«Irak stand nicht zuoberst auf der Liste»

Frühere Spitzenbeamte des britischen Aussenministeriums haben vor dem Untersuchungsausschuss zum Irak-Krieg pikante Aussagen gemacht. Damit wird die Erklärungsnot von Ex-Premier Tony Blair noch grösser.

Er war nicht der gefährlichste Diktator: Saddam Hussein, der Ende 2006 hingerichtet wurde.

Er war nicht der gefährlichste Diktator: Saddam Hussein, der Ende 2006 hingerichtet wurde. (Bild: Keystone)

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Mehr als sechseinhalb Jahre nach dem Einmarsch in den Irak untersucht ein Ausschuss in London die Hintergründe des britischen Einsatzes im Irak. Der damalige Premier Tony Blair hatte die Briten an der Seite der USA in den Krieg gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein geführt - gegen den Willen der Mehrheit der Briten und ohne Mandat der Vereinten Nationen. Um die Irak-Invasion zu begründen, hatte Blair behauptet, dass der Irak über rasch einsetzbare Massenvernichtungswaffen verfüge. Zudem arbeite das Regime in Bagdad mit dem Terrornetzwerk al-Qaida zusammen. Der Irak sei eine Gefahr für die Sicherheit im Nahen Osten, sagte Blair.

Die Befragungen des britischen Untersuchungsausschusses, die am Dienstag begonnen haben, liefern nun ein anderes Bedrohungsbild zu Beginn dieses Jahrzehnts. Bezüglich Nuklearwaffen seien der Iran, Nordkorea und Libyen ein grösseres Thema gewesen als der Irak, sagte Sir William Ehrman, wie die Zeitung «Telegraph» auf ihrer Webseite berichtet. Ehrman amtete von 2000 bis 2002 als Direktor der Abteilung für internationale Sicherheit im Aussenministerium in London.

Irak war nicht bereit für Atomwaffen

Ähnliche Aussagen machte Tim Dowse, ein anderer hochrangiger Beamter im Aussenministerium. «Der Irak stand nicht zuoberst auf der Liste», sagte Dowse. «Wahrscheinlich habe ich deutlich mehr Zeit aufgewendet für den Iran, Libyen und den pakistanischen Nuklearphysiker Khan.» Im Aussenministerium sei man überzeugt gewesen, dass der Irak aufgrund der Sanktionen in den Neunziger Jahren wirksam geschwächt worden sei, was die Entwicklung von Nuklearwaffen angehe. «Bei den chemischen und biologischen Waffen waren wir nicht so sicher.» Tim Dowse sagte weiter, dass es praktisch keine Zusammenarbeit zwischen dem Regime von Saddam Hussein und al-Qaida gegeben habe.

In den Befragungen der früheren Spitzenbeamten Dowse und Ehrman wurde deutlich, dass der Irak zu Beginn dieses Jahrzehnts nicht in der Lage war, sein früheres Nuklearwaffenprogramm neu zu starten. Selbst wenn die internationale Gemeinschaft die Sanktionen gelockert hätte, hätte der Irak mindestens fünf Jahre gebraucht, um Atomwaffen zu entwickeln, lautet das Fazit der Befragung.

Tony Blair tritt Anfang 2010 vor Ausschuss auf

Die ersten Ergebnisse des Ausschusses, der die Irak-Politik der britischen Regierung seit 2001 beleuchten will, bringen den damaligen Ministerpräsidenten Tony Blair in Bedrängnis. Blair wird sich voraussichtlich Anfang des nächsten Jahres vor dem Ausschuss erklären. Auch der aktuelle Premierminister Gordon Brown wird sich dem Untersuchungsausschuss stellen. Der Vorsitzende des Ausschusses, John Chilcot, erklärte, dass ein Ergebnis bis Ende 2010 vorliegen solle. Das wäre erst nach den kommenden Parlamentswahlen, die bis spätestens Frühjahr 2010 stattfinden müssen.

Grossbritannien war der wichtigste Verbündete der USA, als diese im März 2003 im Irak einmarschierten. Anfangs waren dort 46'000 britische Soldaten stationiert. 179 britische Soldaten kamen ums Leben. Der Einsatz der Briten endete offiziell im Juli dieses Jahres. (vin)

Erstellt: 25.11.2009, 15:59 Uhr

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