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«Sarkozy ist ein UFO»

Von Oliver Meiler, Paris. Aktualisiert am 31.03.2012 7 Kommentare

Für Franz-Olivier Giesbert, Chefredaktor von «Le Point» und Biograf, läuft im Rennen um die französische Präsidentschaft derzeit alles für Nicolas Sarkozy. Der Wahlkampf lässt den Präsidenten aufblühen.

1/5 Eine «bête de campagne»: Der französische Präsident Nicolas Sarkozy im Wahlkampf.
Bild: Reuters

   

«Mich stört es nicht, dass er mich nicht mag»: Biograf Giesbert über Präsident Sarkozy. (Bild: AFP )

Chefredaktor, Biograf

Die Franzosen kürzen lange Namen gerne ab: «FOG», wie der 63-jährige Publizist Franz-­Olivier Giesbert der Einfachheit halber genannt wird, ist Chefredaktor des konservativ-bürgerlichen Wochenmagazins «Le Point». Seine Biografie von Nicolas Sarkozy, ­«Monsieur le Président» (Flammarion), war 2011 das bestverkaufte politische Buch in Frankreich. Giesbert tritt oft am Fernsehen auf, hat seine eigene Sendung – «2012, les grandes questions» – auf France 5 und interviewt auf France??2 die Präsidentschaftskandidaten. Seine Popularität verdankt er seiner stolzen Unabhängigkeit, seinem Insiderwissen und seinem brillanten, humorvollen Schreibstil. All dies macht ihn bei den Mächtigen nicht sonderlich beliebt. (om)

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In drei Wochen, am 22. April, findet die erste Runde der französischen Präsidentschaftswahlen statt. Wie gross sind Nicolas Sarkozys Chancen auf eine Wiederwahl?
Fifty-fifty.

Ach ja? So gut? Sagten Sie nicht vor kurzem noch, er sei heillos abgeschlagen, keine Chance?
Im Dezember schätzte ich die Wiederwahlchancen auf 15 Prozent, mehr nicht, unmöglich. Im Januar waren es 25 Prozent, im Februar 35, jetzt sind wir bei 50 Prozent. Verstehen Sie mich richtig: Diese Wahl wird sehr, sehr kompliziert für Sarkozy. Die Ablehnung seiner Person im Volk ist gross, seit langem schon. Die Franzosen haben sich nachhaltig von Sarkozy entliebt. Doch im Moment läuft alles für ihn, die ganze Dynamik. Eine Wahlkampagne schafft eben immer wieder eine neue Bühne. Und Sarkozy hat das Momentum, ganz klar.

Fördern auch die Ereignisse von Toulouse diese Dynamik?
Ja, natürlich. Sarkozy ist wieder in seiner Paraderolle, er gibt den Beschützer, den Flic. Und dennoch: Um die Wahl tatsächlich zu entscheiden, hätte das Drama wohl etwas näher am Wahltermin stattfinden müssen. In einem Monat kann noch so viel passieren. Da werden sich bald auch andere Themen als die innere Sicherheit und der Terrorismus wieder in den Vordergrund spielen.

Wie erklären Sie die Trendwende zu seinen Gunsten in den Umfragen?
Zunächst muss man sagen, dass er ein exzellenter Debattierer ist – eine «bête de campagne»: Er liebt diese Wahlkampagnen, diese Duelle. Er ist unglaublich gut am Fernsehen und in den Meetings in den grossen Hallen. Natürlich animiert ihn nicht dieselbe Verve wie vor fünf Jahren. Zu Beginn spürte man fast eine Art Tristesse in seinen Auftritten. Sein Blick mutete leer und abgelöscht an. Doch nun macht er einen erstaunlichen Job in diesem Wahlkampf. Es ist faszinierend, diesem Elan beizuwohnen, dieser Verwandlung. Sarkozy erfindet gerade eine neue Geschichte. Er tritt nicht als Amtsinhaber auf, der seine Regierungsbilanz bewirbt. Das ginge auch gar nicht: Er hat wenig vorzuweisen. Er verteidigt Werte, bringt immer neue Themen auf, die ihn dann ins Zentrum rücken. Bei Jacques Chirac war das jeweils ähnlich: Der spielte zwar in einem anderen Genre, war auf seine Art aber auch brillant. Diese Leute brauchen den Kick der Kampagne, und dann gehts wie von selber.

Schafft es Sarkozy, die bürgerliche Rechte zu einen?
Das ist ganz klar sein wichtigstes Ziel. Er macht, was wir eine Kampagne für die erste Wahlrunde nennen. Er versucht also, die Stimmen aus dem rechtsbürgerlichen Lager zu mobilisieren und zu maximieren – mit einem markant rechten Diskurs, ohne Schwenker zur Mitte. Die Strategie ist gefährlich. Es bleiben ihm dann nämlich nur wenig Reserven und Zeit für die zweite Runde, die Stichwahl, wo die Stimmen aus dem rechten Lager nicht mehr ausreichen, wo er auch viele Stimmen aus dem Zentrum braucht, um gewinnen zu können.

Jene der extremen Rechten umgarnt er aber schon mal mit Macht.
Ja, es scheint, als sei es Sarkozy gelungen, den Motor von Marine Le Pen zu bremsen – und zwar mit der alten Taktik, dem Todeskuss: Er erstickt sie mit ihrem eigenen Diskurs. Sarkozy sagt bereits all das vorweg, was Le Pen vorhaben könnte zu sagen. Manchmal sagt er die Dinge noch kruder als sie, noch übertriebener. Und so verpufft die Wirkung jeder Provokation des Front National. Der Überraschungseffekt ist weg, der mediale Hype bleibt aus. 2007 funktionierte das. Auch François Mitterrand operierte einst mit dem Todeskuss – damals mit den Kommunisten.

Sie haben eine Biografie geschrieben über Sarkozy, die zum Bestseller wurde. Darin erscheint er als cholerischer, fast infantiler Präsident, der unfähig wäre, ein Kleinunternehmen zu führen. Wie hat er darauf reagiert?
Nicht sehr erfreut (lacht). Nein, mich mag er nicht. Dabei bin ich ja kein klassischer Sarkozy-Basher, das Buch ist nicht als Abrechnung angelegt. Ich anerkenne auch seine Stärken.

Vielleicht macht gerade das die Kritik noch unverdaulicher?
Schon möglich. Mich stört es jedenfalls nicht, dass er mich nicht mag. Es ist mir auch egal, dass er Ungeheuerlichkeiten über mich verbreitet. Man trägt mir das immer brühwarm zu.

Er regiert jetzt seit fünf Jahren, ist aber seit zehn Jahren schon der prägendste Politiker Frankreichs. Wer ist Sarkozy?
Das ist eine gute Frage. Frühere französische Präsidenten konnte man ja mit einigen wenigen Worten fassen. Selbst Mitterrand, der eine ambivalente Persönlichkeit war, Chirac sowieso. Das waren Ozeandampfer, die unfähig waren, schnell zu wenden, die ihre Route nie verliessen, sie höchstens mal ein bisschen justierten. Sarkozy ist viel vifer, unfassbarer, wendiger. Heute ein Pro-Europäer, morgen ein Anti-Europäer. Heute Pro-das, morgen Anti-jenes. Atemlos.

Warum kommt er damit durch?
Vielleicht kommt er ja gar nicht durch damit, warten wir die Wahl ab! Doch die Leute neigen dazu, schnell zu vergessen. Für Sarkozy ist die Politik ein Spiel. Ich behaupte nicht, dass er nicht aufrichtig an das glaubt, was er sagt. Doch seine Aufrichtigkeiten währen jeweils nur einige Sekunden. Und darum denke ich, dass von allen Prädikaten, die seine Art resümieren könnten, «unstetig» wohl das beste ist. Sarkozy spielt mit ständigen Brüchen. Und mit dem Bruch der Brüche. Er ist fähig, den Brief von Guy Môquet (1924 bis 1941, ein Kommunist und Widerstandskämpfer im 2.Weltkrieg, Red.) zur obligatorischen Schullektüre zu erheben, um dann eine Hetzjagd auf Roma zu veranstalten. In seinen menschlichen Beziehungen ist es dasselbe: Er liebt dich, will dich umarmen, und zwei Minuten später will er dich umbringen, ohne dass du wüsstest, warum.

«Le Monde» hat kürzlich auf zwei Seiten versucht, den Sarkozysmus zu deuten. Nochmals: Neben Stil und Persönlichkeit – was bleibt vom Politiker?
Sarkozy ist ein UFO im französischen Politbetrieb. Er entspricht keiner der gängigen Definitionen und Kategorien. Im Rückblick sehe ich auch keine historischen Figuren, in denen er sich spiegelt. Natürlich hat er etwas Populistisches und Bonapartistisches an sich und ist fasziniert vom Geld. Aber diese Etikette allein würde ihm nicht gerecht. Sarkozy ist eine Assemblage von vielen, auch sehr widersprüchlichen Mustern . . .

. . . auch schwer klassierbar im Links-rechts-Schema?
Ja, er verkörpert eine Tradition der französischen Rechten: Sarkozy ist ein Konservativer mit linken Trieben. Bei Chirac war das ja ähnlich. Linke Zeitungen beschrieben Chirac gerne als Neofaschisten, dabei war er eher ein Radikalsozialist (eine französische Form des Liberalismus, Red.) – gegen das Geld, gegen die Privilegien, antiroyalistisch. Und auch Valéry Giscard d’ Estaing hatte linksreformerische Tendenzen. Sarkozy ist ein Mix von alledem. Und wenn ich es mir so überlege, ist er in vielem Chirac eigentlich sehr nahe.

Er selber sähe das wohl als maliziösen Vergleich: Sarkozy warf Chirac alles Böse vor, vor allem dessen Unbeweglichkeit.
Das stimmt. Aber mal im Ernst: Was hat Sarkozy denn schon bewegt in den letzten fünf Jahren? Er reformierte das Land nur ein bisschen. Okay, da war die Rentenreform – die Anhebung des Pensionsalters auf 62 Jahre. Aber das ist eine Reform, die auch ein Premierminister machen kann. Oder ein Staatssekretär. Im Vergleich mit Deutschland sehen wir immer noch mies aus. Gut war nur die Universitätsreform, die wird bleiben.

Und sonst: Nur Wind und Lärm, wie Sie in Ihrem Buch schreiben?
Es war viel Wind und Lärm, doch man muss im Nachhinein auch sagen, dass er die Bankenkrise 2008 (nach dem Kollaps von Lehman Brothers, Red.) recht gut managte. Bei der Griechenland-Krise dagegen war er nicht überragend, hatte er keine Vision. Da hatte Angela Merkel den Lead, und Sarkozy musste sich leiten lassen, was ihm ja schwerfällt. Er will immer alles selber machen.

Sarkozy ist ein Charakterkopf mit Charisma. Sein linker Rivale François Hollande wirkt da wie ein Gegenentwurf und würde gerne ein «normaler Präsident» sein. Passt das zu Frankreich?
Seine Normalität ist nur als Kontrast zu Sarkozys Exzessen zu sehen. Hollande wäre wohl eine Art Landesvater: ein vorsichtiger, umsichtiger Reformist.

Wäre Hollande auch ein guter Präsident?
Oh, da will ich mich nicht festlegen. Die Leute offenbaren sich ja immer erst, wenn sie an der Macht sind. Hollande ist gescheit, ein feiner Geist mit schnellem Humor, politisch geschickt, stark mit Zahlen. Aber hat er genügend Charakter für den Posten? Ich weiss es nicht. Staatsmann wird man. Das ist man nicht einfach so. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.03.2012, 11:40 Uhr

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7 Kommentare

Sacha Meier

31.03.2012, 16:50 Uhr
Melden 4 Empfehlung 0

Gemäss ATIC sind UFOs sind eigentlich definiert als unerkannte natürliche oder menschengemachte Himmelsphänomene. Daneben existiert auch noch der Ufoismus als Pseudo-Religion. Ich jedenfalls würde Sarkozy weder als Himmelserscheinung, noch als sektenartig angebetetes höheres Wesen einstufen. Vielleicht sollten sich Meinungsführer öfter einmal mit der Semantik ihrer Einschätzungen beschäftigen. Antworten


Jean Roth

31.03.2012, 22:42 Uhr
Melden 4 Empfehlung 0

Zuerst Giesbert ist kein Sarkozy Freund.
Sarkozy hat ein Programm im Gegensatz zu Hollande der ausser Sozialhilfe zu erhöhen nichts zu bieten hat. Alles dreht sich bei Hollande um Immigranten.Da viele Sozialhilfeempfänger in Nordafrika leben und in F nur auf dem Papier mit Anschrift bei einem Kumpel um zu kassieren,stützen diese Hilfszahlungen leider nicht mal die F-Wirtschaft.
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