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Silvio Berlusconis Gespür für den Bauch der Italiener

Von René Lenzin, Mailand. Aktualisiert am 30.10.2010 3 Kommentare

Der Premier stolpert von Skandal zu Skandal. Weshalb bloss wird er immer wieder gewählt? Ein neues Buch von Beppe Severgnini klärt auf.

Der perfekte Italiener: Im Grunde wären viele Italiener gerne wie Berlusconi – deshalb geben sie ihm ihre Stimme. (Bild: Keystone )

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Und wieder wird Silvio Berlusconi von einem Sex-Skandal heimgesucht. Eine noch nicht ganz 18-jährige Marokkanerin erzählte der Staatsanwaltschaft ausführlich von ihren Besuchen in der Mailänder Villa des italienischen Premiers und von den Gruppensex-Partys, die dort gefeiert würden. Sie selber habe nicht mit Berlusconi geschlafen, beteuert die junge Frau.

Aber sie hat sich von ihm helfen lassen, als sie im Mai dieses Jahres wegen Verdachts auf Diebstahl in einem Mailänder Polizeirevier verhört wurde. Nach einem Telefonat aus dem Palazzo Chigi, dem Sitz des italienischen Premierministers, habe die Polizei die Frau in die Obhut einer Vertrauten Berlusconis übergeben, berichteten die italienischen Medien. Der Premier bestätigte diesen Vorgang gegenüber den Medien zumindest indirekt.

Nach Noemi Letizia – die 18-Jährige, die Berlusconi Papi nannte – und dem Escortgirl Patrizia D’Addario nun Ruby, wie die Marokkanerin heisst. Dazu ein Land, das wirtschaftlich seit Jahren stagniert, und eine Politik, die sich nur noch mit den diversen Justizaffären des Regierungschefs und dessen Streit mit dem ehemaligen Verbündeten Gianfranco Fini zu befassen scheint. Weshalb nur, fragen sich die Opposition und ausländische Beobachter, haben die Italienerinnen und Italiener Silvio Berlusconi dreimal gewählt und könnten seiner Regierungskoalition bei vorgezogenen Neuwahlen nochmals eine Mehrheit verschaffen?

«Er ist einer von uns»

Eine Erklärung oder, besser gesagt, einen Strauss von Erklärungen liefert Beppe Severgnini, Journalist der Zeitung «Corriere della Sera» und Autor zahlreicher Bücher über Wesen und Marotten der Italiener. «Der Bauch der Italiener. Berlusconi den Nachgeborenen erklärt» heisst sein neustes Werk, das genau an dem Tag in die Buchhandlungen kam, an dem der Ruby-Skandal ausbrach. Zehn Gründe zählt Severgnini für den anhaltenden Erfolg Berlusconis auf.

Am Anfang steht der menschliche Faktor. «Er gleicht uns, er ist einer von uns» – so denkt laut Severgnini eine Mehrheit der Italiener über B., wie er den Premier nennt. «B. mag Kinder, spricht über die Mutter, versteht etwas von Fussball, weiss Geld zu machen, liebt neue Häuser, hasst Regeln, erzählt Witze, flucht und bewundert Frauen, Feste und nette Gesellschaft», heisst es weiter.

Sich aufregen oder ignorieren

Über nicht gehaltene Versprechen, Halbwahrheiten und das Durcheinander von öffentlicher Rolle und privaten Angelegenheiten «regen sich die einen auf, die andern schauen darüber hinweg», schreibt Autor Severgnini. Von den zweiten, so scheine es, gebe es mehr als von den ersten.

Und was ist mit den zahlreichen Peinlichkeiten von B.? «Die ausländische Presse lacht, im Internet wird er oft verhöhnt, aber ein schöner Teil der Italiener lächelt», sagt Severgnini. Für sie sei B. halt einfach «menschlich, allzu menschlich». Dieser menschliche Faktor könne Berlusconis Erfolg natürlich nicht abschliessend erklären, aber er werde von seinen Gegnern systematisch unterschätzt.

Und das sind in seinen Augen die weiteren Faktoren:

Der göttliche Faktor: Viele Italiener beklatschen die Kirche, um sich weniger schuldig zu fühlen, wenn sie sündigen. Dass Absichtserklärungen wichtiger sind als das konkrete Verhalten, kommt B. sehr gelegen.

Der Faktor Robinson: Jeder Italiener sieht sich im Kampf gegen den Rest der Welt. B. hat gezeigt, wie man es aus dem Nichts zu etwas bringt.

Der Faktor Truman: Fünf Millionen Italiener lesen Zeitungen, kaufen Bücher und konsumieren Informationssendungen in elektronischen Medien. Der ganze Rest schaut Fernsehen, wie es die Privatsender machen. Und wer kontrolliert das Fernsehen in Italien? Genau: B. Fernsehen schafft Wirklichkeit, wie in der «Truman Show», dem Film von Peter Weir.

Der Faktor Hoover: Die amerikanische Staubsaugerfirma hat es fertiggebracht, dass staubsaugen in den USA «to hoover» heisst. Genau mit solchem Verkaufstalent ist auch B. ausgestattet.

Der Faktor Zelig: Wie der chamäleonhafte Held in Woody Allens Film schafft es B. meisterhaft, in die Haut seines Gegenübers zu schlüpfen.

Der Faktor Harem: Die Frauengeschichten haben B. die Ehe gekostet, aber keine Stimmen. Viele Italiener ziehen die Nachsicht mit sich selbst der Selbstdisziplin vor. Und im Grunde macht B. das, wovon sie träumen.

Der Faktor Medici: Die Zuneigung vieler Italiener zu B. erinnert an diejenige früherer Generationen zum «Signore», wie ihn die Medici in Florenz erfunden haben. Der Fürst, der an seinen Ruhm, seine Familien und seine Interessen denkt – und auch ein wenig an sein Volk.

Der Faktor TINA: Diese Formel von Margaret Thatcher steht für «There is no alternative». Seit B. in der Politik ist, hat Mitte-links zweimal regiert und ist zweimal an sich selbst gescheitert. Bis zum Zerwürfnis mit Fini hat B. hingegen seine Koalition zusammengehalten nach dem Motto des amerikanischen Präsidenten Lyndon B. Johnson, der über den FBI-Chef J. Edgar Hoover gesagt haben soll: «Es ist besser, wir haben ihn im Zelt und er pisst nach draussen, als dass er draussen ist und hineinpisst.»

Der Faktor Palio: Beim berühmten Pferderennen in Siena ist die Freude über die Niederlage eines rivalisierenden Stadtteils fast grösser als diejenige über den Sieg. Um die Linke von der Macht fernzuhalten, würden viele Italiener gar dem Teufel die Stimme geben.

Noemi Letizia und Patrizia D’Addario haben B. nicht zu Fall gebracht. Auch Ruby wird er überleben. Kommt es zu Neuwahlen, könnte er wieder gewinnen. Wer das alles nicht verstehen kann, sollte Beppe Severgnini lesen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2010, 06:54 Uhr

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3 Kommentare

Boris Scavezzon

30.10.2010, 08:50 Uhr
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In einem Punkt hat er Recht! Blödheit ist lernbar - besonders durch den Fernseher. Vergessen wird, dass dieser Mann seinem (und meinem) Land schaden zufügt. Italien ist geteilt und die Koruption fängt beim Regierungschef an. Anstatt mit China (angeblich) über Menschrechte zu sprechen - sollten die Länder mit Italien über Demokratie reden! Das sollte auch mal gesagt und geschrieben werden!!! Antworten


Eric Cerf

30.10.2010, 11:46 Uhr
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Wer Italien begreifen will, muss Berlusconi verstehen. Insgeheim bewundern die Tifosi Berlusconi, weil er mit seinem Macho-Gehabe der typischen Latin-Lover ist. Viel Geld, Einfluss und immer im Gespräch mit "le donne" imponiert den Männern in Italien. Verglichen mit seinen farblosen Vorgängern im Quirinal ist Berlusconi ein Paradiesvogel. Wie zwielichtig Berlusconi immer regiert, sie mögen ihn. Antworten



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