Ausland

Sekt, Shrimps und Rücktrittsforderungen

Aktualisiert am 12.01.2012 8 Kommentare

Christian Wulffs Rückkehr zur Routine verläuft harzig. Sein erstes Treffen mit Kanzlerin Merkel seit Beginn der Affäre war frostig – und wichtige Organisationen boykottieren seinen Neujahrsempfang.

Herzlich ist anders: Kanzlerin Merkel konzentrierte sich beim Empfang demonstrativ auf Wulffs Ehefrau Bettina.

Herzlich ist anders: Kanzlerin Merkel konzentrierte sich beim Empfang demonstrativ auf Wulffs Ehefrau Bettina.
Bild: Keystone

Bundespräsident Wulff trifft Merkel: Die Kritik an dem angeschlagenen Staatsoberhaupt reisst nicht ab. (Video: Reuters )

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Die Affäre Wulff

Die Affäre Wulff
Der deutsche Bundespräsident gerät immer mehr in Bedrängnis. Die Protagonisten in der Kredit- und Presse-Affäre Wulff.

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Angela Merkel hält es kurz. Die Begegnung der Kanzlerin mit Bundespräsident Christian Wulff ist eher förmlich. Die beiden schütteln sich heute beim traditionellen Neujahrsempfang im Schloss Bellevue die Hände, dann wendet sich Merkel Wulffs Ehefrau Bettina zu. Das erste Treffen zwischen Merkel und Wulff seit Beginn der Kredit- und Medienaffäre war mit Spannung erwartet worden. Wie jedes Jahr empfängt der Bundespräsident Vertreter des öffentlichen Lebens – doch heute ist alles überschattet von der Affäre um Wulffs Hauskredit und seine Drohungen gegen die Presse.

Bei Bettina Wulff fällt der Händedruck der Kanzlerin etwas länger aus, beide Frauen fassen sich gegenseitig einen Moment am Arm. Dann legt die Regierungschefin, die mit einem Teil ihres Kabinetts am Amtssitz des Bundespräsidenten angetreten ist, ihre Hände mal wieder zu einem Dreieck und lächelt spitz. Routinierter Auftritt, ein Bild für die Medien. Herzlich ist etwas anderes.

Rücktrittsforderungen aus eigenen Reihen

Für ein persönliches Gespräch mit dem Präsidenten im Schloss habe es «keine Gelegenheit» gegeben, die Kanzlerin habe sich bei dem Empfang «unters Volk gemischt», hiess es aus Regierungskreisen.

Merkel weiss, wie gross der Unmut über Wulff in ihrer Partei inzwischen ist. Als erster Abgeordneter der Union im Bundestag forderte inzwischen der Berliner Parlamentarier Karl-Georg Wellmann den Präsidenten zum Rücktritt auf. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» berichtete von Überlegungen, im Fall von Wulffs Rücktritt den angesehenen Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) als gemeinsamen Kandidaten von Regierung und Opposition aufzustellen.

Alles auf der Waagschale

Für eine gewisse Auflockerung beim Treffen des unter Druck geratenen Bundespräsidenten mit der Regierung, die ihn ins Amt gebracht hat, sorgt dann Aussenminister Guido Westerwelle. Er kommt beschwingt in den Langhanssaal und küsst die erste Lady im Staat auf beide Wangen. Ein Raunen geht durch den Saal. Der FDP-Politiker kommentiert: «Man muss ja nicht verschweigen, wenn man jemanden mag.»

Diese Bemerkung wird, wie so vieles andere an diesem grauen Vormittag in Berlin, sofort in die Waagschale gelegt. Pro oder kontra Wulff. An dem Tag, an dem die Unterstützung aus den eigenen Reihen langsam auch öffentlich zu bröckeln anfängt.

Keine Scherze, keine netten Worte

Am Morgen steht das Präsidentenpaar rechts neben der Bundesflagge und wartet auf seine Gäste. Christian Wulff sieht angespannt aus, seine Gattin steht im schwarzen Kleid und ohne auffälligen Schmuck neben ihm. Der Saal im ersten Stock von Bellevue quillt über vor Kamerateams und Journalisten, die sich nebeneinander drängen.

Das Lächeln des Paares zum Blitzen der Kameras ist professionell, aber es gibt kein Scherzen, kaum ein Wort untereinander, keinerlei Bemerkungen in Richtung Medien. Der SPD-Politiker Klaus Wowereit macht als Regierender Bürgermeister von Berlin den Auftakt. Die ersten Begrüssungen fallen angespannt aus. Bettina Wulff verschränkt ihre Arme immer wieder hinter ihrem Rücken, dreht sich leicht ab. Unter den Journalisten werden derweil die Namen verschiedener möglicher Nachfolger diskutiert.

«Ihr habt ja die Saison noch vor euch»

Auf motivierende Parolen in Krisensituationen versteht sich Klaus Schlappner, das hat er als Bundesligatrainer gelernt. Seinem Gastgeber in Schloss Bellevue brachte die Fussballlegende einen Trostspruch mit: «Nicht nach jedem verschossenen Elfmeter ist das Spiel verloren.» Schlappner war für sein Sport-Engagement zum Neujahrsempfang von Bundespräsident Christian Wulff geladen. Beim Defilee entspann sich ein kurzer Wortwechsel, den Schlappner später so wiedergab: «Ich hab ihm gesagt: Ihr habt ja die Saison noch vor euch. Er hat gesagt: Die Saison geht bis 2015.»

Knappe Worte, klare Botschaft: Im Jahr 2015 endet regulär Wulffs erste Amtszeit, die er offenbar bis zum Schluss durchstehen will. Während im Berliner Politikbetrieb selbst Parteifreunde von ihm abrücken, demonstrierte Wulff als Gastgeber im Schloss politische Normalität bei Sekt, Kräuter-Shrimps und Tafelspitz in Liebstöckel-Crèpe. Weit über hundert Gäste aus Politik, Justiz, Wissenschaft und Ehrenamt begrüssten Christian und Bettina Wulff persönlich mit Handschlag und Small Talk, drei Stunden dauerte das Defilee.

Demonstrativ abgesagt hatten ihre Teilnahme an dem Empfang die Chefin der Anti-Korruptionsorganisation Transparency International, Edda Müller, und der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbands, Michael Konken. Beide wollten ihr Fernbleiben als Protest gegen Wulffs Umgang mit der Öffentlichkeit in der Kreditaffäre verstanden wissen.

«Heute war es mir wichtig zu kommen»

Andere geben sich diplomatischer. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck, als einer der wenigen Oppositionspolitiker erschienen, nimmt es mit dem Respekt vor dem Bundespräsidenten eher leicht. Der SPD-Politiker fordert, bevor er Wulff die Hand reicht, weitere Aufklärung. «Ich wünsche mir, dass er nun alles offenlegt.» Das, was es bislang gebe, reiche nicht aus, erklärt er im Vorraum des Defilee-Saals in die Kameras.

Auch ein besonderer Gast aus Bayern schlendert durch die Gänge von Bellevue. Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) ist als Bundesratspräsident nach Berlin gekommen. «Heute war es mir wichtig zu kommen. Anderen nicht. Aber mir.» Was er dem Bundespräsidenten denn gewünscht habe für das neue Jahr? «Das Beste.» Wie er die Rücktrittsdebatte aus den eigenen Reihen kommentiere? «Gar nicht.» (ami/dapd/AFP)

Erstellt: 12.01.2012, 16:08 Uhr

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8 Kommentare

max meier

12.01.2012, 16:47 Uhr
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Es gibt nur eines: Rücktritt. Herr Wulff hat den sauberen Zeitpunkt aber schon lange verpasst. Ich farge mich, was sich Leute in gewissen Positionen leisten können. Es gibt Positionen, da MUSS die Weste makellos weiss sein! Antworten


Jürg Wüthrich

12.01.2012, 17:20 Uhr
Melden 9 Empfehlung 0

"Das Treffen mit Merkel war frostig" welch schöner Gegensatz zum Kommentar der FAZ: "Der Empfang Merkels war ausgesprochen freundlich, die Kanzlerin zeigte sich entspannt". Nehme an, die FAZ war näher am Geschehen ;-)
Nichtsdestotrotz sollte er zurücktreten!
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