Ausland
Schlammschlacht um Millionen
Von Oliver Meiler. Aktualisiert am 14.09.2011 18 Kommentare
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Ein Mann mit bedrückter Miene und grau meliertem Haar tourt durch Frankreichs Fernsehstudios. Am Revers seines Sakkos trägt er das rote Abzeichen der Légion d’honneur, der Ehrenlegion, die höchste Auszeichnung der Republik. Noch hat er nicht angeboten, die Auszeichnung abzugeben, obschon eine solche Geste ganz gut zu seinem dramatischen Auftritt passen würde. Robert Bourgi (66) franko-libanesischer Geschäftsanwalt, ist auf Beichtgang. Auf allen Kanälen, als zähle nach jahrelangem Schweigen plötzlich jede Sekunde. Er erzählt aus seinem Leben als «Kofferträger».
Mafiöses Geflecht
Bourgi war ein Mittler der «Françafrique». So nennen die Franzosen die schmierige Parallelwelt zwischen Frankreich und seinen ehemaligen Kolonien in Afrika – ein Geflecht von uneingestehbaren, mafiösen Beziehungen zwischen Industrie und Politik, mit denen die alte Metropole den Einfluss im rohstoffreichen Hintergarten nach der Unabhängigkeitswelle wahren wollte. Seit Charles de Gaulle also.
Bourgi erzählt, wie er über Jahrzehnte hinweg Koffer voller Bargeld aus Afrika nach Paris trug – in den Elyséepalast, in die Ministerien, in die Büros gewisser Politiker. Man schickte ihn jeweils durch unterirdische Gänge, wies ihm die Hintertüren der Paläste. Millionen habe er überreicht. In Francs, Dollars, Euro. Wie den «Weihnachtsmann» habe man ihn empfangen.Vor allem aber belastet Robert Bourgi die Namen zweier bürgerlicher Spitzenpolitiker, die einst seine Auftraggeber waren: Jacques Chirac, Präsident von 1995 bis 2007, und Dominique de Villepin, Chiracs Kabinettschef, Premier-, Aussen- und Innenminister. Bourgi behauptet, die beiden hätten die dicken Geldbündel aus Gabun, Senegal, Burkina Faso und der Elfenbeinküste in die Schubladen und die Schränke ihrer Büros gestopft. Bereicherten sie sich damit etwa persönlich? Oder füllten sie die Kassen ihrer Parteien und Wahlkampfmaschinen? Bourgi äussert sich dazu nicht. Zuweilen hätten sich Chirac und Villepin darüber beschwert, dass ein befreundeter Staatschef in Afrika den Tarif nicht verstanden habe. Dann schickten sie Bourgi zurück, um mehr zu fordern. Beweise dafür hat er keine. Das Geld hat keine Spuren hinterlassen.
Klingt gut – und verdächtig
Und doch war die schmierige Praxis der Françafrique ein offenes Geheimnis, Frucht der Realpolitik. Nun muss man dazu wissen, dass Bourgi ein Freund und Berater von Nicolas Sarkozy, Rivale von Chirac und Villepin im rechten Lager, ist. Sarkozy öffnete ihm die Tore seines Hofs, als Bourgi 2005 von seinen bisherigen Patrons geschasst worden war. Bourgi sagt, Sarkozy sei sauber, er habe mit der Françafrique gebrochen, für ihn habe er nie Millionen nach Frankreich schleppen müssen. Auch dafür hat er keine Beweise. Aber er redet viel, will sein Gewissen reinigen, wie er sagt, für eine bessere Zukunft für seine Enkel. Er wünsche sich, dass ihn die Justiz vorlade und ein Verfahren eröffne.
Das Timing von Bourgis medialem Beichtgang könnte kaum perfekter sein, Es wirkt fast so, als wäre er von hoher Stelle orchestriert. In acht Monaten finden in Frankreich Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt. Auf dem amtierenden Präsidenten Sarkozy lasten gleich mehrere Affären aus den Untiefen der Korruption: alte und neuere, alle mit viel brisantem Material. Und da er überdies mit chronischer Unpopularität geschlagen ist, dürfte die Versuchung gross sein, die Rivalen im eigenen Lager ebenfalls mit schweren Dossiers einzudecken. Das mag zwar den Politikverdruss im Volk fördern, doch in einer Kampagne scheinen alle Coups legitim, wenn sie nur zur Delegitimierung des Gegners gereichen.
Rechts gegen rechts
Villepin und Chirac wollen Klage einreichen gegen Bourgi – wegen Verleumdung. Im Grunde aber meinen sie Sarkozy. Beide stehen noch in anderen Fällen vor Gericht, was ihren Verdacht nährt, Sarkozy wolle sie mit der Geldkofferaffäre ganz zur Strecke bringen. Chirac wird der Prozess gemacht wegen der angeblichen Vergabe von Scheinjobs während seiner Zeit als Bürgermeister von Paris. Und Villepin erfährt heute Mittwoch vom Pariser Appellationshof, ob sein erstinstanzlicher Freispruch in der unseligen Finanzaffäre Clearstream, in der er direkt mit Sarkozy kollidierte, bestätigt wird. Kommt er frei, wäre das eine bittere Niederlage für Sarkozy. Vielleicht wurde er deshalb schon einmal mit neuen Vorwürfen bedacht.
Die beiden können sich nicht leiden, ja, sie hassen sich ganz offenkundig. Es prallen hier auch zwei politische Kulturen aufeinander: die neogaullistische der Chiracquiens und die neoliberale der Sarkozysten. Ihre prosaische, manchmal gar vulgäre persönliche Rivalität könnte die Wahl am Ende entscheiden. Villepin spielt nämlich mit dem Gedanken, selber für die Präsidentschaft zu kandidieren im nächsten Jahr. Chancen auf eine Wahl hat er keine. Doch die paar wenigen Prozentpunkte, die er erreichen würde, summiert mit jenen anderer interner Kontrahenten, könnten Sarkozy den Einzug in die zweite Wahlrunde verwehren. Und darum gehts. Im Schaulaufen der Hässlichkeiten und des Neids offenbart sich auch die Abnützung der Rechten, die in dieser V. Republik fast immer an der Macht war – verwöhnt und vermeintlich unverwundbar.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.09.2011, 18:18 Uhr
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18 Kommentare
Die 'bürgerlichen' Parteien Europas haben ungeheure Korruption angerichtet: Nebst dem UMP in Frankreich erzittert Oesterreich ob der TELEKOM ua Affären, die während der OEVP/FPOE Regierung von Wolfgang Schüssel angerichtet wurden. Alles wird noch übertroffen vom Italien Berlusconis, wahrlich: Die 'Bourgeoisie' hat sich wacker bedient an legalen und vor allem illegalen Töpfen aller Art ! Antworten
Was wollen wir uns über die jeweiligen Parteien und deren Vertreter hier im Forum streiten? Es ist die alte Weisheit, dass Macht und Geld korrumpiert! Darum geht es. Und wer da sauber ist und bleiben will, der wird gar nicht erst gross an die Spitze gelassen, da sonst so eine Person ja den Saustall ausmisten könnte. Und bei uns ist das nicht viel besser, nur diskreter. Aber besser! Antworten
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