Moskau, atemlos
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Wirklich passend wirkt im Gorkipark nur der Brontosaurier. Mit künstlichen Mausaugen blinzelt er durch die staubigen Baumkronen und wackelt ab und zu mit dem elektrischen Unterkiefer, während ein paar Meter tiefer leere Boote vorbeiziehen. Das «Afrikanische Abenteuer» mit Dinosauriern und Plastikelefanten gehört zu den wenigen Zerstreuungen, die der Gorkipark derzeit zu bieten hat. Zehn Meter weiter wartet ein echtes Pony auf Kundschaft.
Der Springbrunnen spuckt Fontänen zu Tangomusik. Aber die Achterbahn, die Hüpfburgen, die Becken mit den fahrbaren Plastikkugeln, die trashigen Fressstände, die Lautsprecher mit Phonzahlen wie eine startende Concorde, alles das, wofür sich die Moskauer an Tagen wie diesen zu Tausenden zwischen den Blumenrabatten drängen, ist ausser Betrieb. Still und verlassen liegt der Gorkipark, als wäre kein Brontosaurus, sondern Godzilla selbst am Riesenrad vorbeigetrampelt. Aber was heisst schon an Tagen wie diesen?
Hoffen, dass der Wind dreht
Moskau erstickt, Moskau schwitzt sich zu Tode, Moskau liegt seit Wochen unter giftigem Nebel, der sich nur für Stunden hebt, in denen die Menschen nachsehen, ob alles noch steht, bevor sich der Fallout von den Torffeuern und Waldbränden wieder über die Dächer der Kapitale senkt. Am Dienstag haben rund um Moskau noch immer 37 Feuer gebrannt, und das gilt bereits als Erfolg.
Am Montag wurden 50 Brände gelöscht. Bis Ende der Woche werde man die letzten Flammen erstickt haben, hat Katastrophenschutzminister Sergei Schojgu versprochen. Aber das war am Wochenende. Der Wind werde drehen und den Qualm stadtauswärts wehen, sagen die Meteorologen voraus. Abkühlung versprechen sie nicht.
Prognosen. Vermutungen. Schall und Rauch.
Und trotzdem kein Grund für Olga Kaljewa, das Leben einzustellen, zumal die Neffen zu Besuch sind. Wowa ist zwölf, Slawa neun, morgen fahren beide nach Hause, nach Nowosibirsk. Und da sollen sie heute in der Wohnung sitzen? Dann doch lieber in den Gorkipark. Olga Kaljewa ist Geologin, sie arbeitet im staatlichen Institut für Mineralogie in einem klimatisierten Büro, und auch deshalb hat sie es in den vergangenen Wochen in Moskau ausgehalten. Als Wissenschaftlerin hat sie einen anderen, professionellen Blick auf das Feuer. Kam die Hitze wirklich überraschend? Die Trockenheit? Die Brände? «Nun ja», sagt sie bissig, «bei uns kommt ja alles immer überraschend. Der Schnee im Winter, der nicht geräumt werden kann, die Hitze im August, die den Torf in Brand setzt. Dabei stehen die Wälder jedes Jahr in Flammen, und von einem heissen Sommer war schon im Januar die Rede.
Aber ist es dann wirklich eine gute Idee, zwei Kinder durch eine Kohlenmonoxidkonzentration zu schleppen, die Blumen welken und Vögel taumeln lässt? «Die Karussells sollen später am Tag wieder öffnen, so lange warten wir.»
Im August ist Moskau leer
Nun, die Stadt hat Schlimmeres erlebt. Am Montagmorgen lag die Sicht bei 200 Metern, Autos krochen durch die trübe Stadt, und die goldenen Kuppeln des Nowodewitschi-Klosters an der Moskwa leuchteten schwach wie verlöschende Kerzen ans andere Ufer.
Moskau leert sich immer im August. Die Menschen fahren ins Ausland oder erholen sich auf der Datscha, russische Kinder haben monatelang Ferien. Im August sind die Strassen frei, und in der Metro kann man atmen, im August ist Moskau so, wie es die Moskauer gern immer hätten. Manche freuen sich das ganze Jahr auf den August. Anderseits ist der August der Katastrophenmonat; der Putsch gegen Gorbatschow, der Untergang des Atom-U-Bootes Kursk, der Krieg gegen Georgien fielen in diese Zeit. Manche fürchten sich das ganze Jahr vor dem August. Diesmal hatten sie wieder recht.
Der Smog hat die Menschen von den Terrassen der Restaurants und den Bänken an den Teichen vertrieben, er sperrt sie in ihre Häuser und kriecht ihnen dann hinterher durch die Müllschächte und die Badezimmerlüftung, dringt in die Metroschächte und in die Klimaanlagen von Flughäfen und Einkaufszentren.
Der Stadt fehlt die Vertikale
Noch vor ein paar Wochen sind viele Menschen nachts spazieren gegangen, um der Hitze in den Wohnungen zu entkommen. Seit die Stadt unter einer Giftwolke liegt, geht auch das nicht mehr. Der Smog hat zehn Millionen Menschen in verrotzte Zombies mit tränenden Augen und dem Geschmack rostiger Nägel auf den Lippen verwandelt.
Von den Sperlingsbergen an der Universität, Moskaus Kodak-Point, der bei keiner Stadtführung fehlt, sieht man unter einer roten stecknadelkopfgrossen Sonne schemenhaft die UFO-Silhouette des Luschniki-Stadions. Der Rest ist nur zu erahnen. Die Bankentürme, die Stalin-Hochhäuser, selbst das Businesszentrum Moscow City, dessen verspiegelte Wolkenkratzer sonst die Stadt zu ihren Füssen glatt verzwergen lassen, sind wie verschluckt. Moskaus Topografie sind die Vertikalen abhanden gekommen. Optisch hat das Feuer die russische Hauptstadt um Jahrzehnte zurückgeworfen.
Für Apokalyptiker sind das glückliche Tage, für die Feinde der Stadt, die Moskau sowieso für zu gross, zu voll, zu teuer und schlechterdings nicht bewohnbar halten. Mit oder ohne Giftwolke sei Moskau der «am wenigsten lebenswerte Ort der Welt», eine riesige Schlafstadt, erträglich nur zum Geldverdienen, aber sonst die Hölle, hetzte die Online-Zeitung «gaseta.ru».
Was hilft gegen die Hitze?
Als Moskau 1812 abbrannte und Napoleon fassungslos in die lodernde eroberte Stadt sah, da sei dies «einer der dramatischsten Momente» der Geschichte gewesen. Selbst als die Bolschewiken Kathedralen abrissen, ging es immerhin um die lichte Zukunft der Menschheit. Heute aber fielen historische Bauten in Moskau zu Dutzenden einer gierigen geschichtsvergessenen Baubranche zum Opfer, hinzu komme «eine Natur wie in Tschernobyl und der tägliche Verkehrskollaps» – nein, es steht nicht gut um Moskau. Der Schriftsteller und politische Krawallmacher Eduard Limonow hatte schon vor Wochen vorgeschlagen, man solle die Hauptstadt einfach aufgeben und an anderer Stelle neu gründen, ein Brasilia in Südsibirien. Plötzlich klingt das ganz plausibel.
Bis es so weit ist, findet Natalja Suchanowa allerdings erst mal Asyl im Sozialzentrum Mosfilmowski, einem Souterrain in der Nähe der deutschen Botschaft, die in ihrer Not erst mal die eigenen Diplomaten evakuiert hat. Natalja Suchanowa wird nicht evakuiert, und deshalb ist sie dankbar, dass es das Mosfilmowski gibt. Mit 59 ist sie seit vier Jahren pensioniert, hat weder Mann noch Kinder und würde allein zu Hause glatt verrückt: «Hier beraten wir, ob eher kalte Bäder gegen die Hitze helfen oder ein nasses Handtuch auf dem Kopf. So lenken wir uns ab.» Bei der letzten Katastrophe dieses Kalibers im Sommer 1972 hatte sie diese Betreuung nicht nötig, da arbeitete sie als Informatikerin und war den ganzen Tag beschäftigt. Dabei brannten die Torffelder damals bis Ende September, über 100 Menschen starben, erst nach einem Monat soll Breschnew Panzer geschickt haben und später Witze über Alkoholiker gerissen haben, denen wohl der Boden unter den Füssen brenne. Aber das alles haben diejenigen, die heute von der effektiven sowjetischen Forstwirtschaft schwärmen, als es auf den Dörfern noch Löschteiche und Feueräxte, Förster und Schläuche gab, irgendwie verdrängt.
Doppelt so viele Tote wie sonst
Das Mosfilmowski jedenfalls ist ein Segen, Kinder bringen ihre alten Eltern her, bevor sie selbst aus der Stadt flüchten, eine Psychologin telefoniert mit verängstigen Alten, die in leeren Häusern sitzen und Angst haben, dass sie die nächsten Tage nicht überleben werden und niemand sie findet. Die städtische Gesundheitsbehörde hat angegeben, dass pro Tag 700 Menschen in Moskau sterben, fast doppelt so viele wie sonst. Die russische Gesundheitsministerin Tatjana Golikowa hat diese Zahlen angezweifelt, insgesamt sei die Sterblichkeit in Moskau eher gesunken.
Im Mosfilmowski gab es bislang keine Ausfälle, dafür eine Teestunde und ab und zu Karaoke, wenn auch keine Klimaanlage, jedenfalls keine, die funktioniert, obwohl sich die Moskauer in diesen Sozialzentren auf Einladung der Stadt eigentlich von der Hitze erholen sollen. «Letzte Woche hat die Behörde vier Klimaanlagen vorbeigebracht, aber eingebaut werden sie erst Mitte September», sagt die Vizedirektorin Nina Rodionowa. Sie ist ohnehin nicht besonders gut auf die russische Führung zu sprechen. «Die haben sich doch ewig Zeit gelassen, bis die Löscharbeiten richtig angelaufen sind», giftet sie, «denen ist es doch egal, wie es uns geht.»
Gäbe es nicht die Moskauer, die im Mosfilmowski kistenweise Kleider, Geschirr und Kinderbetten für die Brandopfer im Umland spenden, das Unglück wäre kaum auszuhalten. Man müsse sich nur den Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow ansehen. Erst am Sonntag habe er seine Ferien in den Alpen abgebrochen, um seiner bedrängten Stadt beizustehen. «An dem geht wieder alles vorbei», faucht Rodionowa und kommt gerade in Fahrt, aber da unterbricht sie vom Tisch gegenüber Grigori Barseggen, der Vizeverwaltungsdirektor, der jetzt mal wissen will, welche Tendenz der Artikel überhaupt haben werde, und dann diktiert, was seiner Meinung nach hineingehört: «Schreiben Sie: Das Volk ist optimistisch, es verfällt nicht in Panik. Und schreiben Sie, dass wir internationale Hilfe brauchen, Löschfahrzeuge, Feuerwehrleute. Bei Ihnen brennt es ja auch mal, wir sollten uns gegenseitig unterstützen.»
Mit dieser Vorsicht steht er nicht allein. Die einen hoffen, die anderen bangen, dass die ökologische Katastrophe zur politischen wird. Am Donnerstag will die Opposition in Moskau für den Rücktritt Bürgermeister Luschkows demonstrieren. Und wirkt das Feuer nicht ohnehin wie die Lunte am autoritären System?
Fasten, damit der Regen kommt
Die Beliebtheit von Präsident und Premier ist gefallen, mehr für Dmitri Medwedew als für Wladimir Putin, aber dennoch spürbar. Das Feuer könnte das Fundament des übersteigerten russischen Zentralismus zerfressen, spekulieren die einen. Es könnte, umgekehrt, gerade dessen Beharrungsvermögen beweisen, schreiben die anderen.
Amerikanische Medien haben sich sogar zu der These verstiegen, das Rauch- und Flammendrama entlarve die wahre Natur der russischen Doppelspitze – offenbar sei Medwedew doch nicht so liberal wie gedacht und Putin noch nicht ganz entmachtet. Anderseits liegt der Erkenntnisgewinn dieser Ausführungen etwa auf dem Niveau jenes russischen Wissenschaftlers aus der Stiftung für Strategische Kultur, der von geheimen amerikanischen «Klimawaffen» raunte, mit denen Washington in bestimmten Ländern Hitze, Trockenheit und «abnormale Phänomene» hervorrufen könne. Dagegen wirkte ein Aufruf russischer Geistlicher direkt pragmatisch. Kyrill, das Oberhaupt der Orthodoxen Kirche, solle ein dreitägiges Reinigungsfasten verhängen, um die klimarelevanten Sünden fortzuhungern. Dann werde es wieder regnen.
Das alles sind Sinnstiftungsversuche, wo es keinen Sinn gibt, nur Natur und einen Wahnsinn, der nicht verrückter ist als sonst, nur folgenschwerer.
Am Nachmittag geschieht doch ein Wunder. Ein Regen geht auf die erschöpfte Stadt nieder, ein leichter Schauer nur, aber was für eine Wirkung! Jeder Tropfen reinigt Partikel giftiger Moskauer Luft, ist Atmen, ist Leben. Für eine Sekunde riecht es nach Hoffnung. Dann bricht gleissend die Sonne durch.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.08.2010, 22:07 Uhr
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