Mussolinis neue Bewunderer
Von Luciano Ferrari. Aktualisiert am 26.04.2010
Stichworte
Über die Verharmlosung des Faschismus und den leichtfertigen Umgang mit diesem brutalen und dunklen Kapitel der italienischen Geschichte machen sich auch in Italien kritische Historiker und Intellektuelle keine Illusionen. In seinem Essay «Was ist ein Italiener?» stellt der Schriftsteller Andrea Camilleri unverblümt fest: «Der Faschismus ist ein Phönix, der es nicht nötig hatte, in Asche zu zerfallen, um sich neu zu erheben.»
Kein Jahr nach dem Fall des Faschismus wurde in Italien die neofaschistische Folgepartei Movimento Sociale Italiano (MSI) gegründet – und bereits 1948 zog sie ins italienische Parlament ein. «Ausgesprochen faschistische Äusserungen werden immer häufiger», klagt Camilleri, «vom Römischen Gruss in den Fussballstadien bis zu gewalttätigen Angriffen auf jugendliche Linke, auf Obdachlose und auf Ausländer.» Längst beschränkt sich die «Faschismusapologie» nicht mehr auf die Stadien: In seinem Buch zeigt der Luzerner Historiker Aram Mattioli eine Fotografie der Tourismusministerin Michela Brambilla, wie sie bei einem Carabinieri-Fest im Mai 2009 mit ausgestrecktem Arm, dem Römischen Gruss, die italienische Hymne singt.
Italien vergisst schnell
«Italien ist zu einem Land ohne historisches Gedächtnis geworden», schreibt Mattioli in seiner Untersuchung über die Aufwertung des Faschismus im Italien Berlusconis. Camilleri hat auch hier eine griffige Formel gefunden: «Die Italiener haben keinen Sinn für Geschichte, höchstens für Histörchen. Wenn Geschichte wirklich die Lehrmeisterin des Lebens sein sollte, ist sie es in einer Schule, die die Italiener nie besucht haben. Die einzige Geschichte, die der Italiener wirklich bis in alle Einzelheiten kennt, ist die des Fussballs.»
Woher kommt die mittlerweile etablierte Tendenz im Land, die Mussolini-Diktatur zu banalisieren, aufzuwerten und teilweise sogar zu rehabilitieren? Mattioli geht dieser Frage gründlich und sorgfältig nach. Er verweist auf die Wegbereiter, jene Historiker, die den Faschismus als «Rosenwasserdiktatur» weichzuzeichnen versuchten. Und dabei unterschlugen, dass das faschistische Italien mit Terror, Konzentrationslagern und Massenvernichtungswaffen mindestens eine Million Menschen auf dem Gewissen hat. Mit beispielloser Gewalt wütete das Regime in Afrika oder auf dem Balkan.
Schleusenöffner Berlusconi
Camilleri erklärt die aktuelle Faschismus-Nostalgie mit der Sehnsucht nach einer geeinten Nation: «Es war in der Zeit des Faschismus, als die grösste Anstrengung, eine nationale Einheit herzustellen, unternommen wurde. Man ging vor allem gegen die Dialekte vor, deren Gebrauch in der Schule, im öffentlichen Dienst, im Theater und im Kino streng untersagt wurde.» In Zeiten der Globalisierung sehnen sich viele Italiener zurück in eine Zeit der staatlich verordneten nationalen Einheit und Volkskultur: «Den Italienern gefielen am Faschismus viele Sachen, darunter das Autoritäre, die Entscheidungsfreudigkeit, das «me ne frego» («ist mir doch egal»), das Machotum und die Einführung von Uniformen, die eine gewisse Nivellierung der Klassenunterschiede gestattete.»
Für Mattioli steht hingegen fest, dass erst der Einstieg von Silvio Berlusconi in die italienische Politik mit dem Wahlsieg 1994 dafür hauptverantwortlich ist, dass Italien in Westeuropa auf einen Sonderweg geriet: «Der grosse Schleusenöffner liess es geschehen, dass heute nicht nur Rechtsextremisten die angeblich positiven Seiten der faschistischen Diktatur und der Kollaboration mit Nazi-Deutschland hervorheben können.»
Berlusconis packt mit dem Teufel
Dabei ist für den Luzerner Geschichtsprofessor klar, dass Berlusconi kein Faschist ist. Vielmehr sei er ein «Mann ohne Berührungsängste», einer, der um der Macht willen mit dem Teufel paktieren würde. Konkret handelte es sich um die extreme Rechte, den MSI, das politische Schmuddelkind der Nation, das er 1994 in sein Wahlbündnis holte und damit hof- und salonfähig machte – wohlgemerkt, bevor sich die Bewegung vom Erbe des Faschismus distanziert hatte. Der MSI löste sich erst 1995 auf und verwandelte sich in die demokratische Rechtspartei Alleanza Nazionale, die wiederum 2009 zur Selbstauflösung schritt und in Berlusconis Sammelpartei «Popolo della Libertà» (PdL) aufging.
Weshalb aber erwuchs Berlusconi so wenig Widerstand, als er sich zum Katalysator für die Verharmlosung des Faschismus machte? Wie Mattioli richtig festhält, ist dafür die in Italien verpasste Aufarbeitung der faschistischen Vergangenheit und Kollaboration mit Nazi-Deutschland verantwortlich.
Italien hatte es nach dem Zweiten Weltkrieg eilig, sich selber als aus dem Widerstand (der Resistenza) geborene Republik zu definieren. Es kam deshalb nie zu einem internationalen Tribunal gegen italienische Kriegsverbrecher. Im Gegenteil, es war ausgerechnet der kommunistische Justizminister Palmiro Togliatti, der bereits 1946 eine Generalamnestie für rechtskräftig verurteilte Faschisten verfügte. «Der zu rasch gezogene Schlussstrich verhinderte, dass ein wirkliches Schuldbewusstsein für Mussolinis Verbrechen entstehen konnte», so Mattioli.
Allerdings bleibt dabei oft unerwähnt, weshalb sich die Linke, allen voran der wählerstarke Partito Communista Italiano (PCI), auf diesen Kompromiss einliess. Es ging in diesen turbulenten Anfangsjahren nach dem Zweiten Weltkrieg darum, einen Bürgerkrieg zwischen linken und rechten Partisanengruppen, zwischen Kirche, Bürgertum und Arbeiterschaft zu verhindern. Allerdings blieb die kommunistische Linke trotz dieser Kompromissbereitschaft, trotz des gemeinsamen Bezugs auf den Widerstand, während der ganzen Nachkriegszeit von der Macht ausgeschlossen. In immer halsbrecherischen Koalitionen blieb die Democrazia Cristiana (DC) bis zum Kollaps der ersten Republik im Parteispendenskandal Tangentopoli von 1993/94 an der Regierung. Ihr Zusammenbruch ebnete erst Berlusconi den Weg – und damit der extremen Rechten.
Selbstüberschätzung Italiens
Wie entscheidend die unmittelbare Nachkriegszeit für die Selbstdefinition einer Nation ist, hat Peter Sloterdijk in seiner «Theorie der Nachkriegszeiten» analysiert. Auf faszinierende Weise hat er dargelegt, «in welchem Mass die Interpretation der Kriegsresultate durch die kriegsführenden Einheiten für deren Selbstkonzepte ausschlaggebend sind». Sloterdijk erklärt dabei bereits die Entstehung und den Erfolg des italienischen Faschismus aus der Zweideutigkeit der Situation Italiens nach dem Ersten Weltkrieg. Das Land war im August 1914 aus der Allianz mit Deutschland und Österreich-Ungarn ausgetreten und hatte 1915 rechtzeitig die Seiten gewechselt, indem es sich den Alliierten anschloss. Italien fand sich so trotz militärisch vernichtender Niederlagen am Ende im Lager der Sieger wieder. Das habe zu einer historisch verheerenden «Selbstüberschätzung» geführt, die in den Faschismus mündete, so Sloterdijk. Merkwürdigerweise ergab sich am Ende des Zweiten Weltkriegs fast die gleiche Konstellation. Auch jetzt war nach der Ermordung von Mussolini durch italienische Partisanen nicht mehr klar auseinanderzuhalten, wer eigentlich Sieger und wer Besiegte waren.
Mattioli zieht aus der gegenwärtigen Aufwertung des Faschismus keine alarmistischen Schlüsse. Vielmehr fordert er dazu auf, genauer hinzuschauen, die Rehabilitierung der Diktatur nicht einfach hinzunehmen, die Klischees über Italien beiseitezulassen und das Land nüchtern und realistisch zu betrachten. Aber auch die autoritären Tendenzen, das nervöse Kraftbewusstsein sowie das vergiftete politische Klima als «Gefahr für ein zivilisiertes Zusammenleben» ernst zu nehmen.
Aram Mattioli: Viva Mussolini. Die Aufwertung des Faschismus im Italien Berlusconis. Schöningh, Paderdorn 2010. 201 S., ca. 37 Fr.
Andrea Camilleri: Was ist ein Italiener?, Wagenbach, Berlin 2010. 74 S., ca. 18 Fr.
Peter Sloterdijk, Theorie der Nachkriegszeiten. Suhrkamp, Berlin 2010, 72 S., ca. 13 Fr.
()
Erstellt: 25.04.2010, 23:02 Uhr




Die Welt in Bildern















































