Ausland

Moderate Stimmen überwiegen nach vereiteltem Mordanschlag

Von Bruno Kaufmann, Stockholm. Aktualisiert am 04.01.2010

Die dänische Regierung setzt nach dem Angriff auf einen Mohammed-Karikaturisten auf Dialog, die Opposition auf islamfeindliche Töne.

Fünf Jahre sind vergangen, seit eine dänische Regionalzeitung mit der Publikation von zwölf Karikaturen des Propheten Mohammed den Religionsdialog im Königreich und weit darüber hinaus infrage stellte. Die von der Zeitung «Jyllands-Posten» als «Verteidigung der Pressefreiheit» lancierte Aktion vergiftete das gesellschaftliche Klima innerhalb des Landes und die internationalen Beziehungen Dänemarks.

Vor allem auch deshalb, weil der damalige Regierungschef, Anders Fogh Rasmussen, den extremistischen Kräften auf beiden Seiten nicht den Wind aus den Segeln nahm, sondern diesen vielmehr mit seiner Gesprächsverweigerung gegenüber der arabischen Welt als Vorbild diente.

Zahlreiche Opfer

Die Folge: Bei Protesten für und gegen die Zeichnungen starben über hundert Menschen. In Dänemark gewannen nationalkonservative Kräfte, angeführt von der Dänischen Volkspartei, zeitweilig die politische Deutungshoheit und brachten damit das Land zunehmend in Konflikt mit dem Völkerrecht. International dienten die Karikaturen islamistischen Regimen und Terroristen als – so etwa der iranische Präsident Ahmadinejad – Beweis für den «kulturellen Kreuzzug des Westens» gegen den Islam und die islamische Kultur.

Oberflächlich betrachtet haben die Ereignisse der letzten Tage diese Konfliktlage bestätigt: Am Neujahrstag wurde der Karikaturist Kurt Westergaard in seinem Haus von einem 28 Jahre alten Somalier überfallen. Er entging dem Anschlag nur knapp. Westergaard schloss sich in ein speziell gesichertes Zimmer ein und verständigte die Polizei, die den Mann, der den islamistischen Al-Shabab-Milizen in Somalia nahesteht, überwältigen konnte. Der Täter hielt sich als Asylbewerber in Dänemark auf und wurde vom dänischen Geheimdienst seit Monaten überwacht.

Teure Schadensbegrenzung

Tatsächlich weckte der Attentatsversuch zunächst die alten Geister wieder: Pia Kjaersgaard, die Chefin der Dänischen Volkspartei, die Muslime wiederholt als «auszumerzendes Ungeziefer» bezeichnet hatte, forderte sogleich die Verhaftung und Ausweisung somalischer Terroristen und ihrer Angehörigen. In Dänemark leben gut 18'000 aus dem afrikanischen Land stammende Menschen. Umgekehrt publizierte «Jyllands-Posten» sogleich die Erklärung eines Shabab-Sprechers in Mogadiscio, in der das Attentat ausdrücklich gewürdigt wird.

Der Attentatsversuch auf den 74-jährigen Karikaturisten hat aber auch gezeigt, dass die Zeit des billigen Anti-Islamismus zu Ende geht: Allen voran der seit letztem Jahr amtierende Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen machte dies in seiner Neujahrsansprache deutlich: «Unser Erfolg baut auf Impulsen von aussen auf», sagte er und hiess die gute halbe Million Einwohner des Landes, die aus dem «nicht-westlichen Ausland» stammt, in Dänemark ausdrücklich willkommen. «Das dänische Modell ist ein internationales», sagte Rasmussen, der sich dadurch deutlich von seinem Vorgänger mit gleichem Namen – dem heutigen Nato-Generalsekretär – distanzierte, der wiederholt von «uns» (ethnischen Dänen) und «den anderen» (aus dem Ausland stammenden Einwohnern des Landes) gesprochen hatte. Der neue, auf Dialog angelegte Ton löste in breiten Kreisen Zustimmung aus. «Das Jahrzehnt der Angstmacherei ist vorbei», kommentierte die Zeitung «Politiken». Kritik erhielt der Regierungschef wenig überraschend vom rechten Rand: Kjaersgaard bezeichnete Rasmussens Ansprache als «verwirrt», die Zeitung «Jyllands-Posten» sprach von «Naivität» angesichts der «islamistischen Bedrohung».

Milliardenschwere Investitionen

Tatsächlich macht der jüngste Attentatsversuch auf Westergaard deutlich, dass «Dänemark und die Dänen» auch weiterhin ein «mögliches Ziel terroristischer Kräfte» bleiben, wie Aussenminister Per Stig Møller am Sonntag sagte. Seit der Publikation der Karikaturen hat das Land Milliarden von Franken in die Schadensbegrenzung investiert. Dazu gehört der Umstand, dass Dutzende Polizisten rund um die Uhr mit der Bewachung möglicher Attentatsopfer im Umfeld der Zeitung «Jyllands-Posten» beschäftigt sind. Dem neuen, versöhnlicheren Ton der Regierung schlossen sich am Wochenende auch islamische und somalische Kreise im Land an. «Wir verurteilen den Anschlag aufs Schärfste», sagte etwa der Sprecher der somalischen Gemeinschaft im Land.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.01.2010, 04:00 Uhr

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