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Stimmenkauf in Italien: Komödie von 1963 wird Youtube-Hit

Von René Lenzin, Mailand. Aktualisiert am 04.01.2011 8 Kommentare

Seit Berlusconis knappem Sieg im Parlament ist eine Szene aus «Gli Onorevoli» ein Renner auf Youtube. Der Film erinnert das Land an eine unbequeme Wahrheit.

Angehender Abgeordneter lässt sich von zwei alten Füchsen in die Geheimnisse der Politik einweihen: Filmkomödie «Gli Onorevoli» aus dem Jahr 1963.


Die Realität: Antonio Razzi wird am 14. Dezember 2010 beglückwünscht. (Bild: Keystone )

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Neuer Name, neues Logo

Der politisch angeschlagene Regierungschef Silvio Berlusconi hat eine Marketingfirma beauftragt, einen neuen Namen und ein neues Logo für seine Mitte-rechts-Partei zu entwerfen, die bisher Popolo della Libertà (Volk der Freiheit) heisst. Laut der Zeitung «Il Messaggero» will Berlusconi seine Gruppierung in «Popolari» umbenennen. Die Umbenennungin «Volkspartei» ruft die Erinnerung an die grosse Partei der italienischen Katholiken wach, die der sizilianische Priester Luigi Sturzo 1919 gegründet hatte. Zudem wolle Berlusconi an die Tradition der Europäischen Volkspartei (EVP) anknüpfen, berichtete das Blatt. Der Ministerpräsident will das Image seiner Partei aufpolieren, die im März 2009 aus der Fusion seiner eigenen Gruppierung Forza Italia und der rechten Alleanza Nazionale seines ehemaligen Verbündeten Gianfranco Fini, des jetzigen Parlamentspräsidenten, entstanden war.

Folgendes Gespräch spielt sich zwischen drei italienischen Politikern ab:

A: Im Parlament können drei Stimmen genügen, um eine Regierung zu retten. Wir werden nun das «Do ut des» anwenden.

B: Nein, wirklich? Wer hätte das gedacht. Das «Do …»?

A: Das «Do ut des».

B: Also, dieses «Do …», wo kann man das finden?

C: Ich gebe dir drei Stimmen, und du gibst mir drei Aufträge.

B: Entschuldigt meine Unkenntnis in dieser Art von Politik. Soviel ich weiss, sollte der Abgeordnete die Interessen seiner Wähler vertreten, die ihm das Vertrauen ausgesprochen und die Stimme gegeben haben.

A: Das ist eine Auffassung aus einer anderen Zeit.

B: Passé? Überwunden?

A und C nicken zustimmend.

B: Ich gehe also an die Wahlveranstaltung und verspreche, was das Zeug hält.

C: Versprechen Sie Kanalisationen, Strassen, Brücken. Und wir schnappen uns die Aufträge.

B: Und diese Ignoranten und Dummköpfe geben mir ihre Stimmen.

A: Genau, genau.

Die drei Stimmen

Drei Stimmen, um eine Regierung zu retten? Du gibst mir Stimmen, ich besorg dir Aufträge? Kommt einem da nicht der 14. Dezember in den Sinn, an dem der italienische Premier Silvio Berlusconi überraschend eine Vertrauensabstimmung in der Abgeordnetenkammer mit drei Stimmen Vorsprung gewonnen hat? Stimmen wie diejenige des in der Schweiz gewählten Oppositionellen Antonio Razzi, die sich Berlusconi gekauft haben soll.

Doch beim oben zitierten Text handelt sich nicht um das Protokoll einer klandestinen Sitzung von Berlusconis Getreuen, sondern um einen Auszug aus der Filmkomödie «Gli Onorevoli» aus dem Jahr 1963. Onorevole – der Ehrwürdige – ist der Titel, mit dem sich Italiens Abgeordnete schmücken. Und in der besagten Szene des Films spielt der legendäre Komiker und Schauspieler Totò (1898–1967) einen angehenden Abgeordneten, der sich von zwei alten Füchsen in die Geheimnisse der Politik einweihen lässt.

Der Renner

Seit dem 14. Dezember ist dieser Filmausschnitt in Italien der grosse Renner auf der Video-Website Youtube.

Wer «Tre voti» (drei Stimmen) ins Suchprogramm eingibt, kommt sofort auf mehrere Varianten dieses Ausschnitts. Für viele Italiener ist der Film der Beweis, dass der Stimmenkauf weder eine Erfindung Berlusconis noch eine neuere Erscheinung ist, sondern quasi zur DNA der italienischen Politik gehört. Das mag auch erklären, weshalb sich die öffentliche Empörung über den «gekauften» Sieg des Regierungschefs in Grenzen gehalten hat. Tatsächlich ist der politische Transfermarkt nicht erst seit Berlusconi fester Bestandteil des italienischen Politspektakels. In der Ersten Republik, die von 1948 bis 1992 dauerte, gab es mehr als fünfzig Regierungswechsel. Zwar waren die Regierungschefs in der Regel Christdemokraten, aber um sich die Mehrheit zu sichern, musste manch neuer Premier Stimmen auf seine Seite ziehen, die vorher seinen Gegenspieler unterstützt hatten.

Sogar die Kommunisten, die in der Ersten Republik systematisch von der nationalen Regierung ausgeschlossen wurden, waren Teil dieses Schachers. 1976 beispielsweise tolerierten sie eine Regierung der nationalen Solidarität unter Giulio Andreotti. Das dürfte seinen Preis gehabt haben, nicht nur in Form von politischen Zugeständnissen. Indirekt habe man die Kommunisten an der Macht beteiligt, indem man den Wohlfahrtsstaat grosszügig ausgebaut und den von ihnen regierten Regionen überdurchschnittlich viele Ressourcen zur Verfügung gestellt habe, sagt der Historiker Ernesto Galli della Loggia. «Warum ist es so schön, in der Emilia-Romagna, in der Toskana und in Umbrien zu leben?», fragt er. Weil dort während fast 40 Jahren die Kommunisten regiert hätten. Mit dem Ergebnis, dass «es in Perugia auf 20'000 Einwohner eine Poststelle gibt, in Rom hingegen auf 300'000».

Die «innere Handbremse» gelöst

Nichts Neues unter der Sonne, findet auch der Journalist und Autor Sergio Rizzo. In seinem Buch «La cricca» («Die Bande») beschrieb er in diesem Frühjahr das System der Günstlingswirtschaft, das sich um die Vergabe von grossen öffentlichen Aufträgen gebildet hat. In einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» kritisierte Rizzo dieses Phänomen scharf, sagte aber auch, dass es seit der Staatsgründung zu Italien gehört und nie ernsthaft bekämpft worden sei. Das Neue sei, dass Berlusconi mit seinen ungelösten Interessenkonflikten «bei den anderen die innere Handbremse gelöst hat».

Kein schmeichelhafter Befund. Deshalb trösten sich die Italiener vielleicht mit Totò und seiner Komödie. In Schwarzweiss und aus dem Mund des Komikers tönt die Wahrheit weniger brutal. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.01.2011, 20:30 Uhr

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8 Kommentare

Giovanni Baptista

04.01.2011, 08:29 Uhr
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Warum immer Italien? Auch die Schweiz kennt Günstlingswirtschaft! Die SP verspricht ihren Wählern immer materielle Vorteile, die weder die SP noch ihre Wähler bezahlen müssen. Beispiel gefällig? Krankenkassenleistungen: Auch diejenigen, welche keine Prämien bezahlen oder nur teilweise (Prämienverbilligung), stimmten über die Ausweitung der Leistungen mit ab. Auch das ist Günstlingswirtschaft! Antworten


Michael Volkart

04.01.2011, 12:23 Uhr
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@ Paul Thürig: Lesen Sie einmal diesen Artikel: http://dasmagazin.ch/index.php/die-heimliche-macht-des-geldes/ Der Vergleich hinkt nicht im Geringsten, auch in der Schweiz ist die Politik hochgradig finanzgesteuert! Antworten



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