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In Kosovo ist der religiöse Friede gefährdet

Von Enver Robelli, Pristina. Aktualisiert am 30.07.2010 11 Kommentare

Diskussionen um Kopftuchverbot und Mutter Teresa verschärfen das Klima.

Diskussionen um das Kopftuchverbot sorgen für böses Blut: Muslime in Kosovo.

Diskussionen um das Kopftuchverbot sorgen für böses Blut: Muslime in Kosovo.

Wenn der Grossmufti Kosovos ausländische Gäste empfängt, gibt er sich freundlich. Naim Ternava liebt die Wohlfühlrhetorik. Im Gespräch betet er wohlklingende Schlagworte herunter, er sagt, der Islam sei eine friedliche Religion, er lobt den freiheitlichen Verfassungsstaat, die Demokratie und die Menschenrechte.

In einer Frage zeigt sich das geistliche Oberhaupt der kosovarischen Muslime aber kompromisslos. Er verlangt, dass an öffentlichen Schulen in Kosovo das Tragen von Kopftüchern erlaubt werde. Das Kopftuch, donnert Ternava, sei eine religiöse Pflicht. Dass der Koran die Kopfbedeckung für muslimische Frauen und Mädchen mit keinem Wort erwähnt, regt den Grossmufti nicht zum Nachdenken an. Er sucht den Streit mit der Regierung, die kürzlich ein Kopftuchverbot an Grund- und Mittelschulen verhängt hat.

Debatte über Islam hat erst begonnen

Notfalls werde man den jungen Staat Kosovo vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verklagen, drohte Ternava diese Woche. Bildungsminister Enver Hoxhaj beruft sich unbeeindruckt auf das Grundgesetz, der Kosovo als säkularen Staat mit einer neutralen Haltung gegenüber Religionen definiert. «Wer damit nicht einverstanden ist, kann sich an das Verfassungsgericht wenden», sagt Hoxhaj.

Aber die Debatte über die Rolle des Islam in der kosovarischen Gesellschaft hat erst begonnen. Ausgelöst wurde sie nach einer Protestkundgebung von etwa 5000 Muslimen, die Mitte Juni durch die Hauptstadt Pristina zogen. Erstmals in der jüngeren Geschichte Kosovos zeigten die selbst ernannten Rechtgläubigen eine derartige öffentliche Präsenz. Die grosse Mehrheit der 2 Millionen Kosovo-Albaner praktiziert den muslimischen Glauben nicht aktiv, man pflegt einen lockeren Umgang mit dem Islam, und die religionsferne politische Elite betont stets die Allianz mit den USA und Europa. Schliesslich haben nicht arabische Länder Kosovo von der serbischen Herrschaft erlöst, sondern der Westen.

Die Armut ausnutzen

Ähnlich wie die Muslime in Bosnien sind auch die Albaner der religiösen Schule der Hanafiten zuzurechnen, die ausser dem Koran und der Sunna – den Handlungen des Propheten – auch dem pragmatischen Urteil und der Vernunft Bedeutung beimisst. Dieser liberalen Schule gehören weltweit mehr als 350?Millionen oder 42 Prozent aller islamischen Gläubigen an. Fanatische Strömungen hatten auf dem Balkan kaum Chancen, weil die Türken, die den Islam dorthin brachten, der hanafitischen Rechtsschule anhingen.

Diese Tradition des Islam in Bosnien, Albanien und Kosovo stellt seit Jahren eine kleine Bewegung religiöser Fundamentalisten in Frage. Meistens handelt es sich dabei um junge Männer, die in den Golfstaaten studiert haben und von angeblichen Hilfsorganisationen aus Saudiarabien unterstützt werden. Im Volksmund werden sie Wahhabiten genannt. Diese Bezeichnung für die Anhänger der in Saudiarabien geltenden, besonders rigiden Version des Islam lehnen sie ab und nennen sich Rechtgläubige. Sie missionieren vor allem auf dem Land, wo die Armut verheerend ist. In Pristina betreiben sie zudem mehrere Herbergen für arme Studenten.

Zur Verhüllung gezwungen

Kürzlich sahen sich die kosovarischen Behörden gezwungen, eine Moschee in der Region Drenica zu schliessen und den aus Albanien stammenden Imam des Landes zu verweisen. Er hatte die schlechte soziale Lage der Bevölkerung ausgenutzt, um den radikalen Islam zu propagieren. Wie aggressiv die Fundamentalisten vorgehen, zeigt der Fall des liberalen Theologen Xhabir Hamiti. Er wurde in Pristina verprügelt, nachdem er die Eiferer kritisiert und das Kopftuchtragen nicht als oberste Priorität für Frauen bezeichnet hatte.

Lascher Umgang mit Fundamentalisten

Ende Mai nahm die Polizei in der Stadt Prizren fünf Extremisten fest und beschlagnahmte zahlreiche Waffen. Sie sollen einen Mann verprügelt haben, der Bibeln verteilte. Die Soziologin Sibel Halimi kritisiert den laschen Umgang mit den Fundamentalisten. Die Regierung habe deren Einfluss lange unterschätzt. Viele Frauen würden von den Männern, die als Versorger der Familie eine dominierende Rolle besässen, zur Verhüllung ihres Körpers gezwungen, sagt Halimi.

Als Führer der Fundamentalisten in Kosovo gilt Shefqet Krasniqi, der Hauptimam der Grossen Moschee in Pristina. Schlagzeilen machte er voriges Jahr, als er in einer umstrittenen Predigt sagte, die albanischstämmige Nonne Mutter Teresa gehöre in die Hölle, weil sie keine Muslimin gewesen sei. Solche Entgleisungen gefährden den religiösen Frieden in Kosovo, wo neben der muslimischen Mehrheit auch eine albanisch-katholische und eine serbisch-orthodoxe Gemeinschaft leben. Viele Kosovo-Albaner muslimischen Glaubens empfinden das Kopftuchverbot und den Bau einer neuen Kathedrale zu Ehren von Mutter Teresa im Zentrum Pristinas als Affront. Das Gotteshaus soll noch dieses Jahr anlässlich der Feiern zum 100. Geburtstag der Ordensmutter eingeweiht werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.07.2010, 23:22 Uhr

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11 Kommentare

Jasemin Rova

23.08.2010, 16:12 Uhr
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Die Albaner im Kosovo sollten nicht vergessen wer Ihre wirklichen Vorfahren waren und wer Ihnen mit Zwang und Bestechung den muslimischen Glauben aufgezwungen hat... Wie kann eine Sache die mit Gewalt und Erpressung zu tun hat positiv sein? Ich denke es fehlt hier an Bildung und wie schon im obigen Artikel erwähnt, es war der Westen, die Christen die geholfen haben nicht die Moslems... Antworten


Blerim Gashi

02.08.2010, 03:22 Uhr
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Kosova ist offen für religion. Alle können bauen was Sie wollen. Nur in Kosova ist alles Weltoffen und jeder kann seinen glauben ohne probleme ausüben. Antworten


DAut Kabashi

31.07.2010, 13:21 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Also mal ganz ehrlich, in Prishtina wird eine Kathedrale zu ehren Mutter Theresa gebaut und in der Schweiz werden Minarette von der Mehrheit der Bevölkerung verboten, wo ist jetzt der religiöse Friede am meisten gefährdet? In einem Land mit einer Minderheit, oder in einem mit einer Mehrheit? Wer einen Taschenrechner hat, ist klar im Vorteil. Antworten


Arian Muhaxheri

30.07.2010, 22:20 Uhr
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Frau SIbel Halimi hat vollkommen Recht. Ich beobachte das kranke Geschehen mit Sorge. Religion hat unter der albanischen Bevölkerung nie eine wirkliche Rolle gespielt und nun kommen Fundamentalisten in Kosova und verbreiten Angst. Sie fordern jugendliche zu Verachtung gegenüber anderen Glaubensgemeinschaften. Sie fordern Väter auf ihre Töchter zu schlagen, wenn sie sich nicht moslemisch kleiden! Antworten


Emini Abel

30.07.2010, 13:16 Uhr
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Ich bin albanischer Muslime aus Mazedonien und ehre Mutter Teresa. Die Kathedrale ersehe ich als richtig. Das Kopftuchverbot ist völlig gerecht. Antworten


Kadrija Ekrem

30.07.2010, 11:02 Uhr
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Sehr geehrter Herr Lucius Mayer Sie verwechseln Kosovo mit Albanien. In Albanien war Religionsverbot in der Kommunistenzeit während Enver Hoxha, dagagen konnten die Kosovo-Albaner ihre Religion während des Kommunismus in Jugoslawien immer ausüben. Die Albaner unter sich, sehen keinen Unterschied zwischen Islam und Christentum. Der Nationale zusammenhalt ist stärker als die Religion. Antworten


Kusi Meier

30.07.2010, 09:05 Uhr
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So tolerant ist die Türkei auch nicht. Es ist noch nicht lange her, da wurden in der Türkei missionarische Christen umgebracht. Es gibt so gut wie keine toleranten islamischen Ländern, in allen sind die Fundamentalisten im Vormarsch. Kein Wunder, wenn sie in allen Ländern damit Erfolg haben. Der Islam entwickelt sich leider immer mehr in eine Richtung, dass er zu einem grossen Problem wird. Antworten


lucius mayer

30.07.2010, 07:33 Uhr
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Das Christentum und der Islam sind missionierenden Religionen. In Kosovo, wo die Religion während 50 Jahre Kommunismus als etwas Rückständiges galt, ist die Konkurrenz voll entbrannt. Meistens hat Karl Marx mit seiner Einschätzung leider recht: «Religion ist Opium fürs Volk.» Antworten


Anna Schweizer

30.07.2010, 05:40 Uhr
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Egal wo: Das Tragen des Kopftuches ist wohl auch nach der Ansicht vieler Muslime keine Bedingung des Islams, wer hingegen das Tragen einer religiösen Kopfbedeckung verbieten möchte und sich dadurch noch als Prophet von Freiheit und Selbstbestimmung versteht, bevormundet unnötig Menschen und tut damit genau das, was er dem Islam unterstellt. Antworten


Kelmendi Betim

30.07.2010, 05:23 Uhr
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Man muss aber auch sagen, dass in der Schweiz in jedem Kanton etliche Neonazigruppierungen existieren, in Kosovo gibt es sowas nicht,das kennt man dort gar nicht, dafür eine ganz kleine minderheit solcher Wahabiten die von Saudis bezahlt werden. Aber deswegen den Frieden in der Schweiz anzuzweifeln ist wohl übertrieben, wie es auch übertrieben von gefärdung des Friedens in Kosovo zu sprechen. Antworten


Kelmendi Betim

30.07.2010, 05:21 Uhr
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Es ist immer das gleiche, Menschen der unteren Sozial- und Bildungschicht sind immer von solchen Manipulationen gefährdet, wenn sogar ethnische Deutsche manipuliert werden, so muss man sich nicht wundern wen das auch bei Muslimen klappt. Antworten



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