die Leute an Jobbik gewandt.» Nun versuche die Gemeinde, die Roma mehr zu integrieren.
Im Juni wird in Gyöngyöspata ein neuer Bürgermeister gewählt und neben dem Ortsvorsteher der Bürgerwehr «Schönere Zukunft» wird auch Tamas Eszes kandidieren. Er habe das nicht gewollt, sagt er, «die Menschen im Dorf haben mich dazu gedrängt.»Gyözö Bada, der junge Rom mit der blutenden Wunde, wurde gestern Nachmittag von zehn Polizisten aus seinem Haus geholt: Er müsse zu einer Befragung. Man konnte aber meinen, hier werde ein Schwerverbrecher abgeführt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.04.2011, 23:19 Uhr
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Wer einen Blick auf das Zürcher Sihlquai wirft, kann leicht feststellen, wie viele Romas ihr Geld verdienen. Skrupellose Bettlerbanden mit Sklavenhaltung von Kindern sind auch hierzulande immer öfter anzutreffen. Einbruchserien von Romabanden aus dem Elsass sind Alltag bei uns. Was tun unsere Behörden? Mit Wegschauen und Schönreden schaffen sie ein Klima, welches zu solchen Gewalttaten führt! Antworten
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