«Italiens Einigung war kein Gutmenschen-Projekt»
Von René Lenzin, Turin. Aktualisiert am 17.03.2011 9 Kommentare
Spektakel zum 150-Jahre-Jubiläum: Feuerwerk über dem Kolosseum in Rom am 16. März 2011. (Bild: Keystone )
Sergio Chiamparino: Der 62-Jährige ist noch bis Mitte Mai Bürgermeister von Turin. Er gehört dem Partito Democratico an und gilt als ein möglicher Spitzenkandidat bei künftigen Wahlen. (Bild: AFP )
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Italien kriselt sowohl innenpolitisch als auch wirtschaftlich. Ist das ein guter Moment, um 150 Jahre italienische Einigung zu feiern?
Das Ereignis findet nun einmal statt. Es nicht zu feiern, würde heissen, vor der politischen, wirtschaftlichen – und auch moralischen – Krise zu kapitulieren. Zudem können die Feiern dazu beitragen, den öffentlich-nationalen Geist zu stärken und die Krise zu überwinden.
Man hat den Eindruck, die Politik und die Bevölkerung hätten nicht wirklich Lust zu feiern.
Wie soll Feststimmung aufkommen, wenn die Regierung gespalten ist in der Frage, ob der 17. März ein Fest- oder ein Arbeitstag sein soll? Trotzdem habe ich aus Turiner Sicht das Gefühl, dass die Festfreude langsam aufkommt. So gibt es schon über 200 000 Reservationen für die Ausstellungen in Turin. Und es kommen viele Anfragen aus der Bevölkerung, ob wir Flaggen verteilen, um die Häuser zu schmücken.
Als Bürgermeister Turins müssen Sie natürlich optimistisch sein.
Meine Erfahrung lehrt mich, dass die Italiener letztlich feiern werden. Nehmen Sie die Winterolympiade von 2006: Eine Woche vor der Eröffnung gab es nur verärgerte und skeptische Leute. Als die Fackel dann nach Turin kam, hat sich die Stimmung schlagartig ins Gegenteil verkehrt. Das wird auch diesmal wieder passieren. Daher habe ich mich auch dafür eingesetzt, dass der 17.?März ein Feiertag ist. Kongresse und öffentliche Feiern sind ja schön und gut. Aber die gewöhnlichen Leute feiern kaum, wenn sie um sechs Uhr aufstehen und zur Schule oder zur Arbeit gehen müssen.
Die italienische Einigung ging vom Piemont aus. Was bedeutet es heute, Piemontese zu sein?
Die Piemontesen haben bei der italienischen Einigung zweifellos eine bedeutende Rolle gespielt. Nicht etwa, weil sie bessere Menschen gewesen wären als die anderen. Die italienische Einigung war kein Gutmenschen-Projekt, sondern beruhte auf der Einsicht, dass kleine Reiche angesichts der nationalen Konzentrationsprozesse in Europa keine Rolle mehr spielen würden. Die Piemontesen tragen die Verantwortung, einen Prozess mit weitreichenden Folgen angestossen zu haben – einen Prozess, der in die richtige Richtung ging, um den Völkern eine Zukunft zu geben.
Ob das die Leute in Süditalienauch so sahen und sehen?
Ich komme viel im Land herum. Ich glaube nicht, dass es heute noch einen neobourbonischen Revanchismus im Süden oder einen antiitalienischen Geist gibt. Auch wenn natürlich die sezessionistische Seele der Lega Nord ab und zu zum Vorschein kommt.
Und ausgerechnet im Jubiläumsjahr regiert ein Leghist das Piemont.
Bisher war Roberto Cota moderat und hat sich nicht offen gegen das Fest der italienischen Einigung ausgesprochen. Schauen Sie: Innerhalb der Lega gibt es tiefe Spaltungen, was auch mit dem bereits eröffneten Kampf um die Nachfolge von Umberto Bossi zu tun hat. Wie in allen Parteien positionieren sich in einer solchen Situation die möglichen Nachfolger. Das fördert diese unterschiedlichen Strömungen zusätzlich.
Für viele gilt der historische Spruch «Wir haben Italien gemacht, nun müssen wir die Italiener machen» immer noch. Auch für Sie?
Ich glaube, das Problem Italiens ist ein anderes. Nach dem Faschismus organisierten sich die grossen Parteien um den Katholizismus und den Kommunismus – Bewegungen, die im Grunde die Partei mit dem Staat verwechselten. Dies hat nicht mitgeholfen, das Zugehörigkeitsgefühl der Italiener zum Staat zu fördern. Sie führten immer eine Art Doppelleben, waren gleichzeitig Bürger Italiens und einer politischen Partei. Die Frage ist deshalb weniger, ob sich Sizilianer als Italiener fühlen, sondern ob sie sich im Staat wiedererkennen.
Die gegenwärtige Regierung scheint das Land mehr zu spalten als zu einen. Wird sie bald stürzen?
Wenn es keine externen Schockereignisse gibt, dann glaube ich nicht, dass sich etwas ändert. Die Parlamentarier haben kein Interesse an Neuwahlen, weil die meisten aufgrund des Wahlrechts nicht sicher sein können, wiedergewählt zu werden. Sie hängen von denjenigen ab, welche die Wahllisten zusammenstellen. Nach dem gescheiterten Angriff von Gianfranco Fini kehren viele Parlamentarier zu Berlusconi zurück, um sich einen Platz für künftige Wahlen zu sichern.
Wie muss sich Ihre Partei, der Partito democratico, aufstellen, wenn es doch zu Wahlen kommt?
Im Vordergrund steht eine Koalition mit Antonio Di Pietro und Nichi Vendola.
Weshalb keine Grosse Koalition mit Fini und Casinis Zentrumsunion?
Reale Wahlen haben nichts mit dem Zusammenzählen von Umfrageergebnissen zu tun. Wenn Fini und Vendola auf derselben Liste sind, verliert der eine oder der andere alles. Zudem: Mit Casini und seiner konservativen Haltung zu gleichgeschlechtlichen Paaren können wir doch nicht zusammengehen.
Kann die Koalition mit Vendola und Di Pietro 30 Prozent erreichen?
Sogar mehr. Wenn jetzt Wahlen wären, könnte ein Ergebnis ohne Mehrheit herauskommen. Wer auch immer die Abgeordnetenkammer gewinnt, wird aufgrund des unterschiedlichen Wahlrechts den Senat nicht gewinnen. Statt Oppositionsführer Bersani oder Berlusconi könnte Staatspräsident Napolitano dann Personen wie Giulio Tremonti oder Mario Monti den Auftrag zur Regierungsbildung geben. Viele wollen keine Wahlen, damit es nicht zu einem solchen Szenario kommt.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.03.2011, 11:03 Uhr
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