«Sie haben zweifelsohne die schrecklichste Tortur erlebt»

Mit seinem Bericht über den mutmasslichen Organhandel im Kosovo hofft Dick Marty, dass es doch noch zu einer strafrechtlichen Aufarbeitung kommt. DerBund.ch/Newsnet bringt weitere Auszüge aus dem Report.

«Politische Oberhäupter können die Anschuldigungen glaubhaft zurückweisen»: Der Schweizer Europaparlamentarier Dick Marty mit seinem Bericht

«Politische Oberhäupter können die Anschuldigungen glaubhaft zurückweisen»: Der Schweizer Europaparlamentarier Dick Marty mit seinem Bericht Bild: Reuters

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Im Auftrag des Europarats ging Dick Marty Anschuldigungen auf den Grund, wonach Kosovos Regierungschef Hashim Taci in Organhandel und Mord verwickelt gewesen sei. Die Ergebnisse seiner Untersuchung stehen im Bericht «Unmenschliche Behandlung von Menschen und der illegale Organhandel in Kosovo», den Marty heute vorstellt. Anhand von Zeugenaussagen und Dokumenten habe man sich ein Bild gemacht, wie Mitglieder der UCK serbische und albanische Gefangene behandelt hätten.

Die «auffälligste Teilmenge von Gefangenen» in der Nachkonflikts-Periode sei die Gruppe von Gefangenen, welche als «Opfer der organisierten Kriminalität» betrachtet werden, steht im Bericht auf Seite 18. Darunter gebe es eine Handvoll Personen, «bei denen wir herausfanden, dass sie nach Zentralalbanien gebracht wurden, um, kurz bevor ihnen die Nieren in einer behelfsmässigen Operationsklinik entfernt wurden, ermordet zu werden».

Erst gut ernährt, dann getötet

«Die Gefangenen dieser Teilmenge erlebten zweifelsohne in Gefangenschaft der UCK die schrecklichste Tortur.» Laut Zeugenaussagen, seien diese Gefangenen ursprünglich am Leben gehalten und gut ernährt worden. Ihnen sei auch erlaubt worden, zu schlafen und sie seien von den UCK-Wachen zurückhaltend behandelt worden. Bevor sie in die Operationsklinik gebracht wurden, seien die Gefangenen an mindestens zwei Orten festgehalten worden.

Dazu gehörten ein Haus in einem kleinen Dorf südlich von Bicaj, Einrichtungen auf einem Gelände ausserhalb der Stadt Burrel, das sogenannte «gelbe Haus» in Rripe und ein zweistöckiges Bauernhaus in Fushë-Krujë, welches nicht nur UCK-Mitgliedern als «sicheres Haus» gedient habe, sondern auch Gruppen organisierter Kriminalität, die in Drogen- und Menschenhandel involviert waren. Im Haus in Fushë-Krujë sei der Prozess des «Filterns» von Gefangenen dann beendet gewesen, «und die kleine, ausgewählte Gruppe von UCK-Gefangenen wurde getötet».

Medizinische Gebrauchsartikel

Einige der Gefangenen hätten irgendwann geahnt, was ihnen drohte und sie hätten ihre Wächter angefleht, ihnen das Schicksal zu ersparen, in Stücke geschnitten zu werden, steht unter Punkt 160 im Bericht. «Spätestens dann, als ihnen Blut für Tests entnommen wurde (...) oder als sie von Männern untersucht wurden, die als Doktor bezeichnet wurden, müssen die Gefangenen gewusst haben, dass sie als eine Art medizinischer Gebrauchsartikel behandelt wurden.» Quellen beschrieben, dass solche Tests und Untersuchungen in Rripe und Fushë-Krujë gemacht worden seien.

Die Zeugen hätten glaubhaft und konsistent davon gesprochen, dass alle Gefangenen mit einem Schuss in den Kopf getötet und ihnen danach ein oder mehrere Organe entnommen worden seien. «Wir haben erfahren, dass es sich hauptsächlich um einen Handel mit «Kadaver-Nieren» handelte, das heisst, die Nieren wurden nach dem Tod entnommen.» Es seien also keine klinischen Bedingungen und, zum Beispiel, der Gebrauch von Anästhetika nötig gewesen.

Einsicht durch verschiedene Quellen

Von unabhängigen Quellen innerhalb der UCK habe man über diverse Elemente und Perspektiven des Organhändler-Rings Kenntnisse erhalten: «Einerseits aus der Perspektive von Fahrern, Bodyguards, und anderen «Fixern», die logistische und praktische Aufgaben ausführten, um die menschlichen Körper zur Operationsklinik zu bringen, andererseits aus der Perspektive der Organisatoren, die kriminellen Köpfe des Rings», die angeblich in einen lukrativen Organhandel verwickelt waren.

Demnach seien die Gefangenen ins «sichere Haus» gebracht worden. Wenn der Transplantations-Chirurg sagte, er sei bereit, seien die Gefangenen exekutiert und ihre Körper zur Operationsklinik gebracht worden. Die Lokalitäten seien wegen ihrer Nähe zum Flughafen gewählt worden.

Unzerbrechliche Loyalität zum Clan

Es gebe zwei Hauptgründe, weshalb eine strafrechtliche Untersuchung an Grenzen stossen würde, steht im Bericht. Einerseits würden die Behörden im Kosovo die Untersuchungen eingrenzen, andererseits würden Angeschuldigte sich lieber verurteilen lassen, als hochrangige politische Figuren zu beschuldigen. «Das zentrale Hindernis, vielen Kosovaren Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, scheint die uralte Tradition von Clan-Loyalität (...) oder das Äquivalent in der organisierten Kriminalität zu sein.» Auch wenn Mitglieder einer Gruppe nicht blutsverwandt seien, sei ihre Loyalität kaum zu brechen.

Marty betont am Schluss, dass es nicht seine Aufgabe gewesen sei, eine forensische Untersuchung zu leiten. Man habe sich aber auch nicht auf Gerüchte verlassen, sondern Gegebenheiten aufgrund etlicher Zeugenaussagen und Dokumente beschrieben. «Jeder weiss im Kosovo, was passiert ist und was läuft, aber man redet nicht darüber, nicht öffentlich; sie haben Jahre darauf gewartet, dass die Wahrheit – die ganze Wahrheit und nicht die offizielle Version – ans Licht kommt.» (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 16.12.2010, 15:34 Uhr)

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