Kommt die radioaktive Wolke in die Schweiz?
Aktualisiert am 11.08.2010 7 Kommentare
In Russland brennen radioaktiv verseuchte Wälder. (Video: Reuters )
Sehr tiefe Werte
«Wir haben keine erhöhte Radioaktivität gemessen - trotz äussert empfindlicher Messstationen», erklärte Philipp Steinmann von der Sektion Umweltradioaktivität beim Bundesamt für Gesundheit (BAG).
Er geht davon aus, dass sich die Partikel nur lokal verbreiten. «Es gab auch schon in früheren Jahren Waldbrände in radioaktiv verseuchten Gebieten in Russland. Auch damals konnten wir in der Schweiz keine erhöhten Messwerte feststellen», sagte Steinmann.
«Derzeit messen wir nur zwischen 0,2 und 1,5 Mikro-Bequerel pro Kubikmeter, das heisst nur ein Millionstel oder weniger des Grenzwertes».
Zugelassen ist in der Schweiz ein maximaler Immissionsgrenzwert von 3 Becquerel pro Kubikmeter Luft (Bq/m3). Bei einem Wert von 30 Bq/m3 prüfen die Behörden Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung. Die Einheit Bequerel misst den Zerfall radioaktiver Teile pro Sekunde.
Empfindliche Messstationen
Das BAG betreibt ein Netz von Hoch-Volumen-Aerosolsammlern (HVS), die bereits auf kleinste Erhöhungen der Radioaktivität reagieren. In 5 Messstationen an den Standorten Oberschrot bei Plaffeien/FR, Monte Ceneri/TI, Güttingen/TG, Cern bei Genf und Klingnau/AG werden Aerosole auf grossen Filtern gesammelt und wöchentlich ausgewertet.
Zudem verfügt der Bund über das Messnetz RADAIR, das bei erhöhter Strahlung automatisch Alarm schlägt. Informiert werden die Behörden in der Schweiz zudem über Partnerorganisationen in Europa. Sollten tatsächlich radioaktive Partikel aus Russland nach Europa gelangen, würden Finnland und Polen als erste Alarm schlagen, sagte Steinmann.
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In Moskau gibt es jeden Tag über 300 Hitze-Tote. (Video: Reuters )
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Allein in den Wäldern des stark kontaminierten Gebiets Brjansk habe es 28 Brände gegeben. Diese seien aber inzwischen gelöscht, teilte die Waldschutzbehörde am Mittwoch mit. Die Region an der Grenze zu Weissrussland und zur Ukraine gilt wegen der Atomkatastrophe im nahe gelegenen ukrainischen Tschernobyl 1986 als eine der radioaktiv gefährlichsten der Welt.
Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hatte die Regierung aufgefordert, die Wahrheit über das Ausmass der Strahlengefahr zu sagen. Anfang der Woche noch bestritten Vertreter des Katastrophenschutzministeriums, dass in der Region von Brjansk Feuer ausgebrochen waren.
Behörden spielen Gefahr herunter
Nachdem sie die Brände so lange verschwiegen hatten, spielten die Behörden die möglichen Auswirkungen auf die Bevölkerung herunter. «Die Radionuklide - radioaktive Atome - sind in den vergangenen 20 Jahren in tiefere Bodenschichten gesickert», sagte der Vize- Feuerwehrchef von Brjansk, Wjatscheslaw Jakuschew. Die Gefahr einer steigenden Belastung stufte er als unerheblich ein.
Auch die Waldschutzbehörde warnte vor Panikmache. Die Situation sei nicht allzu alarmierend, sagte der stellvertretende Direktor, Wassili Tusow, nach Angaben der Agentur Interfax.
Allerdings sei die Lage im Raum Tscheljabinsk am Ural durchaus kritisch. Dort liegen mehrere Atomanlagen. Das Zivilschutzministerium kündigte erneut Sondereinsätze mit Löschflugzeugen an - unter anderem auch um die Atomanlagen in Sarow im Gebiet Nischni Nowgorod und Sneschinsk im Gebiet Tscheljabinsk. Seit Juni haben nach Angaben der Waldschutzbehörde 39 Quadratkilometer kontaminierte Fläche gebrannt.
Derzeit keine Gefahr für Westeuropa
Experten gehen davon aus, dass die Feuer, starke Winde sowie die Löscharbeiten verstrahlte Partikel aufwirbeln könnten. Die Rauchwolken werden vermutlich jedoch keinen so starken Auftrieb erhalten, dass radioaktive Stoffe bis nach Westeuropa gelangen.
Meteorologen wiesen darauf hin, dass die Wetterlage ruhig sei. «Die Luftströmungen laufen kurzfristig eher Richtung Ostseeraum und Baltikum und nicht nach Westeuropa», sagte Heinz Maurer von Meteo Schweiz.
Keine definitiven Aussagen möglich
«Wir haben nirgends Hinweise auf erhöhte Radioaktivität, auch nicht bei unseren europäischen Partnerorganisationen», erklärte Christian Fuchs, Sprecher der Nationalen Alarmzentrale (NAZ). Auch in Moskau waren nach Angaben von Nichtregierungsorganisationen, die sich mit radioaktiven Messungen befassen, keine erhöhten Werte festzustellen.
«Die Luftströmungen laufen kurzfristig eher Richtung Ostseeraum und Baltikum und nicht nach Westeuropa», sagte Maurer. Auch bei einer veränderten Wetterlage geht die NAZ davon aus, dass nur sehr kleine Mengen radioaktiver Partikel bis in die Schweiz gelangen könnten. Definitive Aussagen über Auswirkungen für Mensch und Umwelt könnten aber erst dann gemacht werden.
Brände lodern weiter
Die Rettungskräfte bekommen die verheerenden Waldbrände auch nach Wochen nicht in den Griff. Innerhalb eines Tages seien 290 neue Feuer ausgebrochen, teilte der Zivilschutz in Moskau mit. Allerdings seien auch mehr als 300 Brände gelöscht worden. Insgesamt machten die Behörden noch immer 600 Flammenherde aus.
In Moskau entspannte sich die Lage etwas, der giftige Qualm von den Torfbränden rund um die Metropole verzog sich vorerst. Allerdings lodern noch immer zahlreiche Feuer in der Nähe der Hauptstadt. (bru/sda)
Erstellt: 11.08.2010, 19:08 Uhr
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7 Kommentare
Möglich ist alles, entscheidend ist die Wahrscheinlichkeit. Da wir am nassen westlichen Ende einer riesigen Omega-Wetterlage hängen, kann nach derzeitigem Wissen getrost davon ausgegangen werden, dass - der allenfalls radioaktive Partikel führende Wind nicht in Richtung Mitteleuropa weht, und - die von West nach Ost ziehenden Regenfronten den gefährlichen Staub +/- in situ auswaschen werden. Antworten
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