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Simon Knopf
Redaktor News


«Nicolas Sarkozy wird davon profitieren können»

Aktualisiert am 22.03.2012

Die Taten des Serien-Attentäters schockieren ganz Frankreich. Der Politologe Jean-Yves Camus schätzt gegenüber DerBund.ch/Newsnet die gesellschaftliche Dimension der Vorkommnisse ein.

1/20 Die Spuren der Schiesserei sind gut sichtbar: Ein Polizist des Raid-Kommandos besichtigt die Wohnung von Mohammed Merah in Toulouse. (23. März 2012)
Bild: Keystone

   

Jean-Yves Camus ist Politologe in Frankreich. Er ist für das Institut de Relations Internationales et Strategiques in Paris tätig. Sein Fachgebiet ist der Nationalismus und Extremismus in Europa. Jüngst veröffentlichte er das Buch «The Extreme Right in Europe». (Bild: zvg)

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Toulouse: Elitepolizei erschiesst Serienattentäter

Toulouse: Elitepolizei erschiesst Serienattentäter
Der mutmassliche Attentäter von Toulouse ist tot. Mohammed Merah stirbt bei einem Gefecht mit den Spezialeinheiten der Polizei.

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Seit 9/11 haben viele westliche Länder ihre Bemühungen, möglichen Terroristen auf die Spur zu kommen, massiv verstärkt. Offensichtlich war auch Mohammed Merah nicht gänzlich unbekannt. Weshalb konnte er seine Taten trotzdem durchführen?
Seit 9/11 werden generell alle Leute, die nach Afghanistan, Pakistan oder Somalia gehen, überwacht. Als die französischen Behörden heute bekannt gegeben haben, dass sie über den Aufenthalt von Mohammed Merah in Afghanistan und Pakistan Bescheid wussten, wollten sie vermutlich durchblicken lassen, dass sie nicht vollends im Dunkeln tappten.

Trotzdem: Hat die Polizei in diesem Fall versagt?
Man muss sehen: Es ist einfach, ein Netzwerk zu überwachen. Dafür hat die Polizei die erforderlichen Mittel. Das Problem ist nun aber, dass es sich beim mutmasslichen Täter von Toulouse möglicherweise um jemanden handelt, der sich nur im Kreis kleiner Zellen bewegte. Zellen, die keine oder nur geringe Verbindungen zu etablierten Bewegungen haben. Es könnte sich also schlicht um einen «lone wolf» («einsamer Wolf», Anm. d. Red.) handeln, der Fahndern durch die Maschen ging.

Marine Le Pen sagte, Frankreich habe die Bedrohung durch Fundamentalisten unterschätzt. Sehen Sie das auch so oder betreibt Le Pen Angstmacherei?
Marine Le Pen hat am Morgen bereits den Krieg gegen fundamentalistische Gruppen gefordert. Doch es gibt Anzeichen, dass der Täter aus dem Umfeld des Jihadi kommt. Diese Bewegung wird vom Geheimdienst streng beobachtet. Die Tatsache, dass Innenminister Claude Guéant überhaupt etwas zu der Person sagen konnte, bedeutet, dass der Staat nicht ganz tatenlos war. Nun, Le Pen wird sagen, es sei dennoch nicht genug getan worden. Man muss sich Folgendes fragen: Wie soll denn ein Krieg gegen den Fundamentalismus geführt werden? Man kann nicht mehr unternehmen, als von dieser und der vorherigen Regierung bereits getan wurde. Wir leben immerhin noch in einer Demokratie, wir haben eine Verfassung, wir haben Bürgerrechte. Wir haben ja seit 9/11 bereits neue Gesetze, die es den Vollzugsbehörden erlauben, einen grösseren Druck auf verschiedene radikale Gruppierungen auszuüben. Was will man mehr tun? Wir wollen ja schlussendlich doch frei bleiben.

Zu den ersten Opfern gehörten Soldaten, die selber nordafrikanische Wurzeln hatten. Weshalb wird das plötzlich nicht mehr thematisiert?
Das stimmt. Zwei Soldaten stammen aus Nordafrika, einer aus der französischen Karibik. Das ist jedoch für einen Jihadisten bei weitem kein Widerspruch. Die Soldaten dienten in einer französischen Eliteeinheit, die auch in Afghanistan im Einsatz war. Für ihn sind sie also schlicht Verräter. Aber ich bin mit Ihnen einig, dass dieser Aspekt in der Öffentlichkeit zu wenig thematisiert wurde. So viel ich weiss, ist es das erste Mal in der jüngeren Geschichte, dass Soldaten, die unter Nato-Flagge gekämpft haben, im Zufallsprinzip durch einen Einzeltäter getötet werden.

Wie steht es um das allgemeine Verhältnis von Frankreich zu nichtchristlichen Religionen?
So wie ich das sehe, ist die französische Gesellschaft besorgt über den Stellenwert von Religion in nichtchristlichen Gemeinschaften. Es gibt definitiv ein Unbehagen in der Bevölkerung sowohl gegenüber dem Islam als auch gegenüber dem Judentum. Das kommt wohl daher, dass ein grosser Anteil von Ausländern in Frankreich aus den ehemaligen Kolonien stammt. Sprich aus Nordafrika. Die Mehrheit der Bevölkerung ist auf jeden Fall nicht antisemitisch. Dennoch gibt es viele Vorurteile gegenüber Muslimen und Juden, die, so denke ich, auf den katholischen Hintergrund des Landes zurückzuführen sind. Ich bin selber Jude und ich sehe, wie Frankreich nichts über das Judentum weiss. Da werden Israelis und französische Juden in einen Topf geworfen. Ebenso französische Juden und Zionisten. Alles ist eine Kategorie.

Wie denken Sie wird Frankreichs Bevölkerung langfristig auf die Vorfälle reagieren?
Ich denke, dass es für so eine Einschätzung noch zu früh ist. Das ist vom Ausgang der Geschehnisse in Toulouse abhängig. Es ist auch davon abhängig, ob Mohammed Merah gefasst wird und dann beispielsweise eine signifikante Aussage macht. Was aber sicherlich für Unsicherheit sorgen wird, könnte die Tatsache sein, dass dieser Täter wie der durchschnittliche Nachbar aussieht.

Wie wird sich dieser Vorfall auf den Wahlkampf auswirken?
Das wird vermutlich vor allem Marine Le Pen zugutekommen. Aber ich denke auch Nicolas Sarkozy wird davon profitieren können. Er ist bekannt dafür, dass ihm Recht und Ordnung sehr am Herzen liegen. Er gilt ebenfalls als ein Politiker, dem ein strikter und korrekter Ablauf in Bereichen der Immigration sehr wichtig ist. Das wird für manche Stimmbürger nun womöglich das entscheidende Kriterium sein. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.03.2012, 17:45 Uhr

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