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«Strauss-Kahn wurde als Trophäe vorgeführt»

Von Thomas Knellwolf, Res Strehle. Aktualisiert am 23.05.2011 34 Kommentare

Strafverteidiger Lorenz Erni kritisiert, wie Justiz und Medien mit verhafteten Prominenten umgehen: «Die Medien erliegen der Versuchung, selber die Untersuchung zu führen».

1/32 Kann wieder lachen: Strauss-Kahn als freier Mann auf den Strassen New Yorks. (25. August 2011)
Bild: Reuters

   

Lorenz Erni: «Ein solcher Medienhype ist störend.» (Bild: Keystone )

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Als Anwalt kennen Sie die Situation nach der Verhaftung von Prominenten wie dem inzwischen zurückgetretenen IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn. Nach der Verhaftung Roman Polanskis haben Sie Ähnliches erlebt. Fühlen Sie mit dem Strauss-Kahn-Verteidiger mit?
Ein solcher Medienhype ist aus Sicht eines Anwalts in erster Linie störend und belastend. Er erschwert die Arbeit eines Strafverteidigers. Ich musste mich damals bewusst zurückhalten, denn erstens wollte ich zum Ganzen nichts sagen, und zweitens musste ich arbeiten. Ich kann nicht jeden Schritt, den ich unternehme, den Medien kommunizieren. Das ist nicht mein Stil.

Wie muss man sich das vorstellen, wenn man als Strafverteidiger eines Prominenten von den Medien belagert wird?
Wir konnten das Telefon praktisch nicht mehr bedienen, weil es einen Anruf nach dem andern gab, dazu eine Flut von E-Mails. Ein oder zwei Tage lang wurde unser Büro auch physisch von Reportern belagert.

Sie sagten schliesslich, Roman Polanski sei sehr müde, wirke gefasst, aber auch schockiert. Haben Sie das nach Rücksprache mit Ihrem Klienten so formuliert?
Ich mag meine damalige Aussage nicht neu kommentieren, es wäre auch nicht richtig, den Fall Polanski mit dem Fall Strauss-Kahn zu vergleichen.

Es gibt gewisse Parallelen: ein prominenter Verhafteter unter dem Vorwurf der Vergewaltigung, ein grosses Thema in Medien und Öffentlichkeit und damit die Gefahr, dass er vorverurteilt wird.
Ich habe ein gewisses Verständnis dafür, dass nach der Verhaftung eines so prominenten Zeitgenossen wie Dominique Strauss-Kahn das Interesse der Öffentlichkeit gross ist. Es ist aber entscheidend, wie die Behörden und die Medien damit umgehen. Die Art, wie Herr Strauss-Kahn in Handschellen den Medien wie eine Jagdtrophäe vorgeführt wurde, ist aus meiner Sicht absolut unzulässig. Damit wurde sowohl die Unschuldsvermutung als auch das Persönlichkeitsrecht mit Füssen getreten – und zwar bewusst.

Woraus schliessen Sie das?
Aus der Inszenierung: Die Erniedrigung war offenkundig beabsichtigt. Und auch der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg stimmte in diesen Chor ein, als er sagte, wer nicht so vorgeführt werden wolle, der müsse einfach kein Verbrechen begehen. Deutlicher kann man nicht vorverurteilen. Diese Bilder, die um die Welt gingen, wird niemand vergessen. Ich frage mich, ob Herr Strauss-Kahn überhaupt noch die Möglichkeit eines fairen Verfahrens hat.

Ist das zu vergleichen mit dem mittelalterlichen Pranger?
Ja, wobei der Pranger damals eine Strafe war, also musste vorher erst die Schuld festgestellt werden. Heute wird dieses Mittel schon während der Untersuchung eingesetzt.

Dann hätten die Medien dieses Bild aus Ihrer Sicht also nicht abdrucken dürfen?
Zweifellos sind die Medien mitverantwortlich. Wenn Sie in Ihrer gestrigen Ausgabe den Fall nachzeichnen, dann liest sich das so, als ob es eins zu eins so passiert sei. Es wird nicht unterschieden zwischen dem, was gesichert ist, dem, was Spekulation ist, und den Schlussfolgerungen. Im Grunde weiss man bis heute nicht mehr, als dass es die Anschuldigungen einer Hotelangestellten gibt, Herr Strauss-Kahn daraufhin verhaftet wurde und inzwischen gegen Kaution freikam. In dieser Situation erliegen die Medien der Versuchung, selber die Untersuchung zu führen. Man versucht die Identität der Anzeigeerstatterin herauszufinden und Details über ihren Hintergrund – doch das ist die Aufgabe der Untersuchungsbehörde. Wenn das schon in den Medien gebracht wird, dann fragt es sich, welchen Wert das Verfahren überhaupt hat.

Hat Strauss-Kahn überhaupt noch eine Chance, aus dieser Dynamik herauszukommen?
Ich kann nicht darüber spekulieren, wie sich dieses Verfahren weiterentwickeln wird. Hingegen weiss ich, dass der Eindruck dieser Verhaftung hängen bleiben wird und das Leben für ihn auch nach einem Freispruch nicht mehr dasselbe sein wird. Das gilt übrigens auch für Herrn Kachelmann.

In der Schweiz wäre es undenkbar, dass ein Angeschuldigter so vorgeführt wird wie Dominique Strauss-Kahn. Läufts hier besser?
In diesem Punkt schon. Aber auch hier habe ich oft erlebt, dass die Behörden Mitteilungen über einen Fall machen, die zum Zeitpunkt eines Verfahrens nicht nötig gewesen wären. Und dass Medien nach einer Verhaftung im Privatleben recherchieren, das Haus eines Verhafteten zeigen, ihn identifizierbar machen und dergleichen.

Was dürfen denn die Medien aus Ihrer Sicht überhaupt noch?
Sie dürfen eine Verhaftung wie jene von Herrn Strauss-Kahn sicher vermelden. Man darf auch die Anschuldigungen wiedergeben, aber damit hat es sich. Die Untersuchung soll geheim bleiben, und die Berichterstattung soll warten, bis die öffentliche Verhandlung stattfindet.

Hätten Sie als Chefredaktor einer Zeitung entschieden, das Bild von Strauss-Kahn nach der Verhaftung nicht zu drucken?
Ich weiss nicht, wie ich als Chefredaktor einer Zeitung denken würde.

Ihre Zeitung wäre weltweit die einzige gewesen, die dieses Bildnicht abgedruckt hätte.
Natürlich ist mir bewusst, dass Sie Ihre Zeitung verkaufen müssen. Sie schreiben und zeigen das, wovon Sie denken, dass es die Leser interessieren könnte.

Im Fall Strauss-Kahn scheinen wir nicht ganz falsch zu liegen. Sie haben die Berichte ja auch gelesen und die Bilder angesehen.
Als interessierter Zeitgenosse kann ich mich den Medien nicht entziehen.

Was hätten die Medien tun sollen?
Mehr zweifeln, an dem was gesagt wurde. Es wurden Dinge berichtet, die so nicht sein können und unzulässige Schlüsse gezogen. Als der Verteidiger von Herrn Strauss-Kahn zum Beispiel sagte, die Beweise stützten die Behauptung eines gewaltsamen sexuellen Verhältnisses nicht, wurde geschrieben, die Verteidigung gehe von einvernehmlichem Sex aus. Dann wurde behauptet, dass Spermaspuren untersucht würden. In Tat und Wahrheit scheint untersucht zu werden, ob gefundene Spuren Spermaspuren seien. Ich will aber hier nicht Medienschelte betreiben.

Immerhin berichten die Medienja auch über die entlastenden Momente, bei Strauss-Kahn etwa über eine mögliche politische Verschwörung gegen ihn. Auch im Fall Polanski wurden sämtliche anderen Hypothesen diskutiert. Nach seiner Verhaftung entstand unter Kulturschaffenden sogar eine Solidaritätswelle. Eine breite Berichterstattung ermöglicht es letztlich jedem, sich ein eigenes Bild zu machen.
In einzelnen Fällen mögen Sie recht haben, aber die Wahrheitsfindung ist nicht Aufgabe der Medien, sondern der Behörden und des Gerichts. Die Wahrheitsfindung ist kein Thema für eine öffentliche Diskussion. Wenn Medien so breit berichten, wird es jedes Gericht schwer haben, sich davon zu befreien, um sich ein eigenes Bild davon zu machen. Es wird eine Erwartung der Öffentlichkeit aufgebaut, die jedes Gericht unter Druck setzt.

Haben Sie das selber erlebt?
Die Gefahr besteht sicher. Messbar ist sie nicht und kein Richter wird je zugeben, dass er sich unter Druck setzen lässt. Deshalb überlegt sich jeder Beteiligte an einem Verfahren heute, ob er von sich aus die Öffentlichkeit suchen will, um das Bild zurechtzurücken.

Sie raten davon ab.
Genau. Ich denke, dass es klüger ist, wenn sich ein Angeschuldigter oder sein Anwalt in der Öffentlichkeit nicht zum Gegenstand des Verfahrens äussert. Die Situation des Angeklagten verbessert sich dadurch nicht. Ich beschränke mich beispielsweise vor einer Verhandlung auf die Aussage, dass ich auf Freispruch plädiere.

Dafür brauchen Sie keinen Kommunikationsberater.
Für mich sicher nicht.

Für den Klienten?
Es kann sinnvoll sein, dass man einen Medienberater beizieht, wenn man noch nicht weiss, ob ein Fall publik wird. Oder für die Frage, wie man sich nach der Eröffnung eines Urteils äussern soll.

Sie gelten als akribischer Rechercheur. Wie gehen Sie vor?
In der Schweiz erhebt die Verteidigung – im Gegensatz zu den USA – kaum selber Beweise. Sie befragt in aller Regel keine Zeugen selber. Das ist in vielen Fällen sogar verpönt. Wir stellen meist Anträge an Staatsanwaltschaft oder Gericht, jemanden zu befragen. Doch manchmal ist ein direkter Kontakt trotzdem notwendig: Man muss abklären, was ein Zeuge überhaupt aussagen kann – und ob es der Verteidigung nützt.

Können Sie das genauer schildern?
Wir schicken kein Detektivteam los. In den grossen Wirtschaftsstraffällen mit tausend und mehr Ordnern Akten gehe ich «grübeln». Ich lese, bis ich finde, dass ich den Fall begriffen habe. Das ist eine andere Arbeit, als in den Bronx herumzuschleichen, um zu schauen, ob jemand etwas Negatives über diese oder jene Frau sagt.

Nach dreissig Jahren als Verteidiger: Trauen Sie Menschen alles zu?
In jungen Jahren hat mir ein Staatsanwalt gesagt, ich sei naiv, weil ich an das Gute im Menschen glaube. Ich bin froh, dass ich das nicht verloren habe. Ich kenne die Abgründe auch, die sich in einem Menschen auftun können. Aber allzu grosses Misstrauen liegt mir fern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.05.2011, 09:20 Uhr

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34 Kommentare

Peter Müller

21.05.2011, 10:52 Uhr
Melden 37 Empfehlung

Von Lorenz Erni möchte ich mich auch mal verteidigen lassen, wenn es nötig wäre. Der hat den absoluten Durchblick und sieht die Sache bez. DSK absolut korrekt.
Die Medien haben heute zu viel Macht. Sie sind Exekutive, Legislative und Judikative. Man sieht es an den Kommentaren zu DSK. Fast jeder Leser wird dann selbst zum Staatsanwalt und Richter, oder Verteidiger. Und das ist mMn sehr gefährlich.
Antworten


Hans Peter Heusser

21.05.2011, 10:49 Uhr
Melden 32 Empfehlung

Wenn man bedenkt das Bürgermeister Bloomberg einmal Präsident werden wollte oder es nochmal versucht, wird mir übel. Diese verschrobene Rechtsempfinden und die dazugehörende Vorverurteilung greift auch bei uns um sich. Siehe Fall Kachelmann / Schwarzer. Was da angedeutet wurde und wie die Persönlichkeitsrechte ausgereizt wurden, zielt in die genau gleiche Richtung wie in der USA. Die Presse dankt! Antworten



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