Ausland
Reiche und Junge verlassen Frankreich in Richtung Schweiz
Von Philippe Reichen, Lausanne. Aktualisiert am 08.05.2012 220 Kommentare
Fitch: Neues Rating erst 2013
Die Wahl des neuen Präsidenten François Hollande wirkt sich zunächst nicht auf das Rating Frankreichs aus. Die Ratingagentur Fitch teilte am Montagabend mit, falls es vorher keine dramatischen Entwicklungen gebe, wolle sie erst 2013 Frankreichs Kreditwürdigkeit neu einstufen. Damit hält die Agentur an dem bereits im Januar angekündigten Zeitplan fest. Zuvor hatte bereits die Agentur Standard & Poor's angekündigt, vor einer Neueinstufung Frankreichs die ersten Massnahmen von Hollande und die Parlamentswahl im Juni abzuwarten.
S&P hatte Frankreich im Januar als einzige der drei grossen Ratingagenturen die Bestnote AAA für die Kreditwürdigkeit entzogen. Bei Fitch und Moody's wird Frankreich weiter mit AAA gewertet, allerdings mit negativem Ausblick. (sda)
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Die Pariser Jugend jubelte über François Hollandes Wahlsieg, als Maxime Delbois-Renaude den TGV nach Lausanne bestieg. «Viele glauben, dass es Hollande gelingen wird, Frankreich aus der Krise zu führen. Ich zweifle», sagt der 25-jährige Grafiker. Seinen Entscheid, in der Schweiz sein Glück zu suchen, hat er vor Monaten getroffen, lange vor dem Machtwechsel im Elysée. «Wie wäre es», sagte er damals zu einem Kollegen, «wenn wir im Ausland arbeiten würden?»
Zwei Monate später war sein Kollege weg. Dieser, ein Elektriker, war zwei Jahre lang arbeitslos. Dann fand er einen Job – als Chauffeur. Er kämpfte sich durch den Pariser Stadtverkehr. Der tägliche Stress setzte ihm zu, was er gelernt hatte, spielte keine Rolle mehr. In einer Bieler Uhrenfirma fand er schliesslich eine Stelle als Graveur. «Mein Kollege ist rundum zufrieden. «Er verdient gut, er kann sich entwickeln», sagt Maxime Delbois-Renaude. Seine eigene Zukunft stellt er sich genauso vor.
Risiko, um weiterzukommen
Der 25-Jährige präsentiert sich in Lausanne für ein Studium in Kommunikation, Marketing und Verkauf. Eine vergleichbare Ausbildung gebe es auch in Frankreich, aber nur für Leute mit abgeschlossenem Wirtschaftsgymnasium. «Ich bin Grafiker, habe eine gute Ausbildung», erzählt Maxime Delbois-Renaude. «Seit fünf Jahren arbeite ich für die Filmbranche, verdiene 1500 Euro im Monat, wohne bei meinen Eltern, weil ich allein finanziell kaum über die Runden käme; ich möchte mich entwickeln, mit Auftraggebern und Kunden zu tun haben, aber dazu bekomme ich keine Chance.»
Sowieso gebe es in Paris zu viele Grafiker, selbst internationale Konzerne sparten bei den Werbebudgets und gäben sich mit billiger Qualität zufrieden. Dabei gehört er unter seinesgleichen zu den wenigen Glücklichen: 90 Prozent aus seiner Fachklasse haben das Metier verlassen. «Eine Kollegin», erzählt Maxime Delbois-Renaude, «arbeitet heute als Krankenschwester.»
Der 25-Jährige sagt: «Natürlich macht es mir Angst, Frankreich den Rücken zu kehren, aber ich sage mir: ‹Man muss Risiko eingehen, um im Leben vorwärtszukommen.›» Dass viele Gleichaltrige es ihm gleichtun und wie er in die Schweiz oder nach Deutschland, Schweden, Australien oder die USA auswandern, bestärkt ihn. Auch die Eltern unterstützen ihren Sohn. Der Vater, der in der Hotellerie arbeitet, sagt ihm jeweils: «In den 90er-Jahren fanden wir in Frankreich einfacher Arbeit und hatten mehr Geld zum Leben.» Maxime Delbois-Renaude mag sein Land, hält sich aus der Politik raus. Aber er spürt Stillstand.
Hallyday bleibt in Gstaad
Junge Berufsleute sind die eine, reiche Franzosen die andere Gruppe, die es in die Schweiz zieht. Einer, der schon lange da wohnt, ist der französische Rockstar Johnny Hallyday. Im Dezember 2006 kehrte er Frankreich den Rücken und erklärte den Grund für seine «Steuerflucht» öffentlich: Er wolle seine Steuern nicht mehr dem französischen Fiskus entrichten. Der Kanton Bern lässt Hallyday seitdem pauschal besteuern. Der Musiker darf in der Schweiz im Gegenzug nicht erwerbstätig sein, spart dafür jährlich mehrere Millionen Euro. Während des Wahlkampfs um die französische Präsidentschaft hielt sich hartnäckig das Gerücht, Gstaad weise Hallyday die Tür. «Alles erfunden», sagt Armando Chissalé, Verwaltungsdirektor der Gemeinde Saanen.
Wie gross die Nervosität bei reichen Franzosen tatsächlich ist, weiss der Genfer Anwalt Philippe Kenel, der sich auf die Ansiedlung Pauschalbesteuerter spezialisiert hat. Zwischen Januar und März hatte er fast so viele Aufträge wie sonst in einem ganzen Jahr. Noch bevor sich abzeichnete, dass der Sozialist François Hollande die Präsidentschaftswahlen gewinnen würde, hatte er rund zehn Personen in die Schweiz gebracht, die nun nach hiesigem Recht Steuern zahlen. Kenel nennt drei Gründe dafür: «Erstens haben viele Angst vor zu hohen Steuern; zweitens gibt es nach wie vor Leute mit unversteuertem Vermögen auf einem Schweizer Bankkonto, die eine weitere Schwächung des Bankgeheimnisses befürchten und sich darum zum Umzug entscheiden; drittens ist das Vertrauen in die Eurozone gestört.»
Immer mehr Pauschalbesteuerte
Glaubt man Kenel, ziehen bald mehr Franzosen mit ihrem Geld in die Schweiz. «Viele Kunden warten die Parlamentswahlen vom Juni ab. Gewinnen die Sozialisten erneut, wandern sie wohl aus.» Auch der Genfer Wirtschaftsanwalt Carlo Lombardini geht davon aus, dass weitere reiche Franzosen in die Romandie ziehen. Ob jemand jetzt oder in zwei Monaten komme, spiele steuertechnisch keine Rolle, sagt Lombardini.
Die Anzahl Pauschalbesteuerter steigt in der Romandie kontinuierlich: In der Waadt ist sie von 1123 (1999) auf 1397 (2010) angewachsen, im Kanton Genf stieg die Ziffer im gleichen Zentrum von 514 auf 690. Die Steuereinnahmen nahmen allerdings nicht im gleichen Masse zu. 2010 zahlten die Pauschalbesteuerten 102 Millionen in die Waadtländer und 87,3 Millionen in die Genfer Staatskasse. «Wie viele Pauschalbesteuerte einen französischen Pass haben, darüber führen wir keine Statistik», sagt Roland Godel, Mediensprecher im Finanzdepartement des Kantons Genf.
Villa für 15 Millionen
Er bestätigt aber, dass beim Departement in den letzten Wochen wiederholt Anfragen von Anwälten eingegangen sind, die sich im Auftrag französischer Kunden nach Möglichkeiten für ein neues Steuerdomizil erkundigten. In Genf stelle sich ein anderes Problem, so Godel. Der Markt für Luxusimmobilien sei ausgetrocknet. Vor wenigen Tagen machte die Zeitung «Le Temps» den Fall eines reichen Franzosen publik. Dieser liebäugelte mit der Genferseeregion als neuem Steuerdomizil. Als er allerdings sah, welch bescheidene Villa er sich für 15 Millionen Franken würde kaufen können, änderte er seine Pläne.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.05.2012, 06:16 Uhr
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220 Kommentare
pauschalbesteuerung ist betrug an ehrlichen, steuern bezahlenden schweizern! sollten nicht alle gleich sein vor dem gesetz? und sei es nur das steuergesetz. "unsere" reichen bezahlen so schon verhältnismässig viel zuwenig steuern aber die pauschalbesteuerten sollten wirklich ausgeschafft werden oder normal besteuert werden, denn alles andere ist betrug am volch. Antworten
Zum guten Glück verschwinden die endlich... werden sich die Franzosen sagen. Besser man packt selber an, gewinnt dadurch Unabhängigkeit von den Reichen anstatt ewig den Steuersenkungen nach zu hecheln und zu hoffen das was vom Tisch fällt. Die nehmen eh nur und geben nichts zurück noch setzten diese sich für egalitäre Gesellschaften mit bürgerlichen Freiheiten und Rechten ein. Antworten
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