Stoppt das Gerede über Werte!

Die Debatte über Köln ist fatal: Ausländische Delinquenten werden zu Kulturkriegern stilisiert.

«Aufwertung des Gesetzesbrechers»: Zwei Polizistinnen patrouillieren vor dem Kölner Hauptbahnhof. Foto: AFP

«Aufwertung des Gesetzesbrechers»: Zwei Polizistinnen patrouillieren vor dem Kölner Hauptbahnhof. Foto: AFP

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Sie meinen, Sie hätten genug über «Köln» gelesen? Auf nachfolgende Zeilen sind Sie noch kaum irgendwo gestossen: In der Silvesternacht wurde um den Kölner Hauptbahnhof eine unbestimmte Zahl von Personen, in der Mehrheit Frauen, mutmasslich Opfer von strafbaren Übergriffen und Diebstählen durch eine unbestimmte Zahl von unbekannten männlichen Tätern – deren Signalement auf mehrheitlich nordafrikanische Herkunft schliessen lassen könnte.

Klingt fade, oder? Nüchtern betrachtet ist es das, was man über die Ereignisse derzeit mit Bestimmtheit sagen kann. Gesagt wird aber viel mehr. Deutschlands Justizminister Heiko Maas beklagte einen «Zivilisationsbruch», die Bundestagsabgeordnete Katrin Göring-Eckardt sprach sich gegen einen «Bonus für Nationalität» aus, die Feministin Alice Schwarzer mahnte an, muslimische Immigranten seien endlich auf «unsere zentralen Werte» zu verpflichten.

Ost­europäische Minister verhöhnen Gutmenschen-Deutschland und kündigen Grenzschliessungen für Muslime an. Kölns Polizeichef erklärte den Rücktritt, und in allen Ländern des alten Kontinents überbieten sich Politiker mit Rufen nach mehr Ausschaffungen, härteren Strafen, einem Ende der Naivität. Zeitungen und Fernseh­stationen ziehen tüchtig mit. Man ist versucht, den Ausschaffungs­diskurs als Verschärfungs­pornografie zu rubrizieren: Wer macht es härter, wer macht es öfter?

Es freuen sich die Jihadisten

Das Traurigste am Trauerspiel von Köln ist, dass es mit dem ersten Akt in der Silvesternacht nicht endete. Die politmediale Fortführung verrät eine längst nur allzu liebgewordene Denke: Begeht ein Ausländer ein Delikt, ist es mehr als ein Delikt, nämlich ein «Angriff auf unsere Werte».

Es gibt keinen effizienteren Weg in den Rassismus, als permanent von «Werten» zu sprechen, wo es «Gesetze» heissen müsste. Gesetze werden durch Individuen gebrochen, und entsprechend ist jeder Gesetzesbruch individuell zu begreifen und zu sanktionieren. Wenn mein Nachbar das Gesetz verletzt, indem er seinen Hamster quält, trifft mich keine Schuld – auch wenn wir beide, zum Beispiel, Afrikaner sind. Anders dagegen, wenn die Tat des Nachbarn als «Verstoss gegen unsere Werte» begriffen wird: Dann gerate ich unter Mitverdacht. Sind denn seine afrikanischen Werte, zu denen offenbar Hamsterquälerei ­gehört, nicht auch meine Werte?

Es ist dieses Diskursschema, das die Köln-Debatte prägt. In Köln haben Maghrebiner oder Syrer oder Afghanen, irgendwer aus dem «islamischen Kulturkreis», so genau weiss man es nicht, delinquiert – und die Debatte dreht sich darum, welche Retorsion der muslimischen Diaspora in toto angedeihlich sei. Das Paradoxe an dieser Art Diskussion ist die Aufwertung des Gesetzesbrechers: Er wird zum feindlichen Kämpfer in einem Krieg der Kulturen stilisiert. Das freut insbesondere Schwerkriminelle wie die Attentäter von Paris, die ihre Morderei tatsächlich als Feldzug gegen den Westen verbrämen.

Wer sich mitschuldig am Hass macht

Natürlich ist es für das Verständnis einer Tat von Bedeutung, welchem Milieu der Täter entstammt. Der Zusammenhang zwischen extrem patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen und unterent­wickelten Hemmschwellen gegenüber Frauen leuchtet ein. Solche Erkenntnisse nützen, wenn sich daraus sinnvolle Prävention ableiten lässt. Doch sie entbinden uns nicht von der Pflicht, auch eine Akkumulation von Taten wie in Köln als Einzeltaten zu begreifen. Wer den Silvester 2015 nun zum Anlass nimmt, Kollektivstrafen zu fordern, einen Aufnahmestopp für syrische Kriegsflüchtlinge beispielsweise, wer damit den Fortbestand der abendländischen Zivilisation verknüpft – der verletzt kein Gesetz, er verrät tatsächlich «unsere Werte». Und er wird mitschuldig am Hass, der sich gegenwärtig in Onlineforen entlädt. Oder in Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte.

Der Kölner Polizeichef demissionierte unter anderem, weil er Informationen über die Herkunft der Täter zurückgehalten haben soll. Falls er dies aus Furcht vor den Reaktionen tat, so müsste dem Mann heute ein Orden für seinen Weitblick verliehen werden.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.01.2016, 20:28 Uhr)

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