Sex-Skandal: Berlusconis Nothelfer ist in Not geraten
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Guido Bertolaso, Italiens oberster Katastrophenschützer, der als integer gilt und beim Volk beliebter ist als der Papst, soll sich bestechen haben lassen. Von Geld und «sexuellen Dienstleistungen» ist die Rede. So vermutet es die Staatsanwaltschaft Florenz. Sie hat vier Manager aus Bertolasos Umfeld verhaften lassen. Das «System» aus Freunden und Freunden der Freunde soll millionen- oder gar milliardenschwere öffentliche Aufträge unter der Hand vergeben haben. Unter den Verhafteten ist Angelo Balducci, der für Premier Silvio Berlusconi alle staatlichen Bauaufträge verwaltete.
Berlusconis Staatssekretär
Bewiesen ist bisher überhaupt nichts. Aber wie das so geht in Italien: Die Zeitungen zitieren seitenweise aus Ermittlungsakten, drucken Tag für Tag polizeiliche Abhörprotokolle von Telefongesprächen – und selbst in Passagen, wo der Untersuchungsrichter vorsichtig im Konjunktiv formuliert, tauchen bei Kommentatoren keinerlei Zweifel mehr auf: «So war es. Der Schuldige muss weg.»
Der 59-jährige Tropenarzt Guido Bertolaso ist eine Ausnahmeerscheinung in Italien. Dem Zivilschutz mit seinem Stab von 700 Beschäftigten und seinem landesweiten, straff organisierten Netz von Zehntausenden freiwilligen Helfern steht der Römer seit neun Jahren vor. Wie effizient das funktioniert, hat sich nach dem Erdbeben von L’Aquila im April 2009 gezeigt. Die einzige Kritik, die es da gab, betraf den «Kommandoton», mit dem Bertolaso den Alltag der über 60000 Evakuierten organisiert habe.
Seit er in Neapel und Umgebung nach 15 Jahren den Müll von den Strassen geschafft hat, ist Bertolaso auch Staatssekretär von Berlusconi. Manche halten ihn für den mächtigsten Mann der Regierung. Neider hat Bertolaso auch deswegen, weil in seiner Behörde kein Mangel an Geld herrscht; Not kennt eben keine finanziellen Fesseln. Die Frage ist nur, wie man «Notlage» definiert. Und das ist der entscheidende Punkt: Angesichts der üppigen Bürokratie hat sich die Regierung Berlusconi angewöhnt, Grossprojekte per Dekret zur «Notlage» zu erklären. Darunter war etwa ein Segelweltcup vor Sizilien, die Organisation des Massenansturms zur Beerdigung für Papst Johannes Paul II., die Schwimmweltmeisterschaften in Rom 2009, ein Katholikentag in Umbrien oder der Bau neuer Gefängnisse. Allein im letzten Jahr hat die Regierung 79 solcher Anlässe zur Notlage erklärt und sie damit dem bewährten Zivilschutz überantwortet.
«Reine Demagogie»
Der Zivilschutz kann auf Grund seiner Sonderbefugnisse bürokratische Hindernisse aushebeln und rechtliche Beschränkungen umgehen. Bertolaso ist weit weniger von einem Helfersyndrom getrieben als von Zorn, Ungeduld – und Selbstbewusstsein. Fürchterlich kann er sich aufregen über sein langsames, unbewegliches, «verrostetes», überbürokratisiertes Italien, «in dem keine Regeln funktionieren»: «Zu sagen, dass sich in so einem Land der Katastrophenschutz lediglich mit Erdbeben, Vulkanen und Überschwemmungen beschäftigen soll, ist reine Demagogie.»
Dass er mit diesem Amtsverständnis in parteipolitisch aufgeteilte Erbhöfe einbricht und überall aneckt, kümmert ihn nicht. «Ich bin Arzt», sagt Bertolaso: «Wenn ich Leben retten muss, fahre ich auch über rote Ampeln oder gegen die Verkehrsrichtung. Danach zahle ich die Busse.»
Wie ein Firmenchef
Dieser «Macher»-Anspruch Bertolasos, seine Durchsetzungskraft und sein Image kommen dem Premier sehr entgegen. Bertolaso wie Berlusconi neigen dazu, Italien zu führen wie Firmenchefs ihr Unternehmen – ohne Widerrede. Deshalb auch hat Berlusconi den von Bertolaso angebotenen Rücktritt umgehend abgelehnt.
Von Bertolasos Image wollte Berlusconi auch bei den Regionalwahlen im März profitieren. Das haben die Florentiner Staatsanwälte und die Medien jetzt torpediert. War die Attacke also – wie Berlusconi und Bertolaso vermuten – wieder einmal gegen den Premier gerichtet? Nicht auszuschliessen. Aber Bertolaso hat auch im Parlament seinen ersten Dämpfer erhalten – aus den Reihen der Regierungskoalition. Jene Aktiengesellschaft, mit welcher Bertolaso den Zivilschutz noch effektiver machen – oder ihn, wie Kritiker meinen, der öffentlichen Kontrolle noch mehr entziehen – wollte, ist angesichts der Korruptionsvorwürfe vom Tisch. (Berner Zeitung)
Erstellt: 20.02.2010, 09:00 Uhr
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