Ausland

Nichtstuer-Generation gefährdet Italien

Von Nina Merli. Aktualisiert am 13.07.2011 194 Kommentare

Keine Arbeit, keine Ausbildung – kein Bock: Fast ein Viertel der italienischen Jugendlichen geht keiner Beschäftigung nach – und bereitet mit seiner Passivität Eltern und Staat grosse Sorgen.

Jugendliche in Mailand: 22 Prozent der unter Dreissigjährigen haben keinen Job und gehen auch nicht zur Schule.

Jugendliche in Mailand: 22 Prozent der unter Dreissigjährigen haben keinen Job und gehen auch nicht zur Schule.
Bild: Reuters

Unterschiedliche Neet-Typen

Japan hat die Problematik der Neet-Generation bereits vor einigen Jahren erkannt und untersucht. Reiko Kosugi vom Japan Institut for Labor Policy and Training hat die Neets in vier verschiedene Typen unterteilt:

- Der antisoziale und hedonistische Neet, der aus Bequemlichkeit sich entscheidet, nicht zu arbeiten.

- Der zurückgezogene Neet, der nicht in der Lage ist, sich gesellschaftlich zu integrieren, und sich immer mehr abkapselt.

- Der paralysierte Neet, der zu viel über alles nachdenkt, bevor er nach einer Beschäftigung sucht und am Ende in Passivität endet.

- Der entzauberte Neet, der bereits eine Beschäftigung hatte, diese aber verlor oder aufgab und kein Vertrauen mehr in die Arbeitswelt hat.

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Italien steckt mitten in der Eurokrise und droht von seinem Schuldenberg erdrückt zu werden. 1,84 Billionen Euro – damit ist Italien allein für fast einen Viertel der Staatsschulden aller 17 Euroländer verantwortlich. Die ohnehin schon angespannte Situation im Bel Paese wird durch ein weiteres immer grösser werdendes Problem erschwert: dem Boom der sogenannten «Neet-Generation», den Nichtstuern.

«Neet» steht für «Not in Education, Employment or Training» und bezeichnet jene Gruppe von Jungen im Alter von 15 bis 29 Jahren, die keine Schule besuchen, keinen Job haben, sich auch in keinem beruflichen Weiterbildungsprogramm befinden oder sich aktiv um einen Job bemühen. Sie tun gar nichts. Leben bei ihren Eltern, schlafen lange aus, sind lethargisch, gefangen in ihrer Passivität und dümpeln von einem Tag zum nächsten. Ein Zustand, der Eltern an den Rand der Verzweiflung bringt.

Die Neets machen 22 Prozent der italienischen Jugendlichen aus

Die vor kurzem veröffentlichten Zahlen des Istat (Nationales Amt für Statistik) zeichnen ein düsteres Bild: Über zwei Millionen junge Italiener gelten momentan als Neet, das sind 134'000 mehr als vor einem Jahr. Italien hat damit Spanien, das bisher an der Spitze dieser traurigen Liste stand, den Rang abgelaufen. Die jugendliche Passivität hat bei weitem nichts mit dem berühmten dolce far niente zu tun. Auch kann man den Jugendlichen nicht vorwerfen, selber für diese Lethargie verantwortlich zu sein. Denn oft ist es der italienische Arbeitsmarkt, der es den Jungen unmöglich macht, sich in die Arbeitswelt zu integrieren.

Viele Arbeitgeber bieten vor allem Schul- oder Studienabgängern nur befristete Arbeitsverträge an, um auf diese Weise bei den Sozialabgaben zu sparen. Arbeitswillige Jugendliche sind somit gezwungen, von einem Gelegenheitsjob zum nächsten zu gehen, und mit jedem Wechsel sinkt die Motivation und das Vertrauen in die Arbeitswelt. Viel Platz für optimistisches Denken bleibt nicht: So haben 57,7 Prozent der männlichen Neets aufgehört, nach einer Stelle zu suchen, und 72 Prozent der weiblichen Neets haben sich damit abgefunden, ein Leben lang arbeitslos zu bleiben. Dies zeigen Umfragen des italienischen Arbeitsministeriums, das – aufgeschreckt von den Statistiken – versucht, der Problematik auf den Grund zu gehen.

Rosalia Tuccinardi ist eine von diesen 72 Prozent. Die Römerin hat vor drei Jahren mit Bestnote ihr Soziologiestudium an der Universität La Sapienza abgeschlossen. «Am Anfang habe ich pro Woche etwa 25 Bewerbungen verschickt – in ganz Italien», sagt die 28-Jährige, «meine Joberwartungen sind laufend gesunken.» Sie habe schnell gemerkt, dass sie als Soziologin praktisch keine Chance hatte, doch als sie auch als Kassiererin im Kino, Bibliothekshilfskraft oder Telefonmarketing-Mitarbeiterin abblitzte, habe sie irgendwann «keinen Bock» mehr auf Arbeitssuche gehabt. «Ich habe als eine der Besten meines Jahrgangs abgeschlossen, ich spreche fliessend Englisch und Französisch und habe ein Austauschjahr in Brüssel absolviert, aber das interessiert niemanden.» Vor einem Jahr etwa hat sie die Suche aufgegeben, hütet ab und zu die Kinder ihrer Schwester, manchmal, ganz selten, kann sie als Hostess an Kongressen arbeiten – natürlich schwarz.

Ein Drama für Italien

Susanna Camusso, Generaldirektorin des CGIL, der grössten italienischen Gewerkschaftsorganisation, spricht von einem «Drama für Italien». In einem Interview mit der Tageszeitung «La Reppubblica» gibt sie sich angesichts der veröffentlichten Zahlen alarmiert: «Wir reden hier nicht von einem gesellschaftlichen Phänomen, sondern von einem regelrechten Drama für unser Land.» Den grössten Handlungsbedarf sieht Camusso bei den ganz Jungen, den 15- bis 17-Jährigen. Sie seien mit dem Credo aufgewachsen, dass es sich nicht lohne, zur Schule zu gehen, weil ohnehin keine Arbeit vorhanden sei. Wozu sich also anstrengen? Kein Wunder, hätten die Jungen eine No-Future-Haltung verinnerlicht, wenn niemand sie ermutige. Das Neet-Phänomen sei keine «Form von jugendlicher Rebellion», so Camusso, «sondern Resignation. Eine Abkapselung von einer Welt, die dir keine Möglichkeiten bietet. Für die Verantwortlichen ist das eine inakzeptable Tatsache.»

Die steigende Arbeitslosigkeit Italiens hat eine weitere, ebenfalls bedenkliche Konsequenz zur Folge: Immer mehr junge Italiener ziehen ins Ausland, weil dort die Chancen auf einen Job grösser sind. Über die Hälfte der rund 4 Millionen Auslanditaliener ist jünger als 35. Dabei hätte Italien diese Arbeitskraft dringend nötig, um die eigene Wirtschaft anzukurbeln. Susanna Camusso sieht einen «dringenden Handlungsbedarf». Auf die Frage, ob Möglichkeiten bestünden, diesen Trend zu stoppen, hat aber auch sie keinen konkreten Lösungsvorschlag: «Es muss etwas geschehen.» Die Auffassung, dass man ins Ausland gehen muss, um seine Träume zu verwirklichen, dürfe sich nicht weiter vertiefen. Rosalia Tuccinardis Cousin ist vor neun Monaten nach England ausgewandert, der Programmierer arbeitet dort bei einer Telekommunikationsfirma, kann sich sogar eine kleine Wohnung leisten. Die Soziologin wird ihn im August besuchen, um «einfach mal zu schauen, wie es sich in London anfühlt». (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.07.2011, 15:32 Uhr

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194 Kommentare

Peter Hofstetter

14.07.2011, 07:51 Uhr
Melden 152 Empfehlung

Bedauern hält sich in Grenzen. Soziologie. Jeder sollte wissen, dass es keinen Job gibt. Ebenso Psychologie, Europäistik, Kunstgeschichte usw. usf. Leider müssen die Azubis lernen, nicht nur in Italien, dass man das studieren und lernen muss, was es braucht, und nicht was einem so gefällt. Hätte auch lieber einen anderen Beruf erlernt ... Antworten


Christoph Fehr

14.07.2011, 09:49 Uhr
Melden 117 Empfehlung

Das Problem ist die Ver-akademisierung der Bildung. Jeder macht ein Uni-Studium, mit dessen Abschluss er auf dem Arbeitsmarkt keinen Chancen hat. Berufsbildung wie in der Schweiz gibt es nicht. In Italien einen guten Handwerker zu finden ist schwierig. Diese Fachkräfte verdienen x-mal mehr als Studierte, nur haben diese Berufe keinen Prestigewert. Lieber armer "Dottore" als reicher "Idraulico". Antworten



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