Ausland
Marine Le Pens teuflische Revanche
Von Oliver Meiler. Aktualisiert am 24.04.2012 167 Kommentare
Frankreich hat gewählt (Bild: TA-Grafik ek / Quelle: Französisches Innenministerium)
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«Yes!» Dazu die geballte Faust. Als man Marine Le Pen am Abend ihres grossen Triumphs ein Handydisplay mit den vorläufigen Wahlresultaten vor die Augen hielt, reagierte sie mit dem Reflex der Revanche: «Yes!» Und was für eine Revanche ihr da gelang! Nie zuvor in seiner 40-jährigen Geschichte war der Front National, die Kreatur ihres Vaters Jean-Marie, national stärker als nach der ersten Runde dieser Präsidentschaftswahlen. 17,9 Prozent. 6,4 Millionen Stimmen. Unumstrittene Nummer 3. Im südfranzösischen Département Gard ist sie gar die Nummer 1.
«Marine», wie ihre Anhänger sie nennen, hat sich also bereits bei ihrer ersten Kandidatur einen Vornamen gemacht, sich emanzipiert vom geliebten Vater, ihrem Mentor mit Hang zum Revisionismus und Antisemitismus. Sie hat ihn immer in Schutz genommen, ein Leben lang, gegen alle, die in ihm den Teufel sahen. Während der Kampagne aber hat sie ihn nur selten eingesetzt. Die Gefahr eines Fehltritts des alten Kämpen und Ehrenpräsidenten der Partei war einfach zu gross. Er hätte die Operation seiner Tochter vermasseln können.
Eine Allianz mit dem «Teufel» war bislang tabu
Es ist eine ambitiöse Operation. Marine Le Pen sieht sich als künftige Leaderin einer neuen, nationalistischen Rechten, von der sie glaubt, sie könne die etablierte, bürgerlich-gaullistische Rechte Frankreichs konkurrenzieren, ja sie irgendwann ersetzen. Sie will die politische Landschaft umpflügen und das verschriene System revolutionieren. Und zwar von innen, nicht wie ihr Vater, der eigentlich gar nie rein wollte. Jean-Marie Le Pen gerierte sich immer nur als Opfer des «Systems» und des «Establishments», als Paria der Republik. Die Opferrolle war sein Geschäftsmodell.
Die Tochter hingegen will rein. Sie will Verantwortung. Sie will Sitze im Parlament. Im Moment hat der Front National keine. Im kommenden Juni aber finden Wahlen für die Assemblée Nationale statt, das Unterhaus – ein Testlauf. Das Mehrheitswahlrecht mit zwei Runden war dem FN nie hold: Im 2. Durchgang verbünden sich die Kandidaten der beiden grossen Volksparteien jeweils gegen die Bewerber des FN. Bisher jedenfalls. Eine Allianz mit dem «Teufel» war bislang tabu. Und so verloren die rechtsextremen Kandidaten in den Dreierausmarchungen jeweils selbst dann, wenn sie die bürgerlichen Rivalen überflügelt hatten. Le Pens Ziel ist es, im Juni mindestens 100 Frontisten in die Stichwahl zu bringen und ein Dutzend Mandate zu gewinnen. Doch steht das Tabu bereits zur Disposition?
Marine Le Pen hofft auf einen Sieg der Linken, damit sie die Trümmer der UMP einsammeln kann
Marine Le Pen hat Zeit für ihre Operation. Sie ist erst 43. Am Sonntag beschleunigte sich ihr Aufstieg zwar abrupt. Selbst sie war überrascht vom Resultat. Auch darum dieses: «Yes!» Sie rechnet damit, dass die rechtsbürgerliche Sammelpartei Union pour un Mouvement Populaire (UMP) nach der absehbaren Abwahl von Nicolas Sarkozy explodieren wird. Dass sich die rivalisierenden Chefs zerfleischen werden, wenn die Macht, ihr einziger Kitt, weg sein wird. Dass die Unverträglichkeit zwischen den vielen Seelen der Partei offenbar wird: Rechte Neogaullisten, linke Neogaullisten, Souveränisten, Liberale, Zentristen – Sarkozy hielt sie alle mit strenger Parteidisziplin und mit der Vergabe von Posten auf Kurs. Sie passten aber nie wirklich zusammen.
Und so hofft die rechte Marine Le Pen auf einen Sieg der Linken, einen möglichst deutlichen, damit sie nach einer allfälligen Explosion der UMP die Trümmer einsammeln kann, die am rechten Rand herumliegen werden. Sie findet dort viele Leute, die wie sie denken: Euro- und Europafeinde, Kritiker der Globalisierung, Prediger von Nulltoleranz, Nostalgiker der Todesstrafe. Leute, die wie sie der Meinung sind, dass es zu viele Ausländer habe im Land, inklusive der längst Eingebürgerten, natürlich vor allem Araber. Leute, die ein Problem haben mit dem Islam und den Muslimen – fast grundsätzlich, angeblich im Namen der Laizität des Staates. Wenn Le Pen diese Kräfte hinter sich vereinen kann, gelingt ihr vielleicht sogar ein Hold-up im rechten Lager. Dann liegt sie gleichauf mit der bürgerlichen Rechten.
Marines neuer Aufruf soll nicht so unappetitlich und fremdenfeindlich klingen wie bei Le Pen senior
Sie wird sich also hüten, eine Wahlempfehlung auszugeben für Sarkozy, ihren unfreiwilligen Wahlhelfer. Der hatte nämlich einmal mehr versucht, die Wähler des FN für sich zu gewinnen. Er förderte die Themen des Front National, banalisierte die Sprache der extremen Rechten – als Präsident, aus dem Elysée. Seither schockiert nichts mehr. Auch Le Pen nicht. In Paris tröstete man sich am Montag damit, dass sie «intra muros», also im Zentrum der Hauptstadt, nur auf 6 Prozent kam.
«Nichts wird mehr sein, wie es einmal war», rief sie ihren Fans zu. Sie nennt sie die «unsichtbaren Franzosen», die betrogen würden von den Eliten, ausgeblendet von den Medien. Und sie appellierte an alle «Patrioten, die den französischen Sonderfall lieben». In diesem Aufruf ist viel drin von Marines «neuem FN»: Sie wählt die Worte so, dass die traditionelle Stammkundschaft die alte Botschaft raushört. Doch diese soll nicht so unappetitlich und fremdenfeindlich klingen wie jene von Le Pen senior, damit sie auch neue Wählerschichten erreichen. Der Vater sprach lieber von «nationaler Präferenz» – ohne Furcht vor Anklängen an dunkle Zeiten.
Bekömmlicher verpackt
Bei Marine Le Pen kreist ohnehin vieles nur um Nuancen und Image. Sie hat ein ähnliches Rednertalent wie ihr Vater. Sie donnert auch schon mal, wenn sie eine Passage hervorheben will, hebt das Kinn wie ein Tribun. Dann ähnelt sie ihm ganz stark. Doch sie hat mehr Charme als Jean-Marie Le Pen, gilt als humorvoll und gesellig. Kürzlich, als man sie am Fernsehen um einen Kommentar zu Sarkozy bat, fing sie vor laufender Kamera zu singen an, eine Strophe zur Verhöhnung des politischen Gegner – und traf dabei alle Töne. Die Szene war dann auf allen Kanälen zu sehen. Marine Le Pen ist salonfähig, obschon der Fundus ihrer Ideologie ganz der väterliche ist.
Sie verpackt ihn nur etwas bekömmlicher. In die Fernsehstudios schickt sie junge Kaderleute der Partei, die smart und besonnen auftreten. Bei ihren Veranstaltungen werden die Skinheads in die hintersten Reihen verbannt, damit sie nicht in den Fokus der Kameras geraten. Auf der Bühne stehen Kinder, junge Leute und Menschen aus Kulturen, die sie politisch verunglimpft. Sie herzt sie alle. Le Pen verbittet sich, dass man sie eine Rechtsextremistin nennt. «Was ist rechtsextrem?», fragt sie dann und zieht die Schultern hoch. Man hört, sie wolle auch den Parteinamen ändern. Alles dient der Operation «Entteufelung», der «Republikanisierung» des FN. Und bisher funktioniert das teuflisch gut. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.04.2012, 07:56 Uhr
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167 Kommentare
Siehe da, die einzige Region, in der Frau Le Pen die Mehrheit der Stimmen kriegte, ist in der Region um Marseille. Marseille hat den hoechsten Moslemanteil Frankreichs. Sieht so aus, dass eine Mehrheit der Franzosen dort keinen Bock mehr auf die islamische Bereicherung hat. Das wird sich immer mehr auch im Rest Frankreichs so entwickeln. Gut so. Zeit sich zu wehren. Antworten
Ich haette Marine Le Pen auch meine Stimme gegeben. Zum Glueck gibt es immer mehr mutige Politikerinnen wie sie. Ich finde es auch gut, dass sie eine Frau ist. Die Menschen in Europe haben genug von Islam und undemokratischer EU. Weiter so, Marine! Antworten
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